Anders leben

Helfen ‚Brüche im Leben‘, das eigene Leben zu ändern?

Das tun sie definitiv. Aber sind sie auch notwendig? Ich persönlich bin ja auf Grund meiner Vita quasi ein Spezialist für Lebensbrüche. Immer wieder hat sich mein Leben um die berühmten 180 Grad gedreht. Obwohl das nicht stimmt, das Bild ist zu statisch, es gibt die Situationen, die ich er- und durchlebt habe nicht wirklich wieder. Es war nämlich stets eher so etwas wie eine Reise in ein anderes Universum. Oder, nicht ganz so theatralisch, in ein unbekanntes Land.

Ich bin ja gerade im Urlaub, in der Toscana. Alles noch sehr ähnlich wie bei uns zu Hause in Franken. Aber eben nur ähnlich. Denn die Menschen haben eine ganz andere Kultur. Und die zeigt sich bei und in so ziemlich allem. Wie die Straßen oder auch die Häuser gebaut sind, wie sie eingerichtet sind, wie sie sich kleiden, wann und wo sie essen, wie und was sie kochen. Einfach so ziemlich alles. Bis hin zur Musik. Und wenn ich nach Sizilien fahren würde, wären sie wahrscheinlich nochmals anders.

Es ist also die Kultur, die sie uns so ganz anders zu sein scheinen lässt. Wenn ich aber einmal ganz vorne anfange, die Menschen einmal genau betrachte, dann stelle ich fest, dass Italiener in der Regel zwar ein bisschen kleiner sind als wir zu Hause. Aber sie haben genau wie wir Beine, Arme, Ohren, Hände und so weiter. Und ich wette, sie verdauen ihr Essen nach dem gleichen Prinzip wie Franken das auch tun. Und ihre Gehirne werden auf die gleiche Weise funktionieren wie unsere. Nur die Programme, die sie ablaufen lassen, das sind andere. Und genau das zeigt sich in der Kultur, wobei ich auch Werte dazu zählen würde.

Mir ist das so wichtig, weil darin etwas für mich Wichtiges drin steckt. Sie haben eine identische Funktionsweise, nur die Programme, die sie laufen lassen sind – warum auch immer – die sind andere. Sie sind also auf der Anwenderseite anders, weil sie sich eben anders programmiert haben. Aber die Hardware ist identisch. Und das zu wissen ist verdammt wichtig. Und macht es letztlich einfach, seinen Lebensstil zu verändern. Wenn man das will oder auch muss. Egal. Denn eines steht fest. Man muss die Hardware nicht austauschen. Heißt das, man bleibt die oder der selbe? Irgendwie schon und doch auch wieder nicht!

Und damit sind wir bei der knuffigen Frage angekommen, was uns eigentlich im Kern (!) ausmacht. Das, was uns im Kern ausmacht, dass wir also Menschen sind, macht nicht wirklich den Unterschied. Und wenn wir noch weiter gehen, wir haben ja auch eine ziemliche Ähnlichkeit mit manchen Tieren. Das, was mich letztlich ausmacht, das sind also die Programme, die ich auf der Hardware laufen lasse. Und jetzt wird es interessant. Identifiziere ich mich mit dem, was ich bin, dann bricht die (also meine kleine) Welt zusammen, wenn ich die ändern soll. Dann fängt mein Ego ganz heftig an zu rotieren und um sich zu schlagen.

Ist ja auch logisch, denn das Programm neu zu schreiben bringt es um die Ecke. Das Ego ist nämlich nichts anderes als die Identifikation mit (m)einem jederzeit (!) änderbaren Lebensprogramm. Das ist der ganze Witz, die ganze Illusion, der wir so wunderbar aufsitzen. Ein Trugbild. Eine Illusion! Wir halten etwas für gegeben, das es nicht ist. Und haben Panik, es zu verlieren, wenn sich was ändert im Leben. Oder ändern soll.

Es ist schon komisch. Wir würden nicht leben können, blieben wir immer exakt das, was wir vorher waren. Wenn sich unser Körper nicht mehr ändern kann, wenn wir nicht mehr in Bewegung sind, dann sind wir tot. Und wenn sich ein Baum veränderten Umweltbedingungen nicht anpassen könnte, dann würde er sterben. Es geht also nicht um Brüche, sondern um Veränderungen. Oder Entwicklungen. Was Ihnen besser gefällt. Brüche sind es nämlich nur, wenn wir es eigentlich nicht gewollt haben. Dann erleben wir es eben so. Alles nur eine Frage der Perspektive? Exakt!

Bruch, Veränderung, Entwicklung. Wir haben die Wahl. Es ist unsere Entscheidung. Eine Frage unseres Beharrungsvermögens. Hart, dann Bruch. Flexibel, dann Veränderung. Fließend, dann Entwicklung. Viel Ego, mäßiges Ego, kaum Ego. Würde ein Psychologe vielleicht dazu sagen. Das Ego als Ausdruck und Maßstab unseres Beharrungsdranges – und nicht Beharrungsvermögens! Vermögen wäre ja was Positives. Ist es aber nicht.

Also, wenn Sie bleiben wollen, wie Sie sind und absolut nichts ändern wollen, dann haben Sie keinen Grund etwas anders zu machen als bisher. Wenn Sie aber etwas ändern wollen, dann machen Sie sich klar, was Sie wollen. Bruch, Veränderung oder Entwicklung. Entscheiden Sie sich für Entwicklung, haben Sie nämlich schon einen ersten Schritt zur Kulturveränderung – Pardon, Kulturentwicklung gemacht. Und dabei das Ego, also Ihren Beharrungsdrang, drastisch heruntergesetzt. Sie haben es schlicht und einfach ausgeschaltet oder ihm zumindest seine Wirkkraft genommen.

Obwohl, geht es denn überhaupt um ein Ego? Tut es natürlich nicht. Ego ist ja nichts anderes als eine Beschreibung für unerwünschtes eigenes Verhalten. Und darüber kann man stundenlang diskutieren, so lange man auf etwas beharrt. Lässt man das sein, löst es sich in Wohlgefallen auf. Nur eine Idee, nur ein geistiges Produkt. Heißt das jetzt, dass alles, was mir passiert, Ausdruck eines geistigen Prozesses ist? Genau, das will ich sagen! Natürlich kann ich äußere Bedingungen nicht einfach wegdenken. Aber wie ich damit umgehe, das habe ich absolut unter Kontrolle.

Und damit bin ich wieder bei der Kultur hier in der Toscana. Das ist die Antwort der Menschen hier, auf ihre Umwelt zu reagieren. In der Kultur werden die geistigen Programme sichtbar, ob sie jetzt bewusst oder unbewusst sind, egal ob implizit oder explizit. Wenn man das weiß und sich entwickeln will – und sich nicht verändern muss – dann sollte man sich einmal Gedanken über die Kultur machen, die man leben will. Dazu passt dieser Gedanke von Huang-Po in Der Geist des Ch’an perfekt:

Was Buddha lehrt, hat nur das eine Ziel:
Des Denkens Raum zu überqueren.
Ist still geworden der Gedanken Spiel,
Was nützen dann noch Buddhas Lehren?

Zugegeben, das ist jetzt vielleicht ein wenig um die Ecke gedacht. Setzen Sie sich einmal ruhig hin und seien Sie sich bewusst, was Sie wollen. Ohne es in irgendeiner Form zu bewerten. Wenn Sie das hinkriegen, ganz ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, Sie werden aufstehen und wissen, was zu tun ist. Ohne darüber nachzudenken.

Dann hören Sie auch damit auf, etwas entwickeln zu wollen. Sie machen es einfach. Aber vorher muss man sich diesen ganzen Schmonzes bewusst machen, sonst kriegt man die geistig-mentalen Programme, die einen in die Irre führen, einfach nicht ausgeschaltet. Ob also Bruch (Sie wollen es eigentlich nicht) oder Veränderung (Sie hätten es eigentlich lieber wie früher) oder Entwicklung (Sie sind bereit für was Neues, weil sich was ändern muss) das ist Ihre Entscheidung. Oder Sie tun einfach, was zu tun ist. Dazu müssen Sie nichts anderes tun, als Ihre Vorstellung von einem beständigen Selbst, von einem Ich bin des oder das, also jegliche Identifikation mit einem Aspekt Ihres Lebens aufgegeben haben. Nur die Identifikation, nichts sonst! Tschüs Ego! War eine witzige Zeit mit dir, aber jetzt lebe ich ohne dich. Und – schwups – ist es weg. Eben eine Illusion.

Also, wenn das mal kein Bruch im Leben ist, der es in sich hat! So werden es nämlich die anderen erleben. Aber Sie nicht mehr. Vorbei, Ende der Illusionen. Keine Brüche mehr. Sondern mit dem Leben fließen. Was sag ich, einfach leben!

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.

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