Gehorsam versus Werteeinigkeit

Auch wieder so eine Definitionsangelegenheit.

Bevor man sich an dieses Thema gedanklich heranwagt, ist es angebracht, einmal die Begriffe sauber zu definieren. Also fange ich damit an.

Wikipedia verrät mir zu ‚Gehorsam‘, dass dies prinzipiell das Befolgen von Geboten oder Verboten durch entsprechende Handlungen oder Unterlassungen ist. Das Wort leitet sich (ähnlich wie Gehorchen) von Gehör, horchen, hinhören ab und kann von einer rein äußerlichen Handlung bis zu einer inneren Haltung reichen.

Und genau da ist schon der erste Knackpunkt. Gehorsam kann man eben so und so verstehen. Entweder ich gehorche jemandem oder ich gehorche mir. Wobei das eine problematisch sein kann und das andere auch. Oder eben, recht verstanden, auch nicht.

Als Segler praktiziere ich Gehorsam, ohne jegliche Diskussion. Natürlich nur, wenn das Schiff nicht vertäut am Steg oder vor Anker liegt. Werden die Anweisungen des Skippers nicht befolgt, treibt der Kahn bei ordentlich Wind und Seegang blitzschnell kieloben. Darum bin ich auch nicht so gerne Skipper, verdammte Verantwortung, die man da hat. Oder in einem Operationssaal. Keine Diskussionen. Das Einzige, was bleibt, ist dann nur Meuterei. Ein ganz eindeutiges Entweder-Oder, keine Zwischentöne.

Welche ‚Art‘ von äußerem Gehorsam notwendig ist, ist eine Frage der konkreten Situation, dessen, was ansteht. Ein gutes Beispiel hierfür sind Firmen, da gibt es meist entschieden zu viel Verlangen nach Gehorsam, manchmal sogar von beiden Parteien. Da hilft man sich dann gerne mit der Forderung nach ‚Teamarbeit‘. Nur dass in den wenigsten Fällen Teamarbeit angesagt wäre. Sondern Kooperation.

Fakt ist, über ‚Gehorsam‘ und seine konkrete Ausgestaltung muss man reden. Das hängt von vielen Faktoren ab. Womit habe ich es zu tun, wer weiß was, wer hat welche Aufgabe und so weiter und so fort. Und dann muss ein eindeutiges Kommitment her. Handschlag! Und nicht par ordre du mufti oder als schriftliche Anweisung. Das funktioniert nämlich nicht. Wenn es also kein ‚Hand drauf‘, gibt, sollte man sich freundlich verabschieden und gehen.

Damit habe ich den Schwenk zum inneren Gehorsam. Wenn ich nämlich erkenne, dass es besser wäre, mich zu verabschieden, dann ist ‚innerer Gehorsam‘ notwendig. Schon wieder dieses Wort: Notwendigkeit. Aber dazu später mehr. Auch in der Kooperation, also, wenn ich etwas eigenverantwortlich mache, gehorche ich nur mir selbst. Und nicht etwa ‚wenn überhaupt‘, sondern hoffentlich!

Also muss ich die Situation klar bekommen, sozusagen das ‚Style Sheet‘, damit ich im Vorfeld (!) genau weiß, wie ich reagieren muss (!), wenn etwas Bekanntes oder auch etwas völlig Neues und damit nicht bekanntes (!) auf mich zukommt und ich nicht erst grübeln muss, sondern Prinzipien und Werte an der Hand habe, die mir genau sagen, was zu tun ist. Und damit bin ich beim nächsten Punkt angekommen.

Gehorsam und Wert sind nämlich nicht voneinander trennbar, sie bedingen einander, verbunden in einem Regelkreis. Stimmt das eine nicht, stimmt auch das andere nicht. Also müssen beide stimmen.

Wertvorstellungen oder kurz Werte bezeichnen im allgemeinen Sprachgebrauch als erstrebenswert oder moralisch gut betrachtete Eigenschaften bzw. Qualitäten, die Objekten, Ideen, praktischen bzw. sittlichen Idealen, Sachverhalten, Handlungsmustern, Charaktereigenschaften beigelegt werden. Sagt Wikipedia.

Also, welche ‚Werte‘ sollte ich erfüllen, welchen Werten sollte ich folgen? Sagen Sie jetzt bitte nicht ‚woher soll ich das denn wissen?‘, sondern fragen Sie nach, von welcher Situation ich spreche. Meinte ich meine Werte als Skipper oder die als Motorradfahrer oder die als Coach beziehungsweise die, die ich als Berater befolgen sollte?

Sie sehen, es geht hier um die Situation. Und die definiert man eben gemeinsam. Also haben die ‚richtigen‘ Werte nichts mit A oder B zu tun, sondern mit den Notwendigkeiten der Situation. (Ich sagte doch, ich komme noch darauf zurück). Mein Wertekanon ist erst einmal nichts Persönliches, sondern absolut situativ. Was erfordert die Situation, welche Werte sind notwendig?

Doch das ist ein großes Problem. Ich – und jeder andere auch – kann nur die Werte mit Leben erfüllen, die ich auch verinnerlicht habe. Alle anderen Werte sind für mich zwar schon, aber eine Illusion. Oder ein Wunschtraum. Hat man die Werte nicht, sollte sie aber haben, dann gibt das genau die Persönlichkeit, die man im Business zu Hauf antrifft. Und wer glaubt, er könnte in seiner Ehe andere Werte leben als im Beruf, der macht sich was vor oder er ist ein bisschen schizophren.

Sie merken schon, weder Gehorsam noch Werte sind der Weisheit letzter Schluss. Es geht noch eine Etage tiefer oder höher, ganz nach Geschmack. Beides, sowohl Gehorsam, wie Werte, haben eine gemeinsame Grundlage. Und das ist das Bild, das ich von der Welt und damit von mir, wie von allen und allem Anderen auch habe. Dieses Bild kann ich am ehesten wohl durch und mit Prinzipien fassen, denn Prinzipien sind dem Sinn näher als Gehorsam und auch näher als Werte.

Es geht also um den Sinn, den man in dem Ganzen zu erkennen in der Lage ist. Es ist eine beliebte Wendung zu sagen, ‚den Sinn, den ich darin sehe‘. Das ist nämlich eine schlicht auf einen selbst reduzierte Logik. Um nicht zu sagen ein Ausdruck der Selbstbezogenheit. Und exakt das ist der Weisheit letzter Schluss. Definieren wir den Sinn des Lebens aus uns oder aus dem Ganzen? Das ändert die Antwort auf die Frage: Gehorsam oder Einigkeit über Werte.

Die Antwort folgt zuerst einmal aus dem Sinn. Die nächste Stufe sind Prinzipien, dann folgen Werte und ganz zum Schluss folgt die Frage nach dem Gehorsam, dem Element der praktischen Realisation.

Das ist der Weisheit letzter Schluss:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muss!

Goethe, Faust II

Auch wenn Sinn wie Prinzipien durchaus beständig sind, Werte und Gehorsam sind es nicht. Und das macht es für manche auch so schwierig, weil wir immer aufgefordert sind, uns immer wieder zu finden. Nicht ‚neu zu finden‘, sondern einfach ‚zu finden‘; einfach deswegen, weil dies ein permanenter Prozess ist.

Aus dieser Perspektive ist eben doch der Weg das Ziel, und nur aus der funktionalen Perspektive stimmt der Satz, dass das Ziel der Weg wäre.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.