Das Leben IST paradox

Doch das darf uns nicht dazu verführen, es als beliebig anzusehen. Vielmehr fordert es uns auf, nur das zu glauben, was wir wissen können und nur als Wissen anzuerkennen, das wir auch in unserem Leben verifizieren können.

Beispielsweise ist ‚Energie’ einer dieser Begriffe, die dem Mystizismus verfallene selbsternannte Esoteriker gerne verwenden, um damit so ziemlich alles zu erklären. Doch nur ganz wenige betrachten das Thema ‚Energie’ mit den Augen des Wissenschaftlers, also des Physikers. Doch das ist unerlässlich, will ich ernsthaft über ‚Energie‘ sprechen.

Das ist übrigens eine der Schwierigkeiten des Zen, denn nur wenige sehen darin eine wissenschaftliche Methode, die Lebenswirklichkeit zu untersuchen. Ich habe schon oft erwähnt, dass sich Physiker und Zen-Menschen so gut verstehen. Aber vielleicht liegt der Grund ja darin, dass nur wenige Zen oder Physik zu verstehen suchen.

Das sollte all diejenigen nachdenklich machen, die Zen-Praktizierende für eine kleine, sektiererische gesellschaftliche Minderheit halten, Eigenbrötler also, deren Ansicht von der allgemeinen gängigen Weltanschauung abweicht. Wobei das letzte stimmt, das andere aber nicht. Genauso wie diejenigen, die mithilfe des Zen der Wirklichkeit zu entfliehen suchen.

Man darf eben nicht übersehen, dass Wissenschaft eine empirische Kunst der Erkenntnis ist, die nicht auf theoretischer Ableitung aus abstrakten Regeln beruht, sondern auf Fakten, die aus der Erfahrung gewonnen werden – genau wie Zen auch. Das sollte man nie vergessen.

Also reden wir einmal über Paradoxien im Leben, Dinge, die sich scheinbar zu widersprechen scheinen, tatsächlich aber Eines sind, nur eben differenziert. Wie das ganze Leben auch – das in sich differenzierte Eine. Heute glauben nur wenige Physiker, dass die klassische Physik den gleichen Rang wie die Quantenmechanik beanspruchen darf; sie ist nur eine nützliche Näherung für eine Welt, die in allen Größenordnungen Quanteneigenschaften aufweist.

Dass Quanteneffekte in der Makrowelt schwieriger zu erkennen sind, hat nichts mit Größe zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie Quantensysteme wechselwirken. In den letzten Jahren haben Physiker mehrfach experimentell belegt, dass auch in makroskopischen Größenordnungen Quantenverhalten auftreten kann.

Dieser Gedanke ist selbst für Forscher, die solche Effekte systematisch studieren, nicht leicht zu akzeptieren. Die Quantenmechanik widerspricht der Alltagserfahrung und zwingt uns, unser Weltbild zu revidieren. So wissen wir mittlerweile, dass Komplementarität und Verschränkung auch außerhalb dessen auftreten können, was wir üblicherweise unter Physik verstehen.

Beispiele für Komplementarität sind zum Beispiel
Bewusstsein – Unterbewusstsein
Denken – Fühlen
Aufmerksamkeit – Bewusstheit
Bestätigung – Neuigkeitswert einer Information
Substanz – Form
Klarheit – Wahrheit
Güte – Gerechtigkeit
Psychologische – physiologische Beschreibung mentaler Zustände
Kausalordnung – Sinnordnung (C. G. Jung / W. Pauli)

Betrachtet man diese Begriffe eingehend, dann lässt sich sehr leicht erkennen, dass sie zwar widersprüchlich erscheinen, man aber weder auf den einen noch auf den anderen wirklich verzichten kann. Das ist jedoch nicht die Aufgabe, zwischen beiden Begriffen ein Gleichgewicht herzustellen, vielmehr ist es die Aufgabe, den Begriff zu finden, der beide Zustände gleichermaßen erfasst.

Dazu ein Beispiel aus der Wirtschaft, Kaizen. In einem Vortrag wurde einmal gefragt, wie viel Gewicht auf Technik und wie viel Gewicht auf den Mitarbeiter bei Kaizen gelegt wird. Die Antworten: fifty-fifty. Doch genau das ist falsch, eine Folge mechanistischen Denkens. Richtig ist vielmehr 100 % Technik und 100 % Mitarbeiter. Sobald man versucht beide Begriffe gegeneinander abzuwägen, geht man unweigerlich in die Irre. An diesem Beispiel wird deutlich, dass es nicht darum geht, die Erkenntnisse der Quantenphysik eins zu eins auf solche Prozesse anzuwenden, sondern dass es darum geht, eine Strukturähnlichkeit zu erkennen, kein direktes Wirken der Quantentheorie.

Ein wunderbares Beispiel für Komplementarität im Leben des Menschen ist das Innere des Menschen aus der Perspektive der Selbstbeobachtung. Der Zustand meiner Psyche ändert sich genau dadurch, dass ich ihn mir bewusst mache – eine mit der Quantentheorie gemeinsame Grundstruktur.

Niels Bohr und Wolfgang Pauli haben wie Hans-Peter Dürr die darin liegende psychologische Tragweite erkannt. Pauli hat etwa mit C. G. Jung zusammengearbeitet, um dies weiter zu vertiefen. Und wenn meine Frau mal wieder zu mir sagt, ich springe in meinen Gedanken, dann zucke ich nur mit den Schultern und weiße darauf hin, dass dies eben Quantensprünge seien.

Die Erwachten haben eine gemeinsame Welt;
bei den Schlafenden aber wendet sich jeder seiner eigenen zu.

Heraklit von Ephesos

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.