Bereit für die Zukunft?

Spricht man über Zen, dann denken die meisten Menschen an Gelassenheit, an innere Ruhe und Ausgeglichenheit, an Meditation und innere Mitte. Manche, aber wohl nur eine Minderheit, denken bei dem Thema auch an einen spirituellen Weg, einen Weg der (metaphysischen) Erkenntnis und des Erwachens.

Wieder andere sehen darin einen Weg in ihrer Suche nach Selbsterkenntnis und / oder einem Weg zur Meisterung einer schwierigen Lebenssituationen, weil irgendetwas das eigene Selbstverständnis ins Wanken gebracht hat.

Dabei hat die Zen-Praxis einen bis dahin nur von wenigen gesehenen ganz pragmatischen Hintergrund.

Um die Jahrhundertwende begann mit der »Entdeckung« der Quantenphysik ein neues Zeitalter für das Verständnis der Natur von Materie. Die Auswirkungen dieser Erkenntnisse blieben nicht auf die Physik beschränkt, sondern haben auch in der Biologie zu wesentlichen Erkenntnissen und Einsichten geführt. So finden sich etwa in Schrödingers Gedanken möglicherweise die entscheidenden Anregungen für die Emergenz der Biogenetik.

Auffallend ist, dass viele der damaligen Wissenschaftler sich intensiv mit Philosophie und auch mit den Gedanken der östlichen Traditionen beschäftigt haben. Heisenbergs Satz »Materie ist Geist, der als Materie erscheint; Geist ist Materie, die als Geist erscheint« oder Schrödingers Gedanken in Mind & Matter klingen ja wie Gedanken des Ostens.

Ich weiß nicht, was die Beweggründe im Einzelnen waren, aber ich denke, dass allen bewusst war, dass das übliche Verständnis von Wirklichkeit nicht mehr aufrecht zu erhalten war und in sich zusammenbrechen würde – was nicht ohne gravierende Auswirkungen auf das Selbstbild bleiben konnte, das die Menschen von sich hatten.

Nicht ohne Grund hat sogar Einstein mit seinem berühmten Satz »Gott würfelt nicht« versucht, gegen die Lawine anzugehen, die er im Grunde selbst mit losgetreten hatte. Aber das war ihm dann zuviel und er hat sich, soweit ich dies weiß, gegen diese Einsichten sein Leben lang gesperrt. Warum, darüber kann ich nur spekulieren, aber ich denke, dass es sein Weltbild nicht ertrug.

Ich selbst bin, viel banaler, nach dem 6ten Semester aus dem Physikstudium ausgestiegen, einfach, weil ich mir Unendlichkeit nicht vorstellen konnte. Für alle war das etwas Selbstverständliches. Doch wenn dieses Universum mit dem Urknall entstanden war und sich seither immer weiter ausdehnt – worin aber dehnt es sich aus? Darüber nachzudenken empfand ich als so bedrohlich, dass ich mich weigerte, mich weiter damit zu beschäftigen und es schlicht verdrängte.

Aber etwa in den 1990er Jahren hat es mich wieder eingeholt, als ich mich intensiv mit der Frage zu beschäftigen begann, wie Menschen eigentlich so ticken, wie sie eben ticken. Mit der Beschäftigung mit dem menschlichen Geist waren die alten Fragen wieder da. Was ist dieser Geist, der die Welt bewegt? Das brachte mich zum Zen und genau da fand ich die Antworten, die ich suchte. Erst später merkte ich, dass sich damit ein ganz anderes »Problem« regelrecht in Luft aufgelöst hatte.

Spätestens seit den 1980er Jahren ziehen Neurologen, Bewusstseinsforscher, Systemiker und Soziologen den Quantenphysikern erkennbar nach und weisen durch immer neue Untersuchungen darauf hin, dass unser tradiertes Menschenbild schlichtweg falsch ist und wir begreifen müssen, dass zwar nicht alles ganz anders ist, aber ganz anders, als wir glauben, wie es wäre.

Das Interessante dabei ist, dass die aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft zu ziemlich identischen Annahmen über die Natur des menschlichen Geistes kommen wie vor vielen Jahrhunderten schon buddhistische Gelehrte und Zen-Meister. Die aktuelle »Herausforderung« liegt nun darin, dass all diese Erkenntnisse nicht wirklich in den Köpfen der Menschen angekommen sind. Vor allem unser eigenes Verständnis von uns selbst entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft.

Solche Erkenntnisse zu nutzen ist auf technischen Gebieten kein Problem. Unsere ganze moderne Technik basiert in weiten Teilen auf quantenphysikalischen Erkenntnissen und keiner hat ein Problem damit. Wenn es aber an das eigene Selbstverständnis geht, wird es schlichtweg eng. Denn dann geht es an’s Eingemachte, nämlich an unsere Identität. Und spätestens da hört dann der Spaß auf.

Aber es ist nicht nur das, es kommt noch ein weiteres Erschwernis hinzu. Wir wissen heute, dass, wie der Spiegel unlängst titelte, »Einsicht nicht hilft«, dabei wissen wir, vor allem auch auf Grund der Forschungen von Neurologen wie Gerald Hüther um die Neuroplastizität des Gehirns. Man kann es sich so vorstellen: Unsere Identität ist nichts anderes als eine neuronale Struktur. Und die lässt sich umbauen.

Und wir wissen auch wie, nämlich durch Erfahrung; aber eben nicht durch Einsicht. Und da schließt sich der Kreis zum Zen, denn die Zen-Praxis verhilft uns zu genau den Erfahrungen, die wir brauchen, um unser Gehirn, einfach ausgedrückt, neu zu spuren.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.