Frei, nachvollziehbar aber nicht vorhersagbar?

Eine Beschreibung aus der Physik, die wunderbar auf uns selbst passt.

Jedes einzelne Element ist unberechenbar und frei, doch gemeinsam bilden sie ein Ganzes, das bestimmten nachvollziehbaren Gesetzen folgt.‘ Das ist ein Satz, den ich in einem Buch über Quantenphysik gelesen habe. Diese Aussage bezieht sich auf physikalische Phänomen, passt aber gleichwohl perfekt auf die Phänomene, die wir bei uns selbst beobachten können.

Ich bin frei in dem, was ich tue. Ich kann früh aufstehen oder im Bett liegen bleiben. Was ich tue ist wirklich nicht berechenbar. Fragen Sie mal meine Frau, meine Kinder, deren Ehemänner oder meine Freunde, die werden es Ihnen bestätigen. Da bin ich mir sehr sicher, dass sich die nicht sicher sind, was er, also ich, jetzt wieder machen wird. Kein Mensch kann vorhersagen, wie ich auf etwas reagieren oder was ich tun werde. Unberechenbar und nicht vorhersagbar.

Und doch folge ich in dem, was ich tue, einer immanenten Gesetzmäßigkeit, nicht strikt und rigide, aber wenn man das, was ich tue, im Nachhinein betrachtet, dann wird schnell deutlich, dass ich einer Grundidee, einem Prinzip folge. Was definitiv auch damit zu tun hat, dass ich ja nicht allein für mich existiere sondern in einem Netz von Beziehungen lebe; Beziehungen, die letztlich oft auch Abhängigkeiten sind, selbst wenn ich sie selten so erlebe. Ich schaue ganz schön alt aus, wenn mir niemand mehr mein Motorrad repariert oder mir niemand mehr ein Brot backen oder verkaufen will. Und so weiter und so fort.

Frei, unberechenbar und, weil ich mit allem ein Ganzes bilde, bestimmten, nachvollziehbaren, aber selten wirklich bewussten Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten folgend. Und das geht allen so. Betrachtet man diese Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten genauer, dann wird man feststellen, dass dahinter ein implizites Weltbild steht. Nehmen Sie einmal nur diesen Satz: ‚Wir glauben also nicht, was wir sehen, sondern wir sehen, was wir glauben.‘ Also entweder wir glauben, was wir sehen oder wir sehen, was wir glauben. Ein einfacher Satz, leicht dahingesagt, aber darin kommen zwei völlig unterschiedliche Verständnisse von der Welt und vor allem von einem selbst zum Ausdruck. Schlicht inkompatibel.

Solange man diesbezüglich keine gemeinsame (Gesprächs-) Kultur gefunden hat, wird man zwangsweise aneinander vorbei reden. Oder sich allenfalls auf einer konventionellen Ebene begegnen können. Aber in einen Dialog eintreten? Unmöglich. Menschen, die sich verstehen, haben auf der Ebene, auf der sie sich begegnen, immer eine gemeinsame Kultur. Wo aber die kulturelle Gemeinsamkeit endet, enden auch die Gespräche. Will ich da nicht stehen bleiben, sondern in einen Dialog und die Suche nach Sinn eintreten, dann muss ich eine Kultur haben, die genau das gewährleisten kann. Also natürlich nicht die Kultur, sondern ich. Also muss ich sie leben, ihren Prinzipien folgen. Nur mal so gelegentlich, das wird nicht funktionieren.

Das beginnt mit einer entsprechenden Entscheidung, der Entscheidung, wie man grundsätzlich sein und leben will. Ich weiß, es ist eine sehr komplexe Entscheidung, aber es lohnt sich, das einmal genau zu betrachten. Nur sollte man das ‚wollen‘, das darin steckt, richtig verstehen. Es ist kein ‚wollen‘ im üblichen Sinn, sondern die Einsicht in eine Notwendigkeit; etwas, zu dem man hier in Franken sagen würde ‚Des basst!

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