Die Suche nach dem roten Faden

Wir sind es gewohnt, uns an Mustern zu orientieren.

Etwa der Heldenreise, Jungs Archetypen oder aus dem christlich-religiösen Kontext dem Enneagramm. So verständlich diese Suche nach musterhafte Orientierung ist, so kontraproduktiv ist sie. Denn worum geht es im Zen? Einzig darum, Zen zu »denken«!

Mit nichts anderem lässt sich das Denken des Zen besser beschreiben als mit den Verneinungen Nagarjunas:

Nirgends und niemals findet man Dinge, entstanden aus sich, aus anderem, aus sich und anderem zusammen, ohne Grund.

Das Entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit (prat_tyasamutp_da), dies ist es, was wir ‚Leerheit‘ nennen. Das ist [aber nur] ein abhängiger Begriff (prajñapti); gerade sie (die Leerheit) bildet den Mittleren Weg.

Nichtvergehen, Nichtentstehen, Nichtabbrechen, Nichtandauern, Nichteinheit, Nichtvielheit, Nicht-zur-Erscheinung-Kommen, Nicht-aus-ihr-Verschwinden.

Wenn ich mich also frage, warum ich Zen praktiziere, dann gibt es dafür nicht einen oder zwei oder drei Gründe, sondern so viele Gründe wie Atome im Universum. Ich muss einfach nur aufhören zu glauben das »Ich« damit etwas zu tun habe. Dabei ist das gar nicht so einfach, konfrontiert uns dies doch mit der Dichotomie des Menschen. Einerseits erfahren wir uns als bewusst agierende Wesen, andererseits sehen wir uns dem Prinzip von Ursache und Wirkung, der Bedingtheit allen Seins unterworfen.

Wenn es einen roten Faden gibt, dann den, die Dichotomie des Menschen aufzulösen und zu transzendieren. In diesem Satz ist dies ein Stück weit beschrieben:

Dies ist das bewusste Sein, das aus der Leere heraus dem Tao folgend Form annimmt, das ist die Einheit von Meister, Werk und Welt.

Und wie soll das gehen? Denn natürlich müssen wir etwas tun und das bedeutet eben auch, uns an etwas zu orientieren.

Also verstehen wir das Leben als ein Koan. Und das bedeutet nichts anderes, als eine gelebte Antwort auf die Fragen zu geben, die uns das Leben stellt. Die Orientierung finden wir in dem konsequenten (!) Streben nach Vollendung, der Versenkung in den Geist und der stetigen Vervollkommnung; was uns unmittelbar zum kreativen Prinzip führt, in dem das Prinzip der Ganzheit von Leere und Form über die (geistige) Manifestation für uns erfahrbar wird.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die von Hui Neng berichtet wird: Zwei Mönche unterhielten sich einmal darüber, ob der Wind die Fahne oder die Fahne den Wind bewegt. Hui Neng, der an ihnen vorbei kam, kommentierte ihren Dialog mit den Worten »Euer Geist bewegt die Fahne.«

Weil solche Gedanken für uns, solange wir noch, und wenn auch nur ansatzweise, in der Vorstellung des aus sich selbst heraus existieren Selbst leben, einfach nicht zu »verstehen« sind, verlieren wir uns in unser gewohntes Denken. Und genau das ist der Moment, wo uns der »rote Faden« abhanden zu kommen scheint. Das bedeutet nichts anderes, als dass der »rote Faden« die konsequente Praxis selbst ist.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.