Das grundlegende geistige ‚Problem‘

Der gedankliche Fehler, der allen Wahrnehmungsproblemen mit all ihren gravierenden Folgen für die verschiedensten Facetten unseres tag- täglichen Lebens zugrunde liegt, findet seine Ursache darin, dass wir die Welt in Subjekte und Objekte differenzieren.

Es ist einerseits leicht, gedanklich zu verstehen, warum wir die Welt in Subjekte und Objekte trennen und die Sinnhaftigkeit wie Nützlichkeit dieses gedanklichen Tricks zu erkennen, andererseits stellt die gegenteilige, dafür aber richtige Ansicht so ziemlich alles, was wir an Wissen gespeichert haben, auch und vor allem unser Weltbild und das eigene Selbstverständnis so radikal auf den Kopf, dass es schwer ist, sich darauf einzustellen und einzulassen.

Auch, wenn uns das nicht unbedingt immer bewusst ist, unser Welt- und damit unser Selbstbild basiert auf unserer Wahrnehmung. Die wiederum basiert auf unserem Verständnis von der Welt, der Art und Weise, wie wir denken, dass die Welt beschaffen wäre. Also zuerst die Theorie, dann die Wahrnehmung. Das erkannte als einer der ersten Einstein, nur irgendwie hat ihn kaum einer außer Quantenphysikern ernst genommen.

Man muss sich vergegenwärtigen, dass sich außer den Quantenphysikern kaum jemand mit der philosophischen Frage auseinandergesetzt hat, was diese Erkenntnisse bedeuten. Einstein war es ja auch, der sein Unbehagen über die Konsequenzen der neuen Sicht auf die Materie mit dem Satz ‚Gott würfelt nicht‘ los werden wollte.

Und genau darin ist das wesentliche Hindernis dafür zu sehen, warum wir nicht so einfach aus unserer falschen Sicht der Welt aussteigen und damit die Illusion in der wir leben, verlassen können. Das muss jedem bewusst sein: Wer das nicht umzusetzen in der Lage ist, wer es gedanklich nicht wirklich begreift und vor allen Dingen anwendet, für den bleibt die Tür zur Erkenntnis geschlossen.

Die entscheidende Frage ist also: Wie lange wollen wir noch die Welt sehen, wie sie nicht ist? Denn das bedeutet auch, dass wir uns selbst nicht sehen können, wie wir sind. Adorno hat den Satz geprägt, dass es im Falschen nichts Richtiges gibt. Das gilt auch umgekehrt. Im Richtigen gibt es nichts Falsches. Heißt: Wir müssen nur tun was richtig ist, um das Gefängnis unserer unzutreffenden Sicht von der Welt schlagartig zu verlassen.  Und das ist nichts anderes als ein Switch im Denken. Untersuchen, was wirklich ist.

Nur, der ‚Switch‘ funktioniert nur dann, wenn wir uns von dem Ballast des gewöhnlichen Lebens befreit haben. Das bedeutet, bei Null anzufangen. Das alte Weltbild einstürzen zu lassen. Vergegenwärtigen wir uns, wie es den Quantenphysikern zu Beginn des 20ten Jahrhunderts gegangen sein musste. Und was sie taten: Sie hielten nicht an ihren alten Ansichten fest, sondern waren bereit, sich auf das Neue einzulassen. Also: Nichts sich bewahren wollen, sondern auf das Neue einlassen.

Übertragen wir das auf unser gewöhnliches, alltägliches Leben, dann bedeutet das, anders, also in anderen und zuerst ungewohnten Bahnen zu denken. Aussteigen aus allem Gewohnten. Denn nur wenn uns dieser Befreiungsschlag gelingt, kommen wir weiter und laufen nicht Gefahr, wieder zurück in alte Gewohnheiten zu fallen. Das wird dann entweder ein Kampf mit allen, die direkt oder indirekt beteiligt sind, oder es ist eine Chance miteinander zu reden und Beziehungen zu gestalten.

Worum geht es genau? Wir wenden einen gedanklichen Trick an, um die Welt verstehen zu können. Ohne es uns in seiner Bedeutung und Konsequenz bewusst zu machen, schließen wir das ‚Subjekt der Erkenntnis‘ aus unseren Überlegungen über die Welt aus. Wir nehmen sozusagen eine Meta-Position ein und verlassen die Welt, um auf die Welt zu schauen und sie untersuchen zu können.

Und – schwups – habe ich das Dilemma: die Welt ist aufgespalten in Objekte und Subjekte. Doch wir können nur gedanklich etwas aus der Welt herausnehmen, vor allen uns selbst nicht. In Wahrheit sind wir aber immer drin. Und das bedeutet, dass wir die Welt nicht objektiv betrachten können, ohne uns selbst auch genauso objektiv zu sehen. Aber das können wir nicht. Ich kann mich selbst nicht beobachten. Wie denn auch? Das wäre angewandte Schizophrenie. Und dann kommt dazu, dass wir uns zu 100% bewusst sein müssten. Das aber sind wir definitiv nicht. Schrödinger meint dazu Folgendes:

‚Ich will die zwei schreiendsten Widersprüche hervorheben, die sich aus dem Umstand ergeben, daß wir uns nicht bewußt sind, daß ein einigermaßen zufriedenstellendes Weltbild bloß erreicht worden ist, um einen hohen Preis, nämlich so, daß ‚jeder sich selbst‘ aus dem Bild ausgeschlossen hat, indem er in die Rolle eines unbeteiligten Beobachters zurückgetreten ist.

Die erste dieser Antinomien ist unser Erstaunen, unser Weltbild farblos, kalt, stumm zu finden. Farbe und Ton, heiß und kalt sind unsere unmittelbaren Sinneseindrücke. Was Wunder, daß sie einem Weltmodell fehlen, aus dem wir unsere geistige Persönlichkeit ausschließen mußten?!

Die zweite Antinomie ist unser völlig erfolgloses Suchen nach der Stelle, wo der Geist auf die Materie wirkt – und umgekehrt. Die materielle Welt konnte bloß konstruiert werden um den Preis, daß das Selbst, der Geist, daraus entfernt wurde. Der Geist (mind, mens) gehört also nicht dazu und kann darum selbstverständlich die materielle Welt weder beeinflussen noch von ihr beeinflußt werden.

(Schon der große Spinoza hat das in einem kurzen, klaren Satz ausgesprochen):

Nec corpus mentem ad cogitandum, nec mens  corpus at motum neque ad quietem neque(si quid est) aliud determinare potest (Ethices P. III, prop. 2),

(Ebensowenig vermag der Körper den Geist zum Denken zu veranlassen wie umgekehrt der Geist den Körper zur Ruhe oder Bewegung oder zu sonstwas, wenn es es geben sollte.)‘

Erwin Schrödinger in ‚Geist und Materie‘.

Also bleibt uns nur das Eine übrig: Aufhören, die Welt gedanklich ständig aufzuspalten. Aber das ist nur der Anfang. Das muss jedem klar sein, der aus der Illusion aussteigen will. ‚Weiter wie immer‘ kann nicht funktionieren. Doch es gibt keine Patentantwort darauf. Jeder muss sich selbst diese Fragen stellen, wobei das Entscheidende und vielleicht Wichtigste ist, Innen und Außen als Eines zu erkennen. So wie ich mich eingerichtet habe, denke ich auch. Also muss der Paradigmenwechsel auch im Außen unmittelbar sichtbar und vor allen Dingen erfahrbar machen, in der Art, wie ich lebe. Wenn nicht, ist die Rolle rückwärts vorprogrammiert.

Wer das bedenkt, dem wird auch klar, warum so viele Zen-Meister der Ansicht sind, dass nur diejenigen den Zen-Weg betreten und wirklich gehen, die gescheitert sind. Nur, um zu scheitern muss man nichts verloren haben, es ‚genügt‘ die innere Erkenntnis und Einsicht – wenn wir sie konsequent umsetzen. Also ist die entscheidende Frage:

Wie will ich leben, damit ich leben kann?

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.