Der Kontext

Worüber selten gesprochen wird.

Genau genommen wird nie oder doch nur sehr, sehr selten darüber gesprochen. Und genau deswegen ist es der Punkt, an dem die meisten Menschen regelmäßig ihre Autonomie abgeben.

Das ist der Punkt, an dem immer meine Geschichte vom alten römischen Recht kommt. Damals verhandelten die Menschen und riefen dann den Juristen, damit er das Ergebnis in eine juristisch korrekt Form brachte. Heute ist es umgekehrt. Die Menschen rufen iher Haus-Juristen, dist legen ihnen einen Vertrag vor, also zwei, und dann verhandeln sie. Heißt, der Rahmen, innerhalb dem sie sich bewegen können, ist schon vorgegeben. Nun versuchen sie aus den zwei Verträgen einen zu machen. Und die Juristen sitzen im Kämmerchen und lachen sich eins.

Denn kaum einer merkt, dass auch der, der den Sieg davon  trägt und sich durchsetzen kann, in Wahrheit eine Marionette des Rechtssystems geworden ist. Und das ist das große Problem, dass die Dinge, die dem Menschen helfen sollten und könnten, eine eigenständige Existenz, ja regelrecht ein Wesen bekommen haben und lebendig geworden sind. Aldous Huxleys Brave New World war wohl doch verdammt prophetisch. Und aktuell wie nie. Wie, Pardon, aber das muss mal gesagt werden, wie bescheuert ist das denn, das wir unseren gedanklichen Konstrukten den Status von Wirklichkeit und Unumgänglichkeit verleihen? Und dabei auch noch unsere Autonomie abgeben? Und das auch noch freiwillig?

Also ich finde, dass wir dieses kranke aber so selbstverständliche gesellschaftliche Kommitment doch ganz ernsthaft und zügig hinterfragen sollten. Und schleunigst anfangen sollten, damit aufzuhören. Das einzige wirkliche Problem, das sich dabei auftut, sind vermeintliche Zwänge. Wir arbeiten beispielsweise in einer Firma, in der unseren Wertekodex nicht gelebt wird, sind darüber sauer, dass wir das mitmachen müssen, obwohl wir das nicht müssten, sondern weil wir, die Hand auf’s Herz, die Konsequenten nicht zu tragen bereit sind. Und das Verrückte ist, weil die meisten so denken, lachen sich ein paar wenige ins Fäustchen. Statt das die Menschen unisono sagen würden ‚nö, den Quatsch mach ich nicht mehr mit‚ und den Wenigen das Weinen beibringen würden. Ich will jetzt gar nicht anzufangen, von Politik zu reden.

Aber hat uns nicht die Geschichte immer wieder gezeigt, dass das doch geht? Auszusteigen aus der eingebildeten Abhängigkeit? Entweder der Einzelne, wie etwa Diogenes in seiner Tonne oder Gandhi und Mandela, die Regierungen ins Wanken gebracht haben? Oder die Montags-Demos in der ehemaligen DDR? Schon vergessen? Aber die führenden Köpfe waren es ja nicht alleine, sondern die Menschen, die ihnen folgten, weil sie einfach genug hatten. Aber da steckt immer noch eine gewisse Einladung zur Abhängigkeit drin, über den Begriff folgen. Kann ich nicht beurteilen, wie autonom die Menschen waren und ob sie bei aller Begeisterung nicht blind folgten, ich war ja nicht dabei. Jemandem zu folgen heißt nämlich beim besten Willen nicht das eigenständige Denken aufzuhören. Nicht jemandem zu folgen ist das Problem, sondern das eigenständige Denken aufzuhören oder, noch schlimmer, gar nicht erst anzufangen.

Also, wenn Sie sich das nächste Mal auf etwas beziehungsweise auf jemanden einlassen, meist sind ja Menschen dabei, dann sprechen Sie doch vorher einmal genau über den gesamten Kontext. Und Sie werden mit einem Mal etwas über sich wie über den anderen erfahren. Nämlich wessen Geistes Kind Sie und er sind. Aber es geht noch viel tiefer. Es ist nämlich eine super Gelegenheit damit anzufangen, sich aus jeder Art von Konzepten zu lösen. Auch gedankliche Konzepte sind ja auch nur Konzepte. Ob sie wirklich hilfreich sind, das entscheidet sich letztlich daran, wie man sie benutzt, ob man ihnen einen Status zuweist, den sie tatsächlich nicht haben oder eben mit Ihnen spielen kann, sie benutzen kann, wo sie hilfreich sind und dann weg damit.

So ist es übrigens auch mit dem Kontext. Nur wenn man über den ernsthaft redet, merkt man am Ende, dass man ihn überhaupt nicht braucht. Es genügt schon, einfach zu erkennen, dass man ja weder authentisch noch autonom werden kann, sondern es schon immer ist. Nur, dass man es eben vergessen hatte. Und dann ganz einfach miteinander redet.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.

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