Immer dieser Ärger mit dem Ich

Wie soll man sich aus (s)einem Gefängnis befreien können, wenn man sich selbst darin eingesperrt hat?

Also, ich stelle mir das so vor, ganz pragmatisch: Ich verlasse das Haus, mache die Tür hinter mir zu, keiner ist mehr drin – und ich habe den Schlüssel vergessen. Entweder, ich habe einen Nachbarn, der einen Schlüssel hat (man weiß ja, dass auf einen selbst kein hundertprozentiger Verlass ist) und ich warte eben, bis er da ist und mir öffnet, oder ich ‚breche‘ bei mir selbst ein.

So oder ähnlich ist es, wenn man sich selbst ‚verändern‘ will und nicht weiß, was man dafür tun muss. Oder ob das, was man vorhat, überhaupt hilft, die eigenen (!!) Fallgruben zu umgehen. Das ähnelt dann sehr der Quadratur des Kreises. Man muss ja wissen, dass unser Gehirn das tut, was angenehm ist und nicht das, was konsequent richtig wäre. Wie hat das ein griechisch-orthodoxer Pope, dessen Name mir leider nicht mehr einfällt,  so treffend ausgedrückt? Der Feind ist in uns.

Darum reden wir auch so gerne über Bewusstheit, weil wir uns dann nicht damit beschäftigen müssen, dass wir uns ja nicht unter Kontrolle haben. Es sind ja immer nur die anderen, die mit dem Rauchen nicht aufhören oder es einfach nicht hinbekommen, abzunehmen. Da sind dann tausend Ausreden und wunderbare Erklärungen fällig. Statt dass wir zugeben würden, keine Kontrolle über uns zu haben. Da sind doch die Raucher eine gute Gelegenheit, sich selbst mal zu reflektieren und kennen zu lernen. Also sagen Sie bloß nicht im Brustton der Überzeugung ‚Ich doch nicht … !!

Also, wer glaubt, er könne sich ganz alleine wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Schlamassel ziehen, der hat einen guten Witz gemacht. Aber mehr nicht. Wie soll das auch gehen, wenn ich selbst nicht weiß, was ich anderes machen müsste? Also Bücher. Doch da weiß ich nicht, ob ich sie wirklich so verstanden habe, wie der Schreiber sie verstanden wissen wollte, als er sie schrieb. Langer Rede kurzer Sinn: Ohne den anderen geht es wirklich nicht. Doch wenn wir dann endlich wissen, was richtig wäre, wenn der berühmte Groschen gefallen ist, dann geht es doch nicht los. Denn wir haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Nämlich die ganz anders gelagerten ‚Interessen‘ unseres Gehirns.

Das folgt nämlich seinen ganz eigenen Regeln. Und lässt sich von uns nicht kontrollieren. Und dass uns etwas bewusst ist, heißt eben noch lange nicht, dass wir es auch tun würden. Wirklich nicht. Eine wahre Fundgrube für Enttäuschungen und ein wirkliches Paradies für Frustrationen. Wer das einmal kapiert hat, der weiß, dass er zwingend etwas anders machen muss. Er braucht das Außen. Aber wie? Früher war das einfach, da ging man ins Kloster. Da durfte man sein Ego an der Pforte in ein Eimerchen tun und gut war es. Dumm nur, wenn man an einen Abt geriet, der nicht so ganz integer war. Was ganz viele zu sogenannten Boomern gemacht hat.

Dabei ist die Lösung doch ganz einfach. Und die heißt Gemeinschaft, so wie Scott Peck sie versteht. Raus aus der Pseudo-Gemeinschaft, durch den Konfliktraum in die Selbstreflexion und – wow! – die Tür geht auf in den Gemeinschaftsraum. Doch nicht einfach so. Was muss man tun, dass einen die Pseudo-Gemeinschaft nicht doch wieder einholt? Man muss bereit sein, sich strickt an grundlegende Prinzipien zu halten. Diese Prinzipien werden vorher klar definiert und vereinbart. So wie etwa die Prinzipien des Teeweges: Asymmetrie, Unkompliziertheit, Würde, Natürlichkeit, Unergründlichkeit, Unbefangenheit, Stille. Darüber muss man reden und sich dann darauf nicht nur verständigen, sondern ein Kommitment treffen. Eine ganz klare Selbstverpflichtung und Vereinbarung, die natürlich für alle gilt.

Und schon ist man im Dialog. Da gibt es keinen Besseren oder Schlechteren, nur Menschen, die miteinander praktizieren. Und was jemand in die Gemeinschaft einbringen kann und will, nun, das liegt doch an ihm selbst! Klingt logisch und einfach und ist es auch. Doch warum gelingt es dann so selten? Weil die Menschen sich etwas bewahren wollen. Und wir bleiben nun einmal in der Beliebigkeit und Unverbindlichkeit stecken, wenn wir uns nicht ganz klar positionieren und keine eindeutige Entscheidung getroffen haben. Sondern wir wollen irgend etwas auf Teufel komm raus festhalten. Manchmal ist es auch das fehlende Eingeständnis, gescheitert zu sein.

Scheitern kann ich ja nur, wenn ich bereit bin zu sehen, dass ich mit meinen gewohnten Strategien nicht klar gekommen bin. Mir viel das relativ leicht, ich war nämlich beruflich an die Wand gefahren. Was für ein Glück! Als mein Leben so ordentlich Blessuren hatte, konnte ich mich endlich neu orientieren. Und hörte nicht mehr auf mich, sondern auf andere. Es war für mich leicht, die Kontrolle aufzugeben, denn ich hatte sie bereits verloren. Erst viel später kapierte ich, dass ich die Kontrolle nie hatte. Eigentlich ein Witz. Aber wenn das Alte und Gewohnte noch irgendwie funktioniert, widerstrebt es einem regelrecht, es weg- und aufzugeben.

Nicht ohne Grund hat Nagarjuna einmal gesagt, dass nur die bereit sind Zen zu praktizieren, die gescheitert sind. Eigentlich logisch, oder nicht? Man muss eben wirklich erkennen und akzeptieren, dass man mit dem Althergebrachten nicht weiterkommt. Das Scheitern steht vor dem Neuanfang. Wer damit aber ein Problem hat, der dreht eben noch eine Runde. Hoffentlich nicht bis an das Ende seines Erdenlebens.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.