Geistige Praxis ist kein Mentaltraining

Geistige Praxis verhält sich zu Mentaltraining etwa so wie Feldenkrais-Übungen zu Krankengymnastik.

Feldenkrais nannte seine Methode, die eher eine Praxis, sicher aber kein Training ist, »Bewusstheit durch Bewegung«. Seine Erkenntnis aus seiner persönlichen Geschichte war, dass man seinem Körper die Möglichkeit geben muss, sich richtig organisieren zu können, damit er einem keine vermeidbaren Probleme bereitet. Und, so sein Credo, es geht immer auch leichter.

Sein Ausgangspunkt war, dass Schwierigkeiten in der Bewegung dadurch entstehen, dass der Körper eine Schonhaltung eingenommen und sich angewöhnt hat, um einen spezifischen Schmerz zu vermeiden. Da diese Schonhaltung aber üblicherweise auf Vermeidung und nicht auf besserer Organisation des Körpersystems beruht, führt genau dies zu noch größeren Bewegungseinschränkungen und Fehlhaltungen, die dann zum eigentlichen und meist gravierenderen Problem werden.

Natürlich macht es Sinn, seine Rückenmuskulatur zu stärken, wenn man Kreuzschmerzen hat, aber das Problem löst man damit selten, denn die Muskeln machen die Haltung nicht, sondern die Organisation des Skeletts. Und wenn das gut organisiert ist, brauchen wir dafür keinen besonderen Kraftaufwand. Sitzen wir aufrecht, müssen wir unseren Körper nicht »halten«, dann sitzt er mühelos in sich aufrecht. Nicht anders ist es mit Bewegungen. Sind sie gut organisiert, brauchen sie keinen besonderen Aufwand.

Was also liegt näher, als zu lernen, wie wir unseren Körper richtig organisieren? Sagen Sie jetzt bitte nicht »Ja, das macht Sinn!«. Denn damit würden Sie Ihrem Körper jegliche Intelligenz absprechen. Als Kinder haben wir nicht laufen gelernt, weil man uns das beigebracht hat, sondern wir haben gelernt, uns entsprechend zu organisieren; ganz von selbst und vor allem allein den inneren (Bewegungs-) Impulsen folgend. Wir wollten Bewegung erreichen und nicht vermeiden, wie es bei der Schonhaltung der Fall ist.

Damit stellt sich die nächste Frage, nämlich die, wie man eine Vermeidungshaltung aufgibt. Das ist ziemlich einfach: Durch Bewusstheit, die im Gewahrsein dessen entsteht, was genau wir tun. Nicht reflektiv-korrigierend oder -analysierend, sondern reflektiv-wahrnehmend. Und wie gesagt, es geht alleine darum, die Vermeidungshaltung aufzugeben. Werden wir uns bewusst, dass wir nicht aufrecht sitzen, ist sofort ein Impuls hin zur besseren Haltung bemerkbar. Ein Impuls, der schon immer da war, nur keine Chance hatte, zu wirken. Wie gesagt, es geht »nur« um eine bessere Haltung und nicht um eine in unserer Vorstellung richtige Haltung. Ich nenne das Selbstvertrauen. Vertrauen in das, was uns ausmacht und das wir in keiner Weise unter Kontrolle haben.

Warum aber sitzen wir überhaupt auf eine Art und Weise, die uns Probleme macht? Weil unser Geist den Körper organisiert. Und diesem Geist stehen wir mit unserem bewussten Denken regelmäßig im Weg. Etwa, indem wir die Parole ausgeben, Schmerz zu vermeiden. Oder dass wir negativ denken. Negativ denken bedeutet nämlich, dass sich die dadurch ausgelösten Gefühle und in deren Folge Emotionen unmittelbar in unserer Körperhaltung widerspiegeln.

Doch warum denken wir negativ? Weil wir etwas vermeiden wollen. Warum und weshalb ist nicht wirklich wichtig zu wissen. Wir müssen nur des inneren Widerstandes gewahr werden und ihn lassen – einfach aufgeben. Wir müssen uns auch nicht überlegen, was wir stattdessen tun, sondern wir brauchen nur bereit zu sein, uns auf das einzulassen, was ist.

Ist eine alte Samurai-Regel: Nichts vermeiden. Nur das. Und sagen Sie jetzt bitte nicht, dass das ja simpel wäre. Denn das ist es definitiv nicht. Verlangt es doch von uns, die Rüstung unseres Images abzulegen, die Festung unseres von allem anderen als getrennt erlebten Ich zu verlassen und uns hinaus in die Welt zu wagen, wie sie ist.

Und damit kommen wir zum Kern der Sache. Immer wieder glauben wir, uns verteidigen zu müssen, wo das überhaupt nicht der Fall ist. Diese »Notwendigkeit« ergibt sich nicht aus der Wirklichkeit an sich, sondern aus unserer, leider meist unzutreffenden, weil von falschen Annahmen ausgehenden, Interpretation der Wirklichkeit.

Darum können wir unseren Geist weder trainieren noch im klassischen Sinn schulen. Wir müssen ihm nur aus dem Weg gehen und aufhören, sein freies Fließen zu behindern, indem wir die Wirklichkeit zu vermeiden suchen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.