Gelebter Mythos III

Ob wir also dem Ideal (Gelebter Mythos I) oder der Konditionierung (Gelebter Mythos II) folgen, macht im Grunde genommen keinen wirklichen Unterschied; denn beides ist Realität, werdende oder gewordene Vorstellung von Wirklichkeit. Doch was stattdessen? 

Eine Antwort darauf finden wir in der Erkenntnis, dass die »Wirklichkeit«, so wie wir sie wahrnehmen im Sinne von erkennen, überhaupt nicht existiert. Materie ist, so wie wir sie üblicherweise »sehen«, eine Illusion, denn tatsächlich ist da irgendwie nur ein großes »Nichts«. Und doch wäre es absurd zu behaupten, dass »Materie« für uns nicht real wäre – was mich zu der Feststellung bringt, dass wir in einer »realen Illusion« leben.

An dieser Stelle stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Bedeutung dies für einen selbst hat. Schließlich ist die Welt eben so, wie sie ist, und der Tisch vor mir bleibt ein Tisch, egal was ich über seine Beschaffenheit weiß oder denke. Doch das ist definitiv zu kurz gedacht, denn der Tisch existiert nicht außerhalb meiner Wahrnehmung. Erst meine Wahrnehmung macht ja den Tisch überhaupt erst zum Tisch. Dummerweise kann niemand sagen, was da »wirklich« ist, wenn niemand die Vorstellung hat, dass da ein Tisch ist. Ein zu absurder Gedanke? Ich denke nein.

Diese Überlegung erinnert an die Aussagen der Quantenphysiker, dass die Eigenschaften von Licht und in der Folge von Materie sich erst durch die Beobachtung an sich realisieren, dass also die Intention des Beobachters bedingt, was er wahrnehmen wird. Jedenfalls so ungefähr.

Die interessante Frage ist, ob das, was für den Tisch gilt, auf dem mein Computer steht, nicht irgendwie auch für mich selbst gilt. Schließlich bin ich ja auch Materie, wenn auch belebte. Die Logik sagt mir, dass die Elementarteilchen, aus denen mein Körper zusammengebaut ist, sich letztlich nicht anders verhalten können als das Elementarteilchen, das der Physiker untersucht und bei dem er feststellt, dass da immer weniger ist, je genauer er hinschaut.

Solche Gedanken scheinen beunruhigend, doch tatsächlich können sie uns nicht infrage stellen, denn ich sitze weiterhin vor meinem Tisch, so wie mein Tisch sich in seiner von mir wahrgenommenen Substanz nicht davon beeindrucken lässt, was ich darüber denke. Und bei meinen Körper ist es nicht anders.

Er existiert so, wie er eben existiert, unabhängig von meinen Vorstellungen über seine Substanz und Beschaffenheit, aber ganz offensichtlich nicht unabhängig von meiner Wahrnehmung. Dass die Wahrnehmung unserer selbst einen unmittelbaren Einfluss auf uns selbst hat, kann nicht ernsthaft geleugnet werden. Sonst würden weder Autosuggestion noch Placebos wirken. 

Nun sagen die so genannten »Radikalen Konstruktivisten«, zu denen ich auch Wittgenstein zähle, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, ja nichts anderes ist als ein geistiges Konstrukt, was üblicherweise zu der Feststellung führt, dass jeder in seiner eigenen Wirklichkeit lebt, was wiederum viele zu dem Schluss kommen lässt, dass es keine absolute Wahrheit oder Wirklichkeit geben kann. Das aber ist unlogisch.

Tatsächlich ist die Wahrnehmung der Wirklichkeit relativ, doch das bedeutet nicht, dass die Realität beliebig wäre. Es fällt uns einfach nur schwer den Raum zu erkennen, in dem sich die unterschiedlichen Wahrnehmungen von Wirklichkeit befinden oder ereignen. Könnten wir diesen Raum wahrnehmen, würden sich scheinbare Widersprüche auflösen. Widersprüche in einem System sind ja meist nichts anderes als falsch definierte Systemgrenzen, also ein falsches Verständnis des Systems.

Wenn ich diese unterschiedlichen Gedanken zusammennehme, dann schlussfolgere ich daraus, dass ich mich in einem Raum von Möglichkeiten befinde, der durch mein Verständnis dieses Raumes wie die Welle des Quantenphysikers zu der Wirklichkeit kollabiert, in der ich lebe. Dass dieser Raum des Möglichen natürlich durch andere Bedingungen gleichermaßen definiert wird, liegt auf der Hand, denn schließlich existiere ich nicht alleine auf dieser Welt. Andererseits sollten wir uns davor hüten zu glauben, dass bestimmte Dinge nicht möglich wären, nur weil wir keine Vorstellung davon haben, wie das »geht«, oder weil sie unserem Verständnis von Wirklichkeit widersprechen.

Dass ich nicht in der Lage bin, kraft meiner Gedanken das Zimmer durch die geschlossene Tür zu verlassen, auch wenn die Tür und mein Körper nichts anderes als eine einheitliche Quantenpampe sind und nur in meiner Wahrnehmung etwas Unterschiedliches und von einander Getrenntes, dann sollte ich das nicht für unmöglich halten, nur weil ich es mir nicht vorstellen kann oder mir es zwar vorstellen kann, aber nicht weiß, wie es gehen sollte oder was ich tun muss, damit es geht.

Gar nicht mehr so utopisch klingen solche Gedanken, wenn wir sie einmal nur auf geistige, mentale und psychische Prozesse  beziehen. Denn »irgendwie« hat schon jeder einmal die Erfahrung gemacht, dass sich die »innere« Wirklichkeit unmittelbar im »Außen« realisiert hat. Doch wo ziehen wir die Grenze, wo sagen wir: »es geht« und wo nicht? Diese Grenze existiert alleine in unseren Vorstellungen. Ob es überhaupt eine solche Grenze gibt, können wir einfach nicht wissen.

Die Schwierigkeit dabei ist, dass nur derjenige solche Phänomene akzeptiert bzw. bereit ist, ernsthaft darüber nachzudenken, der sie selbst erlebt hat und nur derjenige eine Deutung wagen kann, der über den notwendigen wissenschaftlichen Hintergrund verfügt. Andererseits können wir uns in den Gedanken  des Dialoges von Wolfgang Pauli und C. G. Jung wiederfinden.

Betrachten wir letzten, spontan geschriebenen Satz genau, dann steckt etwas Wesentliches darin: Ich schreibe, dass wir uns in diesem Dialog wiederfinden können, tatsächlich können wir doch nur die Beschreibung unseres eigenen Erlebens darin erkennen. Solche Sätze machen den gedanklichen und leider üblichen Kurzschluss zwischen Ich-Verständnis und Erleben deutlich, eine Folge unserer Subjekt-Objekt-Interpretation von Wirklichkeit. »Mein« Erleben ist nichts, was sich tatsächlich von meinem Denken, meinem Geist trennen ließe – nur in meiner Vorstellung von Wirklichkeit.

Betrachte ich die Räume unserer Wohnung, dann sind sie für den Eingeweihten erkennbar ein unmittelbarer Ausdruck der Beziehung zwischen meiner Frau und mir; wo wir übereinstimmen ist offensichtlich, aber auch, wo nicht. Wir beide  definieren diesen (Lebens-) Raum ja nicht als Subjekt oder als Objekt, sondern als ein größeres Ganzes, auch wenn wir uns darin als Subjekt oder als Objekt erleben mögen. Es ist allein unser duales Verständnis, das uns das Offensichtliche nicht immer erkennen und damit wahrnehmen lässt.

Langer Rede kurzer Sinn: »Meine« Lebensräume und »mein« Geist sind Aspekte eines Ganzen und nichts voneinander Verschiedenes. Mein Wirklichkeitsverständnis definiert, wo ich aufhöre, Äußeres und Inneres als die zwei Seiten der einen Medaille wahrzunehmen und zu verstehen. 

Und genau das definiert, was ich unter »mein Geist« und damit unter »Ich« zu erkennen und zu erfahren in der Lage bin.

Damit löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen den beiden eingangs zitierten Texten auf. Der Mythos von mir selbst, denn ich lebe, ist von der Realität, in der ich lebe nicht verschieden. Es kommt allein darauf an zu erkennen, dass dieser Mythos Ausdruck meines eigenen Verständnisses von (meinem) Geist ist. Nichts sonst. 

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.