Illusion und Angst

Warum hören die Menschen so ungern, dass sie in einer Illusion leben?

Ich habe mich viele Jahre lang mit den Gedanken des Buddhismus, des Zen, der Bewusstseinsforschung, der Neurologie, der Systemtheorie, der Quantenphysik, des radikalen Konstruktivismus und vieler anderer Themenfelder beschäftigt.

Dabei ist mir etwas Faszinierendes aufgefallen. Ich weiß noch, wie sehr ich manchmal mit mir selbst gehadert habe, in welche tiefen Löcher ich stürzte, aus denen ich manchmal glaubte, nie mehr herauskommen zu können. Es war einfach schrecklich. Heute wundere ich mich über die Menschen, die sich auf dieselben Gedanken nicht einlassen können, ich verstehe es einfach nicht.

Das erinnert mich fatal an die Geschichte mit der Schlange, die im Gras liegt und vor der alle eine panische Angst haben und voller Schrecken wegrennen – bis auf diejenigen, die wissen, dass es tatsächlich nur ein loses Stück Seil ist, das jemand vergessen hat und sich köstlich über die Anderen und deren Angst amüsieren.

Das wirklich Faszinierende dabei ist, jedenfalls finde ich das, also das ist, dass ich mich selbst schon fürchterlich erschrocken habe und hinterher nur über mich selbst lachen konnte, nachdem ich endlich gemerkt hatte, dass ich einer Illusion aufgesessen war. Noch mehr erstaunt mich jedoch die Tatsache, dass ich die Angst, die ich vorher empfunden hatte, hinterher überhaupt nicht mehr nachvollziehen konnte. Und ich bin mir sicher, dass es Ihnen auch schon so erging. Vorher Panik – hinterher Gelächter.

Die manchmal erschreckende Wirkung, die eine Illusion hervorrufen kann, lässt sich hinterher nicht wieder aktivieren. Vorher aber ist sie so mächtig, dass man den anderen kaum dazu bekommen kann, doch hinzugehen und das Stück Seil in die Hand zu nehmen – er wird es nur unter Zwang und mit größtem Widerwillen tun. Wichtig ist zu wissen, dass die vorherige Angst absolut real ist – und nicht nur erscheint – hinterher, also sobald man die Illusion durchschaut hat, hinterher ist diese Angst nicht mehr nachvollziehbar. Warum ich das schreibe? Weil es immer so ist. Sagt man jemandem, er lebe in einer Illusion, wird er mit Panik, Aggression und Ablehnung darauf reagieren, statt interessiert zu fragen: ‚Interessant, erzählen Sie doch mal!‘

Und genau das passiert, wenn Menschen, jedenfalls bei den allermeisten, die sich noch nie mit solchen Gedanken beschäftigt haben und damit konfrontiert werden, dass sie in einer Illusion leben, in einem gesellschaftlichen Konstrukt von Wirklichkeit – sie drehen sich um und gehen. Oder stellen fest, das sei zu kompliziert und man möge das bitte einfacher ausdrücken. Oder was ihnen sonst noch so an Ausreden einfällt, um sich nicht darauf einzulassen. Wobei sich darauf einlassen etwas ganz Anderes ist, als sich nur gedanklich damit zu beschäftigen.

Das ist der Rubikon, über den man bereit sein muss zu gehen, auch wenn er sich hinterher als ein Weg im Gelände herausstellt. Man muss bereit sein, der eigenen Angst ins Auge zu schauen, man muss seine inneren Widerstände ernst nehmen. Wenn man das tut, wenn man alle seine Befürchtungen annimmt und ihnen wirklich ins Auge schaut – dann verschwinden sie. Aber man muss dazu bereit sein. Und nicht nur so ‚tun als ob‘.

Kennen Sie die Antrittsrede von Nelson Mandela? Darin heißt es

Unsere tiefste Angst ist es nicht,
ungenügend zu sein. 

Unsere tiefste Angst ist es,
dass wir über alle Maßen kraftvoll sind.

Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, 
das wir am meisten fürchten.

Wie müssen uns nur bewusst werden, dass es nicht unsere Dunkelheit ist, sondern unser Licht, das wir fürchten. Denn dieses Gefühl der Dunkelheit ist eine Illusion, und die es zu erkennen gilt. Und vielleicht helfen Ihnen diese Gedanken, sich der Angst zu stellen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.