Den anderen sehen, wie ein Quantenphysiker es tun würde.

Schwieriger, als man vielleicht glauben möchte.

Es ist ein Fehler, zu glauben, es sei Aufgabe der Physik, herauszufinden, wie die Natur ist. Physik handelt davon, was wir über die Natur sagen können. Das ist der vielen bekannte und oft zitierte Satz von Erwin Schrödinger. Nun gut, dass dieser Satz jemandem bekannt ist, heißt ja nun nicht, dass ihn derjenige auch beherzigen würde. Aber ich will mich ja nicht über andere auslassen, was ich im Grunde ja schon getan habe, sondern ich will vielmehr der Frage nachgehen, welche Lehre wir daraus ziehen können. Oder vielleicht doch besser sollten.

Wie oft sagen und wieviel öfter denken wir, dass jemand so oder auch anders ist. Doch legen wir Schrödingers Satz als grundlegende Maxime zugrunde, dann dürften wir nur etwas darüber sagen, was wir wahrnehmen können. Niemand kann wahrnehmen, dass ein anderer gut oder böse ist, schlecht oder gut, schön oder hässlich. Alles nur eine Aussage über einen selbst  – und definitiv nicht über den anderen. Alles nur Interpretationen und Spekulationen.

Was kann ich also über jemanden sagen? Ich kann etwa sagen, dass mich der eine Nachbar freundlich grüßte, der andere mich nicht ansah. Aber was sagt mir das? Im Wesentlichen sagt es mir etwas über meine eigene Erwartungshaltung hinsichtlich Begegnungen. Über den Anderen aber sagt es mir nichts. Der eine grüßte. Ob er es freundlich meinte oder nur höflich war – keine Ahnung. Und der Andere? Ob ihn etwas anderes interessierte oder er mich nicht leiden kann? Ein großes Fragezeichen. Und selbst, wenn ich weiß, dass mich jemand nicht leiden kann, habe ich noch lange keine Ahnung, warum er oder sie mich nicht leiden kann.

Und selbst wenn ich weiß, dass ich ihn oder sie geärgert habe, weiß ich immer noch nicht, warum sie oder ihn das geärgert hat. Ausgenommen, ich hätte ihn ärgern wollen. Das Einzige, was da hilft, ist miteinander zu reden. Was aber selten passiert. Viel zu selten. Die Alternative? Zwei Möglichkeiten gibt es. Die eine ist sich zurückziehen, was aber nicht unbedingt im Sinne des Erfinders ist. Die ander ist, abzutauchen in die Welt der Konventionen. Ob Familie, Nachbarn oder Freunde – es ist eine Gemeinschaft, die so tut, als gäbe es nur oberflächliche, individuelle Differenzen und überhaupt keinen Grund für Konflikte.

Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln.

Jede gute Gastgeberin kennt diese Regeln. Sie mögen den reibungslosen Ablauf einer Dinnerparty ermöglichen, aber mehr auch nicht. Die Kommunikation in der Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril und unproduktiv. Aber ist das wirklich unser Ziel? Wollen wir das wirklich? Oder vielleicht doch etwas Anderes, Echteres, Wahrhaftigeres?

Ein Physiker soll uns sagen können, wie wir besser miteinander kommunizieren können? Ja, das kann er. Aus dem einfachen Grund, weil die Physiker seiner Zeit, auch bekannt unter dem Stichwort Quantenphysiker, etwas ganz Wesentliches erkannt haben. Und auch etwas ganz Einfaches. Nicht über Kommunikation, sondern über die Welt. Und uns Menschen, genauer unser Welt– und Menschenbild. Und damit auch über unsere Kommunikation. Realität ist einfach nicht das, was wir Üblicherweise dafür halten, sondern etwas ganz anderes. Wie Schrödinger es formuliert hat: Die Dinge sind eben nicht, was sie zu sein scheinen. Also sollten wir aufhören, das zu glauben. Und anders miteinander kommunizieren. Es geht eben nicht darum zu fragen, was denn nun Realität wäre, sondern man muss sich immer fragen, was für einen real ist.

Was bleibt dann aber zu tun? Wie gesagt, wir müssen uns entscheiden. Zwischen Konvention, Rückzug oder miteinander zu reden. Aber warum soll das schwierig sein? Einfach deshalb, weil man sich dann verletzlich zeigen muss, ohne Maske, zeigen, was man denkt, was einen verletzt. Das ist der Preis der Offenheit. Aber das kann man nur mit Gold aufwiegen, mit nichts Anderem. Was dabei herauskommt, ist eigentlich unbezahlbar. Eine wirkliche und wahrhaftige Begegnung. Noch etwas: Ersteres und Letzteres braucht eine gemeinsame Entscheidung.

Nur die Entscheidung sich zurückzuziehen kann man alleine treffen.

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