Ich bin es!

Alles, was ich denke, passiert vor dem Hintergrund der Kultur, in der ich groß geworden bin, in der ich gelebt habe und noch lebe.

Es beginnt mit der Kultur meiner Sprache, der Kultur des Denkens, der gesellschaftlichen wie der politischen Kultur und so weiter und so fort. Alles, was mir in meinem Leben begegnet ist und was ich erlebt habe, hat mich geprägt. Oder ich habe mich entsprechend geformt. Kommt der Sache wohl wesentlich näher.

Ob ich an Gott glaube oder nicht, ändert nichts daran, dass ich in der christlich-abendländischen Kultur und Gedankenwelt aufgewachsen bin und lebe. Und das heißt, dass ich das damit einhergehende Wertesystem nicht so einfach loswerden kann. Genauso ist es mit meinem Verständnis von Logik, von Natur, von Gesellschaft wie auch von Naturwissenschaften oder Geisteswissenschaften. Oder welche Musik ich liebe und welche nicht, warum ich Bach und Pink Floyd mag und dass mich Filme wie ‚Krieg der Sterne‘ oder ‚Der letzte Samurai‘ anturnen, ‚Titanic‘ aber nicht.

Mit dem, was ich als relevant angenommen habe oder annehme, habe ich dementsprechend meinen Geist geformt und forme ihn noch. Hoffentlich eine Baustelle, bis ich gestorben bin. Ob da gebaut wird oder nicht, nun, das liegt an jedem selbst. Was man tun sollte und was nicht, existiert ja nicht ,da draußen‘. Sondern es existiert nur in meinem Geist, meinem Denken, was ich glaube oder nicht glaube, dass es richtig wäre oder falsch.

Ich bin mir absolut sicher, dass jemand, der später als Japaner zur Welt kommt, als frisch gezeugter Embryo ein vergleichbares Gehirn und Nervensystem hat oder entwickelt, wie ich es damals auch hatte. Genauso sicher bin ich mir aber, dass ich auf eine ganz andere Weise denke wie ein gleichaltriger traditioneller Japaner. Nicht technisch, aber inhaltlich. Und das mit Sicherheit schon als Neugeborener, denn da ratterte die Maschine schon auf Hochtouren. Wir nennen es Kultur, es geht aber wesentlich tiefer, es ist grundsätzlicher Natur.

Bei einem Erwachsenen, also einem älteren Menschen, so etwa nach der Pubertät, hat sich ein komplexes Gedankensystem als neuronale Struktur in seinem Gehirn ausgebildet. Das ist leider für viele auf der einen Seite wie eine Art Gedanken-Knast, aus dem man nicht so einfach entkommen kann. Andererseits ist es für die, die es verstanden haben, eine faszinierende Chance. Denn so, wie wir unser Denken selbst programmiert haben, können wir es auch ganz anders und neu programmieren.

Dass ich es programmieren nenne, hat etwas damit zu tun, dass die Hardware zwar vorgegeben ist, aber das Programm schreiben wir selbst. Formen scheint mir hingegen zu statisch und zu materiell zu sein, was dem Vorgang eher nicht entspricht. Nur eine Anordnung der Gehirnzellen zu einer spezifischen Struktur, die auch jederzeit geändert werden kann. Heißt, wir können das Ganze jederzeit neu programmieren.

Aber das ist schwieriger, als es sich anhört. Weil es schwer zu begreifen im Sinne von anzunehmen ist, dass wir zwar Ausdruck des Prinzips ,Menschheit‘ sind, aber unsere Identität selbst gestalten. Betonung liegt bei uns selbst. Niemand sonst. Wie auch ein Hund, eine Katze oder ein Vogel. Und Pflanzen? Ich glaube mittlerweile die auch.

Der Unterschied zu uns Menschen ist, dass wir uns dessen im Idealfall bewusst werden können. Aber weil wir uns das so schwer vorstellen können, haben wir immer noch die Panik, wir verlören unsere Identität, wenn wir unser Programm neu schreiben würden.

Also leben wir weiter in der Illusion, in der so viele oder gar die meisten leben. Dabei bin ich doch wirklich nicht das, was ich denke, sondern ich bin das, was denkt. Und bei genauer Betrachtung bin ich nicht einmal das, sondern schon eher das, was mich hat werden lassen. Kaum nur eine Laune der Natur!

Die interessante Frage ist natürlich, wie man da rauskommt. Ist eigentlich ganz einfach, man muss nur absolut konsequent sein. Was natürlich seine Tücken hat, denn man kann ganz konsequent auch auf dem falschen Weg sein. Ich denke, die Lösung ist die gute Mischung. Eine Mischung aus Konsequenz und Zweifeln. Man muss bereit sein, sich immer wieder, ja eigentlich ständig, in Zweifel zu ziehen. Anders ausgedrückt: Man muss ständig verifizieren, was man zu erkennen glaubt. Und das wieder und wieder.

Entscheidend ist natürlich auch die Tiefe der Überlegungen. Geht man den Dingen nicht wirklich auf den Grund, kann man sie auch nicht wirklich verstehen. Man muss bis an den Punkt kommen, an dem man sich sagt, dass man die Antwort nicht positiv weiß, also nicht mehr darüber sprechen kann, aber trotzdem absolut sicher ist, dass die darauf aufbauenden Gedanken zutreffend sind. Aber man muss dabei stets bereit sein zu erkennen, dass man falsch liegt.

Meister Eckhardt hat einmal gesagt, man müsse Gottes quitt werden, um Gott zu schauen. Das ist so, doch darf man sich dabei nicht auf einen Gedanken verlassen, man muss ‚leer‘ werden und sein. Also: Ständig zweifeln ohne seine Sicherheit zu verlieren.

Im ersten Moment schwer vorstellbar, aber wenn man einmal damit anfängt, ist es leicht und keineswegs verunsichernd – ganz im Gegenteil. Sicherheit daraus zu gewinnen, dass man ‚weiß, was Sache ist‘, ist nämlich auch nur eine Überzeugung aus der Illusion, die man aufgeben kann. Oder muss?

Das Interessante ist ja, dass diejenigen, die konsequent handeln, kein Problem damit haben, etwas tun zu müssen. Das haben nur die, die ‚eigentlich‘ etwas anderes tun wollen. Aber der konsequent Handelnde ist ja überzeugt von dem, was er tut. Und wovon er nicht überzeugt ist, da kann man reden was man will, er wird es nicht tun.

Eine Gratwanderung auf des Messers Schneide. Aber das ist ein interessantes Bild. Denn die Instabilität, die das Pendeln zwischen den beiden Zuständen erzeugt, nämlich etwas zu wissen und sich dessen sicher zu sein, um es im selben Moment wieder aufzugeben und zu verifizieren, ist ja genau die Stabilität, die wir haben. Man nennt es auch Freiheit.

Das zu verstehen ist übrigens sehr einfach. Wir machen es tagtäglich beim Gehen. Wir bewegen uns dabei permanent von einem instabilen Zustand zum nächsten. Und genau dieser permanente Wechsel macht die Stabilität aus. Ist beim Laufen so, beim Autofahren, beim Balancieren – und auch beim Denken.

Wären wir beim Laufen so sicherheitsbewusst wie wir es üblicherweise beim Denken sind, wir kämen kaum vorwärts und nicht aus dem Kriechgang heraus. Aber es geht noch weiter: Freiheit hat weder etwas mit Sicherheit noch mit Unsicherheit zu tun, sondern mit der Kunst, instabile Zustände in einem sicheren, aber bewegten Zustand zu verschmelzen. Darum gibt es auch keine absolute Freiheit und keine absolute Sicherheit. Aber Bewegung ist möglich.

Und das soll ein Text über mich sein? Ja, ist es! Denn wir sind nicht nur alle irgendwie gleich, sondern in unserem Ursprung sind wir definitiv alle gleich. Das was uns unterscheidet, die Farbe im Leben, ist unsere Persönlichkeit. Aber es ist nicht das, was uns im Grunde ausmacht.

So unterschiedlich Hunde sind, ein Hund ist ein Hund. Und ein Mensch ist und bleibt ein Mensch. Wollen wir uns selbst ergründen, müssen wir also den Menschen ergründen – und nicht die Person, die wir sein mögen. Das ist nur eine Folge. Es ist das, was uns anders als andere sein lässt, aber es macht uns nicht aus.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.