Der Weg zu sich selbst

Der Weg der Selbsterkenntnis ist ein Weg der Transzendenz.

Der Mensch ist, soweit wir wissen, als einziges Wesen dieser Erde bewusst geworden. Doch er ist sich dabei nicht seiner selbst bewusst geworden, auch wenn er das glaubt. Denn dieses »Ich«, für das er sich hält, ist er nicht.

Es ist nichts als eine gedankliche Vorstellung seiner selbst; eine Vorstellung, die nicht im Einklang mit seiner wahren Natur und seinem ursprünglichen Wesen ist. Wenn dem Menschen dies – wie auch immer – bewusst wird, sucht er nach Selbsterkenntnis, strebt danach zu erfahren und zu wissen, wer oder was er ist. Er sucht nach Antworten, nach Wissen über sich selbst, nach Erklärungen dafür, was die Dinge in seinem Leben und das Leben selbst bedeuten und er möchte nichts sehnlicher, als sich selbst verstehen zu können.

Diese Suche nach sich selbst gestaltet er, wie er gelernt hat, sein ganzes Leben zu meistern. Er sucht nach Erklärungen, nach Begriffen, nach Ein-und Zuordnung. Mit anderen Worten, er sucht weiter an der Oberfläche in der Frage danach, was er denken und tun muss, wie er verstehen muss oder wie er wesentlich und wahrhaftig sein kann. Das alles führt ihn nicht zum Ziel, weil er verkennt, dass es nichts zu erreichen gibt.

Denn der Weg besteht darin, zu sein, was er ist, statt etwas werden zu wollen. Das wird ihm nur dann möglich sein, wenn er sich in den Geist versenkt und er die Welt nicht mehr erlebt, sondern zum Erleben selbst geworden ist und dabei sich selbst vergessen hat.

Dazu muss er aufhören danach zu fragen, was er denken soll. Vielmehr muss er verstehen, wie er denkt. Er muss seine eigenen Strukturen ergründen, statt zu fragen, wer er ist. Er muss erkennen, was er tut, statt danach zu fragen, was er tun soll. Er muss Wissen ansammeln über sich selbst, aber nicht durch intellektuelles Verständnis, sondern durch Erkenntnis, durch Ergründen und durch Befragung.

Vor allem aber muss der Mensch erkennen, dass sein Weg zu sich selbst der Weg zum Absoluten, zum Göttlichen, zum unbewegten Geist ist. Nur so kann er zu Einsicht und Erkenntnis finden. Doch welchen Weg der Transzendenz soll man gehen?

Alle Wege unterscheiden sich im Wesentlichen darin, ob sie die Antwort jenseits des Alltäglichen oder gerade im Alltäglichen suchen. Aber auch dann, wenn man den Weg im Alltäglichen und nicht im Besonderen sucht, muss man bereit sein, das Gewohnte hinter sich zu lassen.

In jedem Augenblick geht es darum, Denken und Handeln in Einklang mit dem Kosmos zu bringen und seinen Gesetzmäßigkeiten zu folgen. Ich nenne es den Jakobsweg oder auch den Teeweg des Alltäglichen.

Der Unterschied zum Gewohnten liegt in der Haltung. Ich kann den Weg zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela wie ein Tourist oder ein Wanderer gehen, die Landschaft und Sehenswürdigkeiten auf dem Weg bewundernd, oder wie die Menschen, die auf Vergebung ihrer Sünden oder auf eine wundersame Heilung ihrer Krankheiten hoffen; oder wie die, die in den Dingen Gott zu erkennen suchen.

Es ist nicht der Weg, sondern meine innere Haltung, die mich erkennen und finden lässt. Ist es die innerer Ruhe, die Ausgewogenheit und der Frieden, den mir die Begegnung mit der Natur vermittelt, die ich suche, oder ist es Selbsterfahrung? Oder Selbsterkenntnis? Auf einem solchen Weg werde ich genau das finden, was ich suche.

Die Bedeutung des Weges liegt nicht im Weg, sondern im Denken und Wollen desjenigen, der ihn geht. Die Bedeutung des Weges liegt alleine darin, dass ich ihn gehe.

Auch der Zen-Weg ist ein solcher Weg. Im Chado, dem traditionellen japanischen Teeweg, heißt es »Zen und Tee – ein Geschmack«. Das ist der Ausdruck der Haltung, das ist das Eigentliche. Nicht die Zubereitung des Tees, die ist nur der Weg, wenn auch untrennbar damit verbunden. Verstehe ich das, dann verstehe ich, dass Zen in allem sein kann, was ich tue. Ob es das ist, liegt an mir.

Doch was ist Zen? Nichts Spezifisches, nur ich selbst.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.