Ich oder das Ganze? Oder beides?

Ich finde, wir sollten einfach mal das Spekulieren lassen und die Dinge nüchtern betrachten.

In spirituellen Kreisen hört man ja oft, dass der Mensch weder (Selbst-) Kontrolle über sich hat noch sein ‚niederes Selbst‘ überwinden muss. Warum? Weil er nichts richtig und nichts falsch machen kann, einfach, weil er ein Instrument Gottes wäre. Lässt sich wunderbar mit den Tieren des Waldes gleichsetzen. Und dann die, die sagen, der Mensch müsse sich selbst überwinden und erkennen, was zu tun ist.

Also, ehrlich gesagt, mir gefällt die zweite Variante irgendwie besser, auch wenn sie anstrengender klingt und ich die Dinge nicht einfach mal laufen lassen kann, keine Verantwortung habe und irgend eine höhere Macht einfach mal machen lassen kann. Aber wenn ich in die Zeitung schaue und lese, wer wo wen wieder umgebracht, versklavt und gedemütigt oder einfach nur beschissen hat, dann beschleicht mich der Gedanke, dass die, die da leiden, gerne darauf verzichten würden, Instrument eines so gedachten Gottes zu sein. 

Wir Menschen denken nun mal dual, jedenfalls meistens. Denken wir über Gott noch, denken wir eben. Aber hat nicht schon Meister Eckhardt gesagt, dass man Gottes quitt werden müsse, um Gott zu schauen? Das ich ihn nur dann ‚sehe‘, wenn ich keine Vorstellung mehr von ihm habe? 

Also, grundsätzlich ist es unsinnig, menschliches Verhalten in »richtig und falsch« aufzudröseln, einfach, weil alles was ich mache, für mich »richtig« weil folgerichtig ist, wenn ich es mache. In bzw. aus der Perspektive des »Anderen« kann dies aber selbstverständlich falsch sein. Was also liegt näher, mich gedanklich in die Position des anderen zu begeben, zu empfinden, was sie oder er empfindet, und dann zu handeln? Den Anderen nicht mehr als Objekt, sondern wie mich selbst als Subjekt ansehen?

Aber was kümmert es mich, wer die Welt regiert? Ich habe zu entscheiden, was ich tue. Und wenn ich es kann, dann muss ich es wohl auch. Die zentrale Frage ist, wie groß ich den Kreis meiner Verantwortlichkeit ziehe. Das können wir nicht selbst entscheiden, denn wir haben uns auch nicht selbst zusammengebaut und in bzw. auf diese Welt gebeamt. Aber wir müssen es selbst erkennen.

Aber zurück zu den Tieren. Die leben ja eine Ordnung, die das Ganze erhält. Insoweit können sie uns Vorbild sein. Nur wir Menschen können diese Ordnung verlassen und zerstören. Und das tun wir auch. Immer dann, wenn wir für die Konsequenzen unseres Handelns nicht einzustehen bereit sind. Wie viele würden noch Fleisch essen, müssten sie das Tier selbst töten? Und wie viele, wenn sie das Tier nicht als Objekt, sondern als Subjekt erleben? 

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich mich in einer Ordnung wähne – oder diese durch das, was ich tue, erst entsteht! Ist es nicht so, dass wir Menschen uns entscheiden können, wie wir leben? Ja, wir können es. Zwar in Grenzen, aber innerhalb denen sind wir frei. Aber wir müssen nicht tun, was wir wollen, wenn wir nur uns selbst sehen. Darin liegt der entscheidende Aspekt unserer Freiheit – uns für das Ganze zu entscheiden, statt nur für uns selbst.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.