Anfangen. Doch womit?

Bevor wir uns auf die Reise nach uns selbst aufmachen, ja aufmachen können, müssen wir uns darüber bewusst sein, wo denn die Reise hingehen soll. Und genau damit haben wir ein erstes ernsthaftes Problem.

Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt und auch ausreichend untersucht und belegt, dass unser größtes Problem wir selbst sind. Naja, nicht wirklich wir, sondern eher eine Eigenart unseres Gehirns. Das ist nämlich – warum auch immer – süchtig nach Belohnungen. Genug ist eben nie genug. Also ist die erste und vielleicht die entscheidende Frage, wie wir aus diesem autodestruktiven und auch autoaggressiven Teufelskreis herauskommen. Nur darf man dann nicht denken ‚Ich doch nicht!‘, sondern man muss es an sich heranlassen und sich darauf einlassen.

Ich sitze gerade hier in meinem Sessel, den Laptop auf den Knien und schreibe. Es ist ziemlich dunkel geworden, es läuft gute Musik, es ist angenehm warm. Und ich merke, wie sich Frieden in mir eingestellt hat. Ich bin ruhig, bin bei dem, was ich tue. Und irgendwie ist alles gut. Keine Ablenkung, Konzentration auf das, was gerade ist, Leichtigkeit. Ich habe den Lärm der Welt, diese ständige Unruhe und latente Aggression nicht draußen gelassen, ich habe sie einfach nicht in meine Welt hereingenommen, einfach deshalb, weil ich mich gedanklich nicht damit beschäftigt habe.

Ich habe einfach nicht daran gedacht. Obwohl es nicht wirklich still war, empfand ich es als vollkommen still. Sowie Allan Watts es in seinem Buch umschreibt: ‚Im Auge des Hurrikans bist du sicher‘. Ich frage mich in solchen Augenblicken, warum die Stille manchmal zur Einsamkeit wird. Ganz einfach: Wenn ich etwas will, wenn mich etwas nach Belohnung suchen lässt, sei es ein Stück Kuchen oder einen Beitrag schreiben zu wollen, nur des Schreibens wegen. Und damit bin ich wieder beim Thema. Denn diese Sucht nach Belohnung funktioniert ganz automatisch. Und da können wir noch so viele gute Absichten haben, es klappt einfach nicht. Also andersherum gefragt: Was macht diesen Moment gerade anders? Es kommt zur Konzentration noch etwas ganz wesentliches hinzu: Das Wesentliche. Und irgendwie auch das Eigentliche.

Was also kann ich tun, um diese Sucht – und ja, es ist eine Sucht! – abzustellen? Das Programm, das ich für mich gefunden oder erkannt habe, ist ganz schlicht. Ein klares Ziel, kein Schnick-Schnack, Disziplin und ein funktionierendes Controlling. Wenn ich beispielsweise abnehmen will, dann funktioniert das ganz einfach: Weniger essen und täglich auf die Waage. Das wirft natürlich die Frage auf, wann ich denn abnehmen will. Und warum. Wohlfühlgewicht? Irgendwie schon.

Auf diese Weise können wir nämlich unser Belohnungssystem für das Stimmige arbeiten lassen. Wenn wir mit unserem Gewicht hadern, dann wird es nichts, dann ist der berüchtigte Jo-Jo-Effekt vorprogrammiert. Was wir brauchen – und zwar immer, wenn wir in unserem Leben etwas ändern wollen – ist ein Zustand, den wir unbedingt erreichen wollen. Und zwar mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Mit Begeisterung also. Aber eben nicht nur. Begeisterung und Disziplin. Wir brauchen unbedingt beides.

Also mache ich mich auf die Suche nach dem, was mich wirklich begeistert, was mich wirklich erfüllt und zufrieden sein lässt. Doch woher weiß ich, dass das auch dauerhaft trägt und ich nicht nur wieder in einer Wohlfühl-Belohnungs-Schleife stecke? Ein Kriterium ist sicher das alte Prinzip griechischer Denker: ‚Maßhalten ist das Beste.‘ Und ein ethisches Konzept, damit sich das Maßhalten nicht nur auf das Essen bezieht. Was wir auch brauchen, ist maximale Souveränität. Dann können wir es uns auch leisten, zu unseren Schwächen zu stehen und über sie zu lachen.

Aber etwas fehlt noch. Und das ist die Gemeinschaft mit einem Primus inter Pares. Wir Menschen sind nun einmal dem Diktat der Selbstorganisation unterworfen, ob es uns nun gefällt oder nicht. Also können wir immer nur unser eigenen Controller sein. Und Disziplin hilft wirklich nicht, im Gegenteil. Also brauchen wir Selbstdisziplin. Nur wie kommen wir aus den eigenen Schleifen heraus? Eben durch die Gemeinschaft. Übrigens hat, ganz nebenbei, die Gemeinschaftsbildung die gleiche Struktur wie der Weg zum Dialog: Raus aus der Konvention, den damit aufkommenden inneren Konflikt aushalten und zur Selbstreflexion finden. Dann geht die Tür zum Sinn-Raum wie zur wirklichen Gemeinschaft auf.

Gemeinschaft und Dialog. Ein Weg zur Autonomie und wirklicher Selbstbestimmung? Ich sage ja. Und zwar uneingeschränkt ja!

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.