Das innere Gefängnis verlassen

Etwas zu wissen heißt nicht, dass man es auch könnte.

Eine Tatsache, mit der sich viele Menschen immer wieder konfrontiert sehen. Manche Partnerschaft ist daran schon gescheitert und manch guter Lebensentwurf zerronnen. Wir wissen ‚es‘ zwar, doch wir bekommen es nicht umgesetzt.

Wer kennt nicht die Bilder des freigelassenen Bären, der sich seine Freiheit ignorierend weiter in den Grenzen seines imaginären Käfigs bewegt. Oder den Elefanten, der mit einer Wäscheleine an einen Ast gebunden ist. Oder das Pferd, das an einem Stuhl festgebunden ist und brav stehen bleibt.

pferd

Bei uns Menschen ist es aber leider nicht die Bohne anders. Warum das so ist? Ganz einfach: Wir leben (und erleben) eine innere, imaginierte und virtuelle Welt, die im Idealfall mit der Welt ‚da draußen’ kompatibel ist. Nur sind diese Welten sehr, sehr selten wirklich deckungsgleich. Und dann knirscht es eben, mal mehr, mal weniger.

Doch wie kommt man da raus? Erst einmal gar nicht, außer natürlich man ist so schlau und glaubt sich selber nichts absolut, man liegt also ständig mehr oder weniger auf der Lauer, um sich bei einem Irrtum zu erwischen – aber natürlich ohne sich dabei in Frage zu stellen. Wer das nicht kann, der braucht jemanden, der ihn höflich aber bestimmt darauf hinweist, dass sie oder er einer Illusion aufsitzt.

Das ist es nämlich, wenn die virtuelle Welt und die äußere Welt nicht übereinstimmen. Das Blöde dabei ist nur, dass die virtuelle Welt, also die imaginierte innere Welt uns wesentlich wirklicher und realer erscheint als die Welt draußen. Aber die können wir letztlich ja nicht wahrnehmen. Also liegt es auf der Hand, dass wir uns – im Idealfall nur erst einmal – auf das Heftigste dagegen verwahren, einer Illusion aufgesessen zu sein.

Glauben wir so richtig und absolut an ‚unsere’ Wirklichkeit, dann ist das aber, wenn es denn mit der Welt da draußen nicht übereinstimmt, nicht nur eine Illusion, sondern auch eine Konditionierung. Aus der Illusion kommt man leicht heraus, bei einer Konditionierung ist es aber schon schwerer – siehe Bär, Elefant oder Pferd. Und das befreite Lachen über den Irrtum ist einem da regelmäßig schon längst vergangen.

Für Bär, Elefant und Pferd ist es extrem schwer bis unmöglich, diese Konditionierung jemals wieder loszuwerden. Da tun wir Menschen uns schon erheblich leichter, denn wir haben die Fähigkeit, über uns selbst nachzudenken. In diesem Fall ein wahrer Segen. Jedenfalls meistens, denn allzu oft behindern wir uns selbst bei der Selbstreflektion.

Berger und Luckmann haben beschrieben, wie mit der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit (tut mir leid, geht nicht einfacher) diese innere Welt entsteht und wie wir so das Bild von uns selbst bilden. Und wenn wir so richtig in dieses Bild verliebt sind oder ihm aus anderen Gründen nachhängen, tja, dann sind wir nicht bereit, dieses Bild von uns selbst aufzugeben. Und alles bleibt wie es ist.

Keine Chance, aus der Konditionierung herauszukommen, keine Chance, frei zu sein. Bis, ja bis wir erkennen, dass wir sowas von einen an der Waffel haben. Das ist nun wirklich nicht despektierlich, sondern die wirklich heilsame Einsicht, die wir brauchen, um aus unserem Wolkenkuckucksheim herauszukommen. Wolkenkuckucksheim hört sich so lustig an, ist es aber nicht, denn das kann ziemlich bis verdammt destruktiv sein.

Man muss sich absolut darüber im Klaren sein, dass etwas zu wissen alleine wirklich nicht genügt. Zum Können kommt man erst dann, wenn man sein inneres Gefängnis verlassen und seine Konditionierung aufgegeben hat.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.