Guten Tag, in welcher Welt leben Sie?

So sollten wir einander ganz ernsthaft begrüßen, wollen wir uns wirklich begegnen.

Kürzlich hatten wir Gäste. Wirklich sehr nette Gäste. Es war auch ein sehr angenehmer Abend. Alles passte. Nur wurde mir auch sehr schnell klar, dass es eine Grenze gibt, die nicht überschritten werden darf, will man nicht, dass es bei bestimmten Themen sofort zu Unstimmigkeiten bis hin zum Streit kommt.

Es war die Grenze der Konvention, die nicht überschritten werden durfte. Gut, es wurde an diesem Abend zu keinem Problem. Jeder hielt sich an die Grenze, schließlich ist man sich ja sympathisch. Aber die wichtige Frage ist doch, wie können wir dann überhaupt miteinander reden, wenn es um etwas für uns Wichtiges und Wesentliches geht oder gar um die Frage nach Sinn, ohne die Konvention zu verlassen? Schlichte Antwort: Es geht einfach nicht. Ich habe lange nicht verstanden, warum sich die Parteien einer Mediation nie darauf einließen, sich erst einmal Gedanken über die mögliche Problemlösungsstrategie zu machen, statt immer gleich über Inhalte zu streiten. Ein Problem mit der Konvention hatten die nämlich nicht mehr – sie hielten sich schon seit geraumer Zeit nicht mehr daran.

Was da zu Tage trat, waren zwei ganz offensichtlich nicht mehr kompatible Weltbilder und Wertesysteme. Und das waren die wahrscheinlich noch nie, oder eines oder beide haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Jedenfalls ist etwas verloren gegangen: Der gemeinsame Nenner. Ob es Liebe war oder gemeinsame Interessen, etwas Gemeinsames hat sich wie ein Schleier über das Weltbild des Einzelnen gezogen und nur ein mehr oder weniger großes perspektivisches Fenster übrig gelassen, durch das die Welt gesehen wurde. Das Gemeinsame definierte den Fensterrahmen. Man merkt dann als Außenstehender recht schnell, wie dann die Konventionen gestaltet werden. Klares Feindbild und klares Freundesbild, die selben Interessen und die entsprechende Werte. Und alles, was damit nicht kompatibel ist, wird aussortiert abgelehnt und verdrängt oder ignoriert, man geht dem ganz einfach und für einen selbst völlig unbemerkt aus dem Weg.

Doch die Konventionen sind nicht das Problem, sie sind nur ein Symptom. Die Ursache ist eine ganz andere: Das sind die inkompatiblen Weltbilder. ‚Eigentlich‘ wissen wir das schon lange, denn wie oft möchten wir einen anders als wir selbst Denkenden fragen, in welcher Welt er denn ‚eigentlich‘ lebe. Es ist dieses verräterische ‚eigentlich‘, das uns hellhörig machen sollte. Aus diesen inkompatiblen Weltbildern kann man jetzt ein richtig grundsätzliches Drama mit viel Streit und wechselseitigem Unverständnis machen. Oder man sieht es einfach mal ganz pragmatisch. Mittlerweile beginnt sich ja die Erkenntnis durchzusetzen, dass das Geschehen in der Welt nicht eindeutig und nicht determiniert ist. Also ist auch nicht klar und berechenbar vorherbestimmt, was passiert wenn man dieses oder jedes tut.

Natürlich ist es nicht völlig beliebig, es gibt ein paar Grundregeln oder Prinzipien, die nicht übergangen werden können. Versucht man dies doch, dann fängt es an zu knirschen. Das ist übrigens genau das, was wir aktuell in der Welt erleben. Möglicher Weise erleben wir Menschen das schon ziemlich lange, nur wissen wir jetzt, warum das so ist – und damit können wir etwas dagegen tun. Es fängt ganz einfach mit der Wahrnehmung an. Üblicherweise glauben wir nämlich, dass wir denken, was wir sehen. Doch wenn das nicht stimmt – und es stimmt definitiv nicht – dann sehe ich nur, was ich auch denken kann – und nicht umgekehrt. Und mit einem Mal ist alles völlig anders. Es fängt bei ganz banalen Dingen an. Welche Kleidung praktisch ist, welches Auto zu einem passt und ob man kleine oder große, blonde oder dunkelhaarige Partner bevorzugt. Und das ist bei wirklich allem so. Vor allem ist es wichtig, bei den elementaren Dingen daran zu denken.

Wenn also wieder einmal jemand eine ganz andere Ansicht als Sie selbst hat, fragen Sie sie oder ihn doch einmal nach dem zugrundeliegenden Weltbild. Und darüber kann man sich dann unterhalten – statt gleich über Politik zu streiten. Beispielsweise. Einstein hat das wie viele seiner Kollegen erkannt: »Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.«

Heißt das, dass all der Streit und die Konflikte in der Welt ihren Grund einfach in eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins haben? Ich wage zu behaupten, jedenfalls ist das meine Beobachtung, dass es genau so ist. Einfach nur ein Wahrnehmungsproblem, kombiniert mit der Tatsache, dass wir nur zu sehen in der Lage sind, was wir auch denken können. Also sollten wir Einsteins Vorschlag ernst nehmen: »Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.«

Darüber lohnt es sich wirklich nachzudenken. Also hören wir auf, uns hinter Konventionen zu verstecken. Wir müssen endlich begreifen, dass wir in keiner wirklichen Gemeinschaft leben. Sehe ich die Welt als ein einziges Lebewesen an – was sie ja tatsächlich ist – dann ist jede Aus- und Abgrenzung Unsinn. Natürlich bedeutet etwas oder jemanden zu verstehen nicht, damit auch einverstanden zu sein, aber genau damit fängt es an. Die Kommunikation in der konventionellen Pseudogemeinschaft läuft über Verallgemeinerungen ab. Sie ist höflich, unauthentisch, langweilig, steril, unproduktiv und absolut nicht in der Lage, die anstehenden Aufgaben in der Welt anzugehen. Also beginnen wir damit, einfach einmal nicht zu versuchen, uns zu belehren, zu bekehren, zu heilen oder sonstig irgendwie Einfluß aufeinander zu nehmen.

Sondern uns wirklich zuzuhören. Und mit einander zu reden. Wirklich zu reden.

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