Das Dilemma derer, die zu wissen glauben

Man kann nichts tun, jeder muss es selbst erkennen. Also hilft nur der Dialog weiter.

Eine grundlegende Erkenntnis über die Natur des Menschen, die Victor Frankl aufgrund seiner eigenen Erfahrungen und Analysen der Zeit von 1933 bis 1945 gewonnen hat. Diese Erkenntnis macht alle Wissenden oder Helfer erst einmal hilflos, doch es befähigt sie auch die wirklich funktionierende Methode, den richtigen Weg zu finden.

Zur Klarstellung: Ich spreche hier von erwachsenen Menschen, nicht von Kindern oder hilflosen Menschen. Das ist etwas ganz anderes. Auch wenn Menschen nicht wirklich ihren Kinderzeiten entwachsen sind und sich manchmal oder auch öfters noch immer wie die Kleinkinder aufführen, es sind dennoch Erwachsene. Und das sind sie auch dann, wenn ihnen selbst nicht bewusst ist, das sie sich noch immer wie Sechsjährige aufführen.

Jemandem gut zureden, ihn anzuerkennen, zu loben, ihm gar Mut und Stärke zu schicken oder zu geben und all das, was Menschen üblicherweise tun, gehört in die Welt der Konvention. Also braucht man überhaupt nicht darauf einzugehen, warum es nicht funktioniert, nicht funktionieren kann. Im Kontext Konvention funktioniert nämlich nichts wirklich. Keine Tiefe, nur Oberflächlichkeit. Man könnte ja sonst dem Anderen zu nahe kommen! Ihm gar ehrlich und offen sagen, was ist. Oder wie er ist. Schreckliche Vorstellung!

Sein Wissen weiterzugeben geht also definitiv nur dialogisch. Dazu müssen aber auch alle wirklich bereit sein. Heißt, sie müssen erst einmal überhaupt wissen, was man unter einem Dialog versteht. Eine Diskussion oder ein Disput ist wie die Darlegung der eigenen Meinung jedenfalls keiner.

Ein wirklicher Dialog setzt voraus, überhaupt zuzuhören. Ich kann einen anderen nur dann verstehen, wenn er sagt genau, jetzt hast du mich verstanden. Ich muss seine Meinung absolut korrekt wiedergeben können, sozusagen dem alten Indianer-Spruch getreu eine Weile in seinen Mokassins gelaufen sein. Vorher ist es nur Gerede um nicht zu sagen Geschwätz.

Erst dann, wenn ich ihn sicher verstanden habe – und nochmals, das kann nur der Andere mir sagen – erst dann kann und darf ich wieder meine eigene Meinung auspacken, erst dann kann ich mich dazu positionieren und eventuell anderer Meinung sein. Aber erst dann.

Doch hier muss man nochmals differenzieren. Kann ich überhaupt eine Meinung haben? Bin ich überhaupt sachkundig? Das ist insbesondere dann eine wirklich gute Frage, nämlich dann, wenn es um die eigene Person geht. Bei nur wenigen Dingen haben wir normalerweise so wenig Ahnung aber derart viel falsche Meinung wie wenn es um uns selbst geht.

Ist irgendwie ein makaberer Scherz der Natur, dass alle anderen uns besser sehen können als wir selbst es jemals könnten und auch nie können werden. Was ja auch logisch ist, denn wir sehen den Anderen mit wesentlich weniger Emotionen als er selbst sich sehen kann. Im Grunde sieht er letztlich nur seine Emotionen und sonst nichts.

Also braucht man klare Absprachen, ein klares Kommitment, wenn man Wissen im Gespräch weiter vermitteln will und vor allem, wenn man es soll. Aber zuallererst muss man einmal wissen, worum es überhaupt geht und was man wirklich will. Die einen wie die anderen. Also der, der denkt und meint über Wissen zu verfügen und diejenigen, die sich dieses Wissen gleichermaßen aneignen wollen.

Und auf die Letzteren kommt es an. Denn sie entscheiden ,ob oder ob nicht‘. Die Initiative zur Zusammenarbeit geht also zwingend von den ,Unwissenden‘ und nicht von den ,Wissenden‘ aus. Und nicht umgekehrt. Also müssen die ,Unwissenden‘ auf den ,Wissenden‘ zukommen. Warum, das interessiert nicht wirklich. Es können vielfältige Motive sein. Doch die werden sich in dem Prozess zwangsläufig klären – und die falschen weil selbstsüchtigen werden sich ganz von selbst aussortieren.

Doch wie lässt sich Wissensvermittlung und Dialog verbinden? Eigentlich ganz einfach, indem man die Wissensvermittlung abstrahiert und dem Dialog vorschaltet. Etwa indem jeder einen Text liest und um dann diesen Text gemeinsam dialogisch zu erarbeiten. Indem ein Text auf diese Arbeit verstanden und zumindest intellektuell verifiziert wird, und nicht etwa interpretiert wird, bleiben die Teilnehmer einerseits im Dialog, andererseits wird der Inhalt des Textes nicht konsumiert oder geglaubt, sondern eben verstanden.

Hat der Text einen bedeutsamen Sinn, wird dieser durch den Dialog offenbar. Das Paradoxe und auf den ersten Blick schwer verständliche ist, daß, wenn die eigene Meinung außen vor bleibt, der Text auf diese Weise eben nicht auf Stimmigkeit hin ,untersucht‘ wird, sondern ein ihm innewohnender Sinn offenbart sich.

Um jedoch etwas zu erkennen, muss das bereits intellektuell Erkannte weiter im eigene Erleben verifiziert und darin als relevant erkannt werden. Aber auch das setzt voraus, dass es im Dialog passiert. Also genügt darüber reden nicht. Und ohne zu reden klappt es überhaupt nicht. Ich habe mich im Urlaub gerade eine längere Zeit mit einer jungen Kuh unterhalten. Und gestern mit einer Katze.

Da könnte jetzt jemand auf die Idee kommen zu sagen ‚geht doch ohne zu reden‘. Das ist nicht richtig. Manchmal reden wir mit Worten, manchmal anders. Aber wir reden. Entscheidend ist, sich einzulassen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.