In der Ruhe liegt die Kraft

Das Leben verläuft in Zyklen, die wohl kaum besser beschrieben werden können als durch die Symbolik des Hotu, der das individuelle Yin und Yang entspringt.

Das darauf aufbauende Verständnis von der Dynamik des Lebens ist die gedankliche Basis sowohl in der chinesischen Medizin, der Gesundheitslehre des Qigong wie in den Kampfkünsten des Ostens. Diese Dynamik zu verstehen heißt, das Leben an sich zu verstehen.

Im Verständnis der alten Traditionen des Ostens finden sich die Lebens-Zyklen der Natur, Frühling, Sommer, Spätsommer, Herbst und Winter auch in unseren Lebenszyklen wieder: In dem großen Zyklus zwischen Geburt und Tod genauso wie in dem kurzen Zyklus von Tag und Nacht. Auch das gesellschaftliche und das wirtschaftliche Leben sind geprägt von solchen Zyklen. Einer der Zyklen, der uns wohl am nächsten liegt, und obwohl für uns absolut lebensnotwendig, trotzdem so selten bewusst ist, ist unser Atem. In jeder Minute unseres Lebens atmen wir mehrmals ein und aus.

Die Qualität des Ein- und des Ausatems macht unsere psychische und physische Verfassung unmittelbar sichtbar. Ist unser Atem ruhig, gleichmäßig und tief, sind wir in uns selbst zentriert und innerlich ganz gesammelt. Was für unseren Atem so selbstverständlich ist, der stete Wechsel zwischen Ausdehnung und Zusammenziehung, ist auch die Grundlage jeder Bewegung. Ohne den Wechsel zwischen Kontraktion und Lösung würden wir nichts bewegen. Was für unsere physische Beweglichkeit notwendig ist, ist es auch für unsere psychische und geistige wie mentale Beweglichkeit. Ohne den Wechsel zwischen den aktiven und den ruhigen Phasen stellt sich unweigerlich Überforderung und Erschöpfung ein, ein typisches Erscheinungsbild unserer Zeit.

Es ist wichtig, sich dieser Lebens-Zyklen immer wieder von neuem bewusst zu werden und im täglichen Leben danach zu trachten, im Einklang mit ihnen zu sein. Bereits hier wird das Dilemma vieler Menschen sichtbar, die in ihrem Leben keine ruhigen Phasen kennen, die auch noch in ihrer Freizeit ständig aktiv sein wollen und müssen. Andererseits darf man diese ruhigen Phasen keinesfalls mit Passivität verwechseln.

Vielmehr folgt auf die Bewegung im Außen die Bewegung im Innen, wie es in der Symbolik von Yin und Yang so treffend dargestellt ist. Dabei darf man diese Bewegung nicht als die Bewegung eines Pendels ansehen und auch nicht als zwei sich gegenüberstehende Pole, denn diese Dynamik entwickelt sich nicht »zwischen« Yin und Yang, sondern das eine ist in dem anderen begründet, das eine bedingt das andere und lässt es aus sich heraus entstehen beziehungsweise wandelt sich zum anderen.

Dass die Bewegung nach Innen nichts mit Passivität zu tun hat, belegen die Untersuchungen über die Auswirkungen der Meditation. In der körperlichen Unbewegtheit und der gedanklichen Stille, in diesen Zeiten des vollkommen zur Ruhe-Kommens arbeitet unser Geist auf Hochtouren. Wenn wir also unsere geistigen und mentalen Potenziale ganz zum Ausdruck bringen wollen, brauchen wir diese Zeit der inneren Einkehr und Stille. Es ist ein Sich-innerlich-sammeln und ein Akt der Konzentration. In der vollkommenen äußeren Ruhe entsteht die innere Spannung (nicht Anspannung), aus der heraus wir im Außen wieder aktiv werden können. Man kann sich dies so vorstellen, dass wir in der Inneren Stille die Energie ansammeln, die sich dann in einer äußeren Bewegung entfaltet und sichtbar wird, sich aber auch darin erfüllt in einem Akt der Transformation. Darum muss die äußere Bewegung gleichermaßen in einem Akt der Transformation wieder zur inneren Konzentration und Sammlung werden, wenn die Dynamik nicht zum Erliegen kommen soll.

Auf die Phase der sich entfaltenden äußeren Aktivität, die den Jahreszeiten des Frühjahrs und des Sommers entsprechen, folgt nach dem Moment der Ernte wie im Spätsommer, die Phase der Rückkehr zur inneren Aktivität, so wie sich die Natur im Herbst zurückzieht und im Winter ihre ganze Kraft sammelt und bündelt, aus der heraus im Frühjahr neues Leben aufbricht. Der Winter ist ja nicht nur starr, sondern auch von unwahrscheinlicher Klarheit und Reinheit.

In dem Verständnis der östlichen Traditionen stehen Holz und Feuer für die Wandlungsphasen des Frühjahrs und des Sommers, Metall und Wasser für die Wandlungsphasen von Herbst und Winter. Das Element Erde entspricht dem Spätsommer, die Zeit der Ernte, die Zeit der Vollendung. Feuer und Wasser sind also kein Widerspruch, sondern Gipfelpunkte eines dynamischen Zyklus, die sich indirekt ernähren, weil das Wasser das Holz nährt, das wiederum das Feuer am Leben erhält, wohingegen das Feuer sich zur Erde wandelt und diese zum Metall, aus dem wiederum das Wasser hervorgeht.

Das Wasser-Element ist das Urelement des Lebens, dabei handelt es sich um einen Punkt der maximalen Zusammenziehung, einen Punkt der Festigkeit, die leicht als Starre fehlinterpretiert wird. Es ist das Potenzial, aus dem heraus sich alles Existierende immer wieder neu bildet und Gestalt annimmt. Das Element Wasser repräsentiert unser seelisches und geistiges Potenzial, das es zu entfalten gilt, das aber auch immer wieder gesammelt werden muss. Viele Menschen verkennen, dass gerade darin die Kraft zur Gestaltung des Lebens ihren Ursprung und ihre Wurzeln hat. In diesem Potenzial findet sich unser Lebenswille und die Kraft wie die Macht der Existenz schlechthin.

Nicht umsonst heißt es ja auch: In der Ruhe liegt die Kraft.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.