Begeisterung

Für uns existiert nur, wovon wir begeistert sind.

Und das sind nicht zwingend das Schöne, Gute und Wahre, sondern eben auch das Hässliche, das Destruktive und die Lüge. Noch übler ist, wenn wir unsere Begeisterung gar nicht mehr wahrnehmen, nicht merken, wenn wir uns für trübe oder destruktive Gedanken begeistern.

Dann sieht die Welt grau und fad aus und wir fühlen uns kraftlos und niedergeschlagen – und streben doch genau danach, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Es ist unser Lebensgefühl, in dem sich unsere wahre Begeisterung widerspiegelt. Wir glauben, wir würden uns für äußere Dinge begeistern, etwa Schönes oder Wahres, dabei sehen wir in den Dingen doch nur, was wir erleben wollen, wonach wir streben.

Das ist die schlechte Botschaft; das Erfreuliche ist, es gibt auch eine gute. Es ist, wie Vergil zu Dante sagt:: ‚Es gibt einen Weg der Befreiung, aber er führt durch die Hölle.‘ Die Hölle ist die Selbsterkenntnis, nicht dessen, was man sein könnte oder glaubt, sein zu können oder gerne wäre, sondern was man ist. Egozentrisch, kleinmütig, voller Vorurteile und angefüllt mit Besser-Wissen. Und so weiter und so fort. Sich das einzugestehen ist die Hölle. Und da muss man durch. Je gerader und direkter, desto schneller sieht man das Licht am Ende des Tunnels.

Das bedeutet zwingend, sich zu bewegen. Der Tunnel, durch den wir hindurch müssen, ist nämlich ein Teil eines Tunnelsystems, das einem Irrgarten ziemlich nahe kommt. Doch wie wird aus dem Irrgarten ein Labyrinth, ein wirklicher Weg der Selbsterkenntnis? Selbsterkenntnis in diesem Sinne ist nicht der Weg der Selbsterfahrung, sondern der Weg zum Ursprung, denn allein darin gründet unser Wesen.

Wer allein auf seine eigene Intuition und sein eigenes Wissen (die beiden sind übrigens unzertrennlich) vertraut, wird möglicherweise lange herumirren. ‚Bewusstheit‘, werden jetzt manche denken. Doch Bewusstheit von was? Ein Zen-Meister würde sagen‚ dass die Skandhas leer sind. Ein moderner Persönlichkeitsforscher würde sagen, dass wir autopoietische, strukturdeterminierte und selbstorganisierte Wesen sind. Beide Aussagen laufen auf dasselbe hinaus und beiden ist gemein, dass es gar nicht so einfach ist, sich dessen bewusst zu sein. Bewusstsein ist nämlich eine innere Erfahrung und kein intellektuelles Wissen.

Wer in der Lage ist, sich auf diese Gedanken einzulassen, der begreift, dass er nicht mehr auf äußere Umstände reagiert, die sein Leben bestimmen, sondern dass er selbst es ist, der sein Leben ganz alleine managet (und auch verantworten muss …). Und dann ist da die Frage, wer ist »er«? Wer sitzt da an den Schalthebeln? Doch alles nur Funken von Neuronen? Um das herauszufinden, versenken wir uns in den (eigenen) Geist, heißt in uns selbst, unsere Gedanken, unsere gesamte Existenz. Wir lassen uns einfach in uns selbst hineinsinken, bis wir auf dem Boden angekommen sind.

Und wir werden merken, dass da was ist, aber es ist nicht greifbar, es ist numinos. Reiner Geist eben. Wer in dieser Erfahrung (nochmals: nicht Wissen!) ankommt, der ist in der Wirklichkeit angekommen; der hat die Welt der Vorstellungen, der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit, diese scheinbar so wirkliche und ganz real existierend scheinende Welt geistig verlassen und ist angekommen im Geist. Und damit in der Wirklichkeit.

Jetzt braucht es nur noch eins: Man muss dort bleiben, darf nicht wieder einschlafen, sich nicht wieder zurücksinken lassen in das Gewohnte. Denn nur der, der erkannt hat, dass allein das Geistige wirklich ist, kommt in die Kraft des Geistes. Und da schließt sich der Kreis zur Begeisterung, denn die ist genau das: Ausdruck der Kraft des Geistes.

Der Unterschied ist nur: Sind wir uns dessen bewusst oder nicht?!

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.