Ego und Versenkung

Was ist das Ego?

Ist es, wie viele sagen, unser Feind, oder ist es so etwas wie ein inneres Kind, das sich nach Liebe und Anerkennung sehnt und dem wir freundlich und voller Verständnis begegnen sollen? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir erst einmal klären, was wir überhaupt unter Ego verstehen. Tatsächlich gibt es »das« Ego natürlich nicht, sondern es ist ein Sammelbegriff für egoistische, individualistische und auf sich selbst bezogene Tendenzen.

Ich bezeichne als »Ego« das sich seiner selbst nicht bewusste, aber ganz auf sich selbst bezogene Denken. Dieses Ego ist weder gut noch böse, es ist unwissend. Darum verurteilen wir das Ego nicht, aber wir hätscheln es auch nicht. Und vor allen Dingen tun wir alles, damit es keine Macht mehr in unserem Leben hat.

Um ein Gefühl für die Auswirkung des Ego zu bekommen, machen wir uns bewusst, dass es nur den einen Geist gibt, das in sich differenzierte Eine. Wenn wir verstehen, dass wir selbst die Welt sind, dass die Welt dieser Geist ist, was uns Weise wie Wissenschaftler darlegen, dann fordert uns dies auf, die Interpretation unserer Wahrnehmung allein aus unserer individuellen, persönlichen Perspektive aufzugeben.

Dazu müssen wir uns auch klarmachen, was es etwa bedeutet zu sagen, ‚ich bin in Gott und Gott ist in mir‘. Denn das bedeutet, dass auch alles andere in mir und ich in allem anderen bin.

Wenn wir beginnen zu verstehen, dass wir die Welt sind, dann fordert uns dies auf, die Welt einmal genau zu betrachten. Und dies verlangt vor allen Dingen auch, die negativen Dinge zu betrachten, denn nur so können wir unsere Schatten integrieren. Wenn wir das Negative leugnen, wie können wir es dann heilen? Betrachten wir die Welt einmal aus dieser Perspektive, dann können wir die zerstörerische Kraft egoistischen und selbst bezogenen Handelns der Menschen nicht verleugnen. Können wir dann aber auch akzeptieren, dass dies auch unser Schatten ist? Eine schwierige Vorstellung.

Aber, wenn wir eins sein wollen mit der Welt, müssen wir aufhören, Phänomene wie von einander getrennte Dinge zu behandelnund zu sagen, mit dem Schönen und Wunderbaren der Welt bin ich eins, nicht aber mit dem Hässlichen und Zerstörerischen.

Dies fordert uns auf zu verstehen, dass das Ego tatsächlich unser Feind ist, was aber nicht bedeutet, dass wir jetzt in den Krieg gegen es ziehen sollten. Denn das, was wir als »Ego« bezeichnen, ist nichts anderes als die Auswirkung von Unwissenheit und keine böse Absicht. Doch dass es ohne Absicht ist, macht es nicht besser und schon gar nicht zu etwas Guten oder Tolerierbaren.

Oft sagen wir »das habe ich nicht gewollt«, wenn wir etwas im Nachhinein als falsch Erkanntes getan haben, etwa, wenn wir jemanden beleidigt oder verletzt haben. Doch das ändert nichts daran, dass wir ohne Ausnahme mit den Konsequenzen und Folgen unserer Handlungen leben müssen. Auch Karma ist weder gut noch böse, es ist einfach, und wir müssen damit leben und klarkommen.

Nun ist dieses Ego sehr mächtig, es hat vollkommene Macht über uns, bis es uns gelungen ist, es durch Bewusstheit aufzulösen. Doch dies ist nicht einfach nur durch Wissen möglich, sondern wir brauchen das tiefe Wissen der Einsicht durch Erfahrung, das uns unmittelbar handeln lässt. Was also können und was müssen wir tun, um nicht weiter von unzutreffendem Denken geleitet zu werden?

Wir Menschen haben über unsere natürlichen und physiologischen Fähigkeiten hinaus zwei fundamentale Kräfte in uns, die wir bewusst gebrauchen können. Das eine sind unsere Gefühle und Emotionen, dass andere sind unsere Intelligenz und unser Denken. Beides wirkt immer Hand in Hand. So genügt es nicht, etwas zu wissen, denn erst die innere Überzeugung lässt uns handeln, die durch das mit der in der Versenkung gemachten inneren Erfahrung einhergehende Empfinden, das innere Gewahrsein entsteht, die Erfahrung, die keine Interpretation von Wahrnehmung, sondern numinose Einsicht in die Wirklichkeit ist.

Der Impuls, der uns handeln lässt, das Gefühl (!) für die Notwendigkeit zu handeln, lässt sich mit Wissen alleine nicht erzeugen. Umgekehrt wissen wir nicht, was wir tun können, wenn wir zwar den Impuls spüren etwas zu tun, jedoch nicht wissen, was zu tun richtig wäre.

Andererseits ist es offensichtlich, dass wir Wissen erwerben können, wenn wir den Impuls spüren und uns bewusst ist, dass wir Wissen brauchen. Genauso können wir aus Wissen inneres Gewahrsein werden lassen, indem wir uns in der Meditation auf das konzentrieren und darin versenken, was wir wissen. Wenn wir in unserer Praxis scheinbar nicht weiterkommen, dann finden wir den Grund meist darin, dass uns entweder das Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten fehlt oder das innere Gewahrsein für das, was wir wissen.

Dies erklärt, warum wir so oft nicht tun, was wir »eigentlich« wissen müssten oder nicht tun, obwohl wir es gerne tun würden. Fazit: Fehlen wissendes Verständnis oder inneres Gewahrsein, werden wir nicht aktiv. Also fragen wir uns, was wir tun müssen, um Verständnis und inneres Gewahrsein in unserem Leben realisieren und vermehren können.

Dabei konzentrieren wir uns allzu leicht nur auf Verständnis oder auf Gewahrsein. Viel zu wenig achten wir auf das, was ich »Setting« nenne. Denn das entscheidet ganz wesentlich darüber, ob uns unser Vorhaben gelingt. Mit anderen Worten: Wir müssen uns den richtigen Raum für das schaffen, was wir erreichen wollen. Das heißt vor allen Dingen, uns aus Gewohnheiten zu lösen, was nichts anderes verlangt, als uns unserer Anhaftungen bewusst zu sein.

Dabei müssen wir sie nicht im Einzelnen oder ihren Ursprung kennen. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass wir sie haben und dass sie wirken. dann wissen wir, was wir unmittelbar tun können. Ich muss nicht wissen, warum mein Schreibtisch immer so unordentlich ist. Es genügt das für mich passende Ordnungssystem zu installieren. Meine Erfahrung bei solchen grundlegenden Entscheidungen ist, dass der radikale Schnitt wesentlich leichter ist als das sich langsam Hineintasten. So, wie ich mit dem Rauchen von jetzt auf gleich aufgehört habe, weil ich gewusst habe, dass eine Zigarette weniger am Tag nicht funktioniert hätte.

Es sind also nicht fehlendes Verständnis oder mangelndes Gewahrsein, das uns Schwierigkeiten bereitet, denn das zu entwickeln ist ja die eigentliche und anstehende Aufgabe, sondern unsere Gewohnheiten, unsere Anhaftungen und manchmal auch unsere Befindlichkeiten, die wir nicht aufzugeben bereit sind. Das ist dann so, wie es in einer Zen-Geschichte heißt, als wolle man ein Netz auf einen Berg hinaufschleppen, um dort Fische zu fangen.

Wenn wir also von Disziplin in unserer Zen-Praxis sprechen, dann sprechen wir von einem Programm zur Verhinderung von Verhinderungsprogrammen oder, etwas pragmatische formuliert, was wir tun müssen, um nicht in unseren Gewohnheiten stecken zu bleiben.

Zu Anfang haben solche Praktiken und Übungen etwas Mechanisches und manchmal sogar Aufgesetztes an sich. So lange, bis sich in uns das Gefühl der inneren Notwendigkeit dafür entwickelt hat. Da lauert dann wieder die Gefahr, dass diese sinnvollen Praktiken wieder zu Gewohnheiten werden, die uns genauso funktionieren lassen wie genau die Gewohnheiten, denen wir mit diesen Regeln begegnen wollten. Doch das passiert uns nicht, wenn uns bewusst ist und vor allen Dingen bewusst bleibt was wir tun.

Den »idealen« Zustand haben wir dann erreicht, wenn wir in voller Achtsamkeit tun, was wir tun, ohne darüber nachzudenken, was wir tun. Dann sind wir das geworden, was wir tun, dann sind wir eins geworden. Das ist, was im Zen »Handeln durch Nicht-Handeln« oder »Denken durch Nicht-Denken« genannt wird.

Das ist die meditative Versenkung, die wir in der Zen-Praxis anstreben.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.