Denken in Räumen

Gerade bei komplexen Fragestellungen geht es darum, zuerst den Kern, das Wesentliche und Eigentliche, zu erfassen.

Wollen wir in irgendeiner Form unser Leben anders gestalten, dann ist das vergleichbar mit dem Wechsel aus einer Wirklichkeit in eine neue Wirklichkeit. Das wiederum ist vergleichbar mit dem Wechsel in einen anderen Raum, einen anderen Lebensraum, einen anderen Seinszustand. Dies impliziert folgende Feststellungen:

Wollen wir in unserem Leben etwas »verändern«, dann bedeutet das, unser bisheriges Verständnis von Wirklichkeit aufzugeben.

Das wiederum setzt voraus, die Wirklichkeitskonstruktionen zu kennen, mit denen wir unsere Lebensräume und unsere Lebenswirklichkeit gestalten, was wiederum voraussetzt

sich darüber bewusst zu sein, dass Wirklichkeit nichts Gegebenes ist, sondern eine geistig-mentale Vorstellung.

Das wiederum bedeutet, dass Wahrnehmung eine Kreation ist und keine Feststellung.

»Entwicklung« oder »Veränderung« beginnt mit Punkt 4) und erst ab Punkt 1) kann eine andere und ggf. zutreffendere Sicht der Dinge entstehen. Solange uns dies nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, bleibt es, wie es ist.

Alles, was uns ausmacht, lässt sich auf Weniges zurückführen

Wichtig ist auch, sich darüber im Klaren zu sein, dass dies alle Aspekte unseres Seins betrifft und auch die Veränderung von einzelnen Aspekten, etwa einer bestimmten Verhaltensweise, immer eine grundsätzliche, grundlegende und alles erfassende Revision unseres Weltbildes und damit unseres Selbstverständnisses – genauer unserer Wahrnehmung – bedeutet.

Auch, wenn unsere Matrix an Überzeugungen, Meinungen etc. sehr komplex sind, basieren sie doch nur auf einigen wenigen inneren Überzeugungen und angenommenen Gesetzmäßigkeiten. Die sich daran anschließende Frage ist, wie Bewusstseinsräume entstehen. Hat man dies verstanden, weiß man auch, wie man solche Räume anders oder neu gestalten kann.

Die Räume, in denen wir leben, auch die Bewusstseinsräume, richten wir unserer Persönlichkeit entsprechend ein, was die Frage nach sich zieht, wie Persönlichkeit entsteht.

Wahrnehmung schafft Wirklichkeit

Dies hängt unmittelbar mit unserer Wahrnehmung zusammen, also mit der Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, wobei die Wahrnehmung eine Folge und keine Ursache ist. Die der Wahrnehmung in Form neuronaler Denkmuster zugrundeliegende innere Repräsentation der Wirklichkeit ist entstanden durch unmittelbare Erfahrung, also das mit Bedeutung versehene Erleben.

Daraus folgt, dass diese innere Repräsentation und damit unsere Persönlichkeit nur durch Erfahrung neu strukturiert werden kann und niemals durch kognitives Verständnis alleine. Kognitives Verständnis ermöglicht uns, uns auf Erkenntnisse einzulassen und daraus durch eine entsprechende Praxis Erfahrung zu generieren.

Verbundenheit ist uns wesentlich

So können wir aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse kognitiv akzeptieren, dass Verbundenheit unserem ursprünglichen Wesen gemäß ist und dass Egoismus alleine durch Sozialisation entstanden und eine Form der Selbstverleugnung ist.

Suchen wir nun nach Wegen, die Erfahrung der Verbundenheit zu machen, dann müssen wir Verbundenheit in uns als Seinszustand entstehen lassen. Etwa durch die Mitgefühlsmeditation in Gestalt des Gedanken »Möge es dir gut gehen und mögest du frei von Leiden sein«, einem Wunsch, den wir mit fortschreitender Meditationspraxis lernen, immer mehr Menschen entgegenzubringen. Entsteht Mitgefühl in uns, dann können wir es auch nach »außen« leben und zur Erfahrung werden lassen.

Es geht also darum, die Qualität eines Seinszustandes in sich selbst zu entfalten, um diese Qualität zu leben und durch die mit der kontinuierlichen Praxis  einhergehende, unmittelbare Erfahrung durch Erleben zu einem Aspekt unserer Persönlichkeit werden zu lassen.

Denken in Räumen

Damit stellt sich uns eine weitere Frage, nämlich die nach Gestaltung unserer Praxis. So, wie man einen Raum bewusst kreieren kann, kann man natürlich auch seine Praxis vorgegebenen und traditionellen oder als besonders ansprechend empfundenen Mustern entsprechend gestalten. In unserer Zen-Praxis kommt es letztlich jedoch alleine darauf an, zur Selbsterkenntnis zu gelangen und das wiederum bedeutet, eine eigene Sprache und auch eine eigene Form zu finden.

Zwar sind die Gesetzmäßigkeiten universell, genauso wie die Prinzipien, die uns helfen im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten zu sein. Die sichtbare Form aber ist immer individuell. Wo wir auf die Individualität verzichten, etwa in der Kleidung, wie wir es aus einem Kloster kennen, oder in einer bestimmten Art der Begrüßung, müssen wir immer darauf achten, nicht in die Konformität abzurutschen, sondern uns bei dem Verzicht auf Individualität stets bewusst sein, dass dies nur als Hilfe zur Konzentration auf das Wesentliche Sinn macht.

Es gibt einige wenige grundlegende Gesetzmäßigkeiten

Was wir also brauchen, ist nicht nur das Bewusstsein für die universellen Gesetzmäßigkeiten, sondern wir müssen darüber hinausgehend in unserer gesamten Existenz, also in allem, was wir denken, mit diesen Gesetzmäßigkeiten in Übereinstimmung sein und damit in allem, was wir tun oder nicht tun.

Wie ein materieller Raum entfaltet sich auch dieser Raum durch Dimensionen, die ihn aber nicht füllen. Diese Dimensionen sind in unserer Praxis unser Denken als Ausdruck der geistig-mentalen Prozesse, unsere Haltung, als Ausdruck innerer Bewusstheit und Ausrichtung und unserer Präsenz als Ausdruck von Achtsamkeit, Gewahrsein und Emotionalität.

Diese Grundsätze sind universell und werden doch auf die unterschiedlichste Art und Weise zum Ausdruck gebracht. Die Ausrichtung an den Prinzipien bedeutet somit keine Reduzierung von Individualität, vielmehr ist das Gegenteil der Fall.

Dieses komplexe Gebilde findet seinen »Sinn« in einem zentralen Punkt, sozusagen dem »ersten« Fraktal, dem Urmuster und damit dem, was uns ausmacht: In Beziehung sein.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.