Die Crux mit der Wahrheit

Das Dumme an der Wahrheit ist, dass nicht jeder sie haben will. Wer seine eigene Wirklichkeit so sehr liebt, dass er sie nicht aufzugeben bereit ist, der will sie einfach nicht wissen.

(Eine Empfehlung: Diesen Text liest man am Besten mit einem Orgelstück von Bach im Hintergrund, etwa Toccata und Fuge.)

Für die Wahrheit muss man bereit sein. Niemand kann sie einem ‚beibringen‘. Man kann die Informationen zur Verfügung stellen, an denen man sie erkennen kann, doch sich darauf einlassen, das muss jeder ganz für sich selbst. Und ohne sich auf sie einzulassen gelangt man nicht zu ihr.

Es ist wie im Umgang mit den Menschen. Ohne sich auf sie einzulassen wird man sie nie verstehen können. Sich auf jemanden einzulassen ist aber etwas anderes als nur mit ihm zu reden. Solange wir nur reden, bleiben wir in unserer eigenen Welt; erst wenn wir bereit sind uns einzulassen, können wir dem Anderen wirklich begegnen, können wir ihn verstehen und ’sehen‘.

Es kommt dabei interessanter Weise überhaupt nicht darauf an, ob man beziehungsweise der Andere die Wahrheit tatsächlich besitzt oder nicht. Denn auch dann wird die Illusion offensichtlich, lässt man sich auf den anderen ein. Sich nicht einzulassen schützt das eigene Weltbild. Denn wenn man sich auf den anderen und seine Gedanken wirklich einlässt, und wenn er im Besitz der Wahrheit ist, wobei es genügt, dass seine Gedanken ein bisschen wahrer sind als die eigenen, dann entlarvt das die eigene Illusion, der man sich vielleicht hingibt.

Sich nicht einzulassen ist nichts anderes als ein aktiver Selbstschutz vor der potentiellen Gefahr, die von der Wahrheit ausgeht; denn sie stellt das eigene Weltbild in Frage. Sogar die Illusion tut es! Denn die Illusion zu erkennen bedeutet zwingend, die Wahrheit gleichermaßen zu erkennen. Und die Wahrheit zu erkennen heißt genauso, der Illusion habhaft zu werden.

Wer sich einlässt denkt zwangsweise über sich selbst nach. Man hört etwas und gleicht das mit dem eigenen Weltbild ab. Und man nähert sich unweigerlich der Wahrheit. Wer sich auf ein Gespräch über Wahrheit einzulassen bereit ist, statt nur darüber zu reden, der ist bereit zur Selbstreflexion, der Vorstufe zum Dialog. Dann werden Wahrheit und Illusion offensichtlich, wobei es nie um etwas Absolutes, sondern immer nur um etwas Relatives auf der Grundlage dessen geht, was wir tatsächlich wissen.

Die Wahrheit des Lebens und des Seins zu ergründen, sollte unser erstes Anliegen sein, wollen wir wirklich leben. Denn wir selbst sind ja Ausdruck dieser Wahrheit. Anders als Tiere oder Pflanzen scheinen wir ‚aufgewacht‘ zu sein, wir leben nicht mehr vollkommen instinktiv, sondern sind auf dem Weg, uns selbst zu erforschen. Das ist das Dilemma, in dem sich der Mensch befindet. Entweder er will wissen, was wirklich ist, oder er will es nicht und sich seine Geschichte bewahren. Es gibt viele und auch verständliche Gründe, warum man nicht wissen will, was wirklich ist.

Aber der Preis, den man dafür bezahlt ist hoch. Er kostet einen das Leben, wie es wirklich ist. Das zu erkennen ist das eine. Es ist der erste Schritt, doch ohne den nächsten bleibt es doch wieder nur ein sich Drehen im Kreis. Wir müssen nämlich auch berücksichtigen, wie wir funktionieren, ohne uns irgendwelchen mystizistischen Schwärmereien hinzugeben. Die gehören nämlich auch zur Illusion und nicht zur Wahrheit. Was natürlich nicht bedeutet, dass sie für denjenigen, der ihnen folgt, nicht Wirklichkeit wären.

Wenn wir uns also aufmachen und aus der Illusion unserer Gedanken heraus wollen, müssen wir wissen, wie diese Gedanken überhaupt entstanden sind. Nur so können wir sie auch ändern. Das ist die spannende Frage: Wie bekommen wir etwas unter Kontrolle, über das wir eigentlich keine Kontrolle haben?

Es gehört zu den Lieblingsgedanken der Illusion zu glauben, wir könnten irgendetwas bewusst tun und bewusst unter Kontrolle haben. Können wir nicht. Aber was wir können ist, Prinzipien und Regeln definieren, an die wir bereit sind uns zu halten. Nur die müssen wohl überlegt sein, sonst bleibt der Tanker unserer Gedanken weiter auf dem falschen Kurs. Unsere Gedanken flitzen zwar nur so hin und her wie die Affen im Urwald, aber als Ganzes gleicht es eher der Behäbigkeit eines Tankers.

Aber das ist noch nicht alles. Es kommt noch etwas ganz Entscheidendes dazu. Jeder muss es selbst erkennen. Hirnforscher nicken bei solchen Aussagen bedeutungsvoll mit dem Kopf, denn zu glauben, wir könnten einem anderen etwas beibringen, was ja sehr, sehr viele tun, ist auch nur ein Bestandteil unserer illusionären Sicht von der Welt und uns selbst. Hier noch ein Gedanke von Jed McKenna, der dieses Dilemma beschreibt, in dem der Mensch steckt und dass die Antwort darauf eigentlich keiner Überlegung bedarf. Doch wenn man den Text aufmerksam liest, merkt man, dass da schon einer für die Wahrheit brennt:

Ich begann meine Reise vom ersten Moment an mit der Erkenntnis, dass mein Leben verwirkt war. Das war ein Angebot, und ich war unsagbar glücklich, dieses Schnäppchen ergattert zu haben. Mein umnebeltes kleines Nichts von Leben als Preis für die Klarheit? Aber sicher. Das verstand sich doch von selbst. Da gab es nie das geringste Zögern. Würdet ihr nichts für alles eintauschen? Wenn ihr diese Frage versteht, habt ihr sie bereits beantwortet.

Und weil das so ist, baut sich das Ganze rückwärts auf: Es beginnt mit Selbstdisziplin. Ohne die bleibt der Weg der Selbsterkenntnis verschlossen. Nur so kann man die Illusion erkennen; der notwendige Schritt, um sehen zu können, was ist.

Na ja, eigentlich stimmt das nicht ganz. Denn wer keine wirkliche Leidenschaft für die Wahrheit aufbringt, der hat auch nicht die notwendige Selbstdisziplin. Das ist die Crux: Für die Wahrheit muss man brennen. Statt dem Ego zu folgen. Das ist das Dilemma, das sich einem stellt. Das ist der Jordan, über den zu gehen man sich entscheiden muss, will man nicht weiter in der Illusion gefangen bleiben.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.