Kontrolle versus Bewusstheit

Wer kennt das nicht – eigentlich haben wir uns vorgenommen, jeden Tag Sport zu machen – aber wir tun es letztlich doch nicht. Warum fällt es uns nur so verdammt schwer, unsere Gedanken und unsere Vorstellung davon, wie wir leben wollen, Wirklichkeit werden zu lassen?

Eigentlich ist es ganz simpel und logisch, warum es uns so schwerfällt, unsere Gedanken umzusetzen, obwohl es doch eigentlich ganz einfach wäre. Die Bedeutung von eigentlich, nämlich einer Sache in Wahrheit zugrundeliegend, ist so etwas wie der Wink mit dem berühmten Zaunpfahl. Wenn aber etwas im Grunde ganz einfach ist, sinnvoll und logisch, es uns aber tatsächlich nicht gelingt (was natürlich Ehrlichkeit sich selbst gegenüber voraussetzt), dann bedeutet das schlicht und einfach, dass wir etwas übersehen haben, dass wir etwas in unserer Gleichung nicht aufgenommen oder aber falsch eingeschätzt haben.

Dazu brauchen wir nur einmal gedanklich zurück zu gehen und uns die Abfolge der einzelnen Überlegungen bewusst zu machen, auf denen unsere gesamte Tätigkeit aufbaut. Dabei interessieren vor allen Dingen die Überlegungen, die uns so absolut selbstverständlich sind, dass wir keinen Gedanken an sie verschwenden. Dabei sind uns diese Überlegungen derart selbstverständlich, dass wir meist auch mit viel Nachdenken nicht darauf kommen. Es sei denn, jemand ist so nett und sagt es uns.

Die meisten von uns leben nämlich in der Vorstellung, sie hätten sich selbst unter Kontrolle und sie wüssten ganz genau, was sie tun. Doch wenn man das einmal ganz genau betrachtet, was man in Bezug auf sich selbst wirklich unter Kontrolle hat – es bleibt nichts übrig. Es dauert ein bisschen, bis man das akzeptieren kann, aber es ist so. Ist ja auch kein Drama, denn es ändert sich ja mit dieser Erkenntnis erst einmal nichts. Der Grund für dieses Bedürfnis von Kontrolle liegt darin, dass wir in einer Kultur des ‚Tuns‘ leben, und die setzt eben voraus, dass wir die Dinge, und das bedeutet auch uns selbst, eben unter Kontrolle haben.

Doch was können wir tun, wenn dies eine Illusion ist? Die Antwort ist absolut simpel und klingt erst einmal ziemlich schräg. Wenn wir keine Kontrolle haben, aber Kontrolle bräuchten, dann müssen wir uns einfach nur ein Kontrollsystem einrichten. Der einzige Unterschied besteht darin, dass wir nicht einfach davon ausgehen, wir hätten die Kontrolle, die wir ja tatsächlich nicht haben, sondern wir richten ein entsprechendes System ein, also etwas außerhalb von uns, eine Art Messlatte, mit der wir unseren Fortschritt messen können.

Ich habe vor einiger Zeit abgenommen, war mir aber bewusst, dass das wahrscheinlich nicht von langer Dauer sein wird und ich irgendwann wieder zunehmen werde. Da ich das mit der ‚Kontrolle‘ aber wusste, habe ich mir ganz einfach ein Kontrollsystem eingerichtet. Nach dem Zähneputzen bin ich jeden Morgen auf die Waage gestiegen – und mache es heute noch. Kontrolle pur. Und es funktioniert. Mittlerweile ist mir bewusst geworden, dass ich mein Essverhalten tatsächlich nur ansatzweise unter Kontrolle habe und ich die internalen Schalter noch nicht richtig umgebaut habe, also das Netzwerk meines Gehirns noch nicht entsprechend umgebaut habe. Und genau deswegen brauche ich ein Kontrollsystem – noch. Und das werde ich so lange tun, bis ich keinen Gedanken mehr an mein Essverhalten verschwenden muss.

Doch wie funktioniert es mit Dingen, die man nicht so leicht messen kann, wie das eigene Gewicht? Im Grunde genommen genauso. Mit Hilfe der Waage mache ich mir mein Gewicht bewusst. Und genau das ist der Schlüssel: Bewusstheit. Wenn ich mir bewusst bin, dass ich zugenommen habe, werde ich weniger essen. Bin ich mir bewusst, dass ich in meinem Normbereich bin, dann esse ich auch normal. Ich gehe also nicht davon aus, dass ich was ich tue schon kontrollieren könnte, was ich sicher nicht kann, stattdessen mache ich es mir bewusst.

Das hat natürlich auch seine Schattenseiten, denn man muss seine Grenzen genau kennen, was natürlich heißt, sie überhaupt definiert zu haben. Und das wiederum bedeutet, sich den äußerst komplexen Vorgang der Ernährung insgesamt bewusst gemacht zu haben. Und es bedeutet – ganz wichtig – weiter, diese Grenzen niemals als etwas Absolutes, für immer und ewig Feststehendes anzusehen. Letztlich geht es ja darum, all die Kontrollsysteme wieder abzubauen und zu vergessen, die wir im Laufe unseres Lebens aufgebaut haben – die aber tatsächlich nicht funktionieren können. Das dürfen wir auf keinen Fall vergessen, das muss uns immer bewusst sein, dass es letztlich darum geht, jegliche Kontrolle aufzugeben, so lange, bis nur noch Bewusstheit übrig bleibt.

Doch was heißt das? Erwin Schrödinger geht von einer Absolutheit des Geistes aus und umreißt das Problem wie folgt:

 ‚Unmittelbare Erfahrungen, so verschieden und ungleichartig sie auch sein mögen, können sich logischerweise nicht widersprechen. Wir wollen daher versuchen, ob wir nicht aus den folgenden beiden Prämissen den richtigen, widerspruchsfreien Schluss ziehen können:

Mein Körper funktioniert als reiner Mechanismus in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen.

Doch weiß ich auf Grund meiner unmittelbaren Erfahrung, dass ich seine Bewegungen leite und deren Folgen voraussehe, die entscheidend und in höchstem Maße bedeutsam sein können; in diesem Falle übernehme ich die volle Verantwortung für sie.

Die einzig mögliche Folgerung aus diesen zwei Tatsachen ist die folgende: Ich – ich im weitesten Sinne des Wortes, d. h. jedes bewusst denkende geistige Wesen, das sich als ‚Ich‘ bezeichnet oder empfunden hat – ist die Person, sofern es überhaupt eine gibt, welche die ‚Bewegung der Atome‘ in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen leitet.‘

Man kann diesen komplexen Gedanken auch mit den Buddha zugeschriebenen Worten einfacher ausdrücken:

 ‚Wir sind was wir denken, alles, was wir sind, entsteht aus unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken formen wir die Welt.‘

Dann machen auf einmal solche Überlegungen über ‚Kontrolle‘ Sinn.  Natürlich haben wir die Kontrolle! Aber auf ganz andere Weise und mit einer ganz anderen Funktion als dem, was wir bisher unter Kontrolle verstanden haben. Wir haben die Kontrolle, aber wir können nicht unmittelbar kontrollieren. Kontrolle hat eine rein passive Funktion, keine aktive! Kontrolle macht uns ‚nur‘ etwas bewusst – nicht mehr und nicht weniger.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.