Kultur, Sprache und Wandel

Manche Wege kann man nur alleine gehen.

Ein wichtiges Element fehlt in dem Zusammenhang Kultur, Sprache und Wandel. Obwohl es ganz vorne steht, ist es uns nicht unmittelbar zugänglich: Das Denken. Man kann – und sollte vor allem auch – zwar wissen, wie das ‚Denken‘ so in uns passiert, etwa, dass viele Dinge, die das Gehirn glücklich machen, nicht unbedingt sinnvoll oder hilfreich sind und dass wir unser Denken gewaltig in die Pflicht nehmen müssen, wollen wir uns endlich aus unseren instinktiven Reaktionsmustern lösen, die zu unserer ‚modernen‘ Welt einfach nicht mehr passen und teilweise, vornehm ausgedrückt, richtig kontraproduktiv geworden sind. Stichwort Amygdala. Zu glauben, man hätte das Denken unter Kontrolle, ist ein Scherz. Aber man ist dem nicht hilflos ausgeliefert, man kann etwas tun.

Man fängt idealerweise damit an, sich seiner Kultur wie seiner Sprache bewusst zu werden und zu sein. So bis in die Knochen bewusst. Und man darf auch nicht versuchen, das Denken zu lassen, ganz im Gegenteil, man sollte sich immer sehr, sehr aufmerksam zuhören. Schließlich sollte man ja wissen wollen, wessen Geistes Kind man ist. Wie gesagt, sollte. Sich dazu verpflichten kann sich nur jeder selbst. Weiß man dann, was man so sagt, kann man sich seine eigene Sprache einmal genau anschauen. Also weniger das, was wir schreiben, mehr das, was wir sagen. Schreiben wir, ist das selten wirklich spontan, aber reden wir, dann blubbert es nur so aus uns heraus. Und genau das wollen wir wissen, was wir da blubbern. Also bloß nicht das Blubbern unterdrücken, das wäre gar nicht gut. Sondern es – hinterher – bewusst wahrnehmen. (Selbst-) Reflexion nennen wir das dann.

Das ist keine Frage nach ‚Warum‘ und ‚Wieso‘, sondern es geht alleine darum, sich bewusst zu werden, was man wie sagt. Der Spiegel, der mich morgens reflektiert, gibt ja auch keinen Kommentar ab. Aber ich weiß sofort Bescheid, wie ich drauf bin. Manche sagen ja lieber nichts oder schauen erst einmal, wo der Wind hin weht; so nach dem Motto, sich lieber anzupassen um nicht anzuecken, statt sich klar zu positionieren. Macht so herrlich angreifbar. Aber nur so bekommt man das Feedback, das man braucht, um sehen zu können, wie man ist. Es ist ja bekannt, dass das mit der korrekten Selbsteinschätzung verdammt schwierig sein kann.

Aber all das werde ich definitiv nicht tun, solange ich nicht weiß, wo ich hinwill. Selbsterkenntnis ist ja so eine Sache. Ohne dass ich einen Input von Außen bekomme, drehe ich mich logischerweise immer nur im Kreis. Zumindest ziemlich. Mir ist vor einigen Tagen ein Satz in einem Podcast über den Weg gelaufen, den ich fast überhört hätte. Ein Satz, den ich unterschreibe und der mich umtreibt, seit ich mich mit Victor Frankls Analyse der Dynamik des Dritten Reichs beschäftigt habe, dass nämlich jeder Einzelne kapiert haben muss, was er da macht. Jeder Einzelne selbst muss absolut verantworten, was er tut oder nicht tut. Nur dann ändert sich etwas in der Welt. Keine Religion, keine Regierung, keine Revolution und kein noch so gut gemeintes Verbot ändert wirklich etwas in der Welt:

Bitte, weichen Sie nicht aus. Sie sind verantwortlich dafür, die Ursache dafür zu finden, warum sich die Welt in diesem Zustand befindet.

Jiddu Krishnamurti

Nichts anderes und niemand anders ist verantwortlich. Krishnamurti belastet damit den einzelnen Menschen. Erst wenn der sich ändert, ändert sich die Gesellschaft, die Wirtschaft, das globale Gewaltsystem. Ja, wenn man solche Gedanken zu akzeptieren beginnt, dann fragt man sich, ob man noch Jurist sein kann. Und will. Also den Juristen wird man zwar nicht los, aber den Rechtsanwalt, den sollte man dann wohl doch lassen.

Vielleicht war es genau dieses Rechtssystem, in dem ich ja lange unterwegs war, das einem die Augen öffnen kann dafür, wo der Wurm begraben ist: Es ist die Suche nach Gewissheiten, die Suche nach Sicherheit, in einer Welt, in der es so etwas wie Sicherheit nicht gibt; dies aufzugeben ist der Weg zur Freiheit. Doch dabei bleibt der Einzelne auf sich selbst gestellt. Denn schließlich kann mich niemand wandeln, das kann ich nur selbst. Doch ich muss auch genau wissen, wann und wie ich noch in der Translation stecken bleibe und wann es wirklich ein Wandel ist, eine Transformation.

Das bedeutet erst einmal die Orientierung zu verlieren, jedenfalls ging es mir so. Jeder Wechsel auf eine höhere Ebene des Bewusstseins bringt das mit sich, und das bedeutet Verunsicherung und Destabilisierung. Aber dagegen gibt es Hilfsmittel. Ich habe mir immer Menschen gesucht, die da waren, wo ich hinwollte. Und dann habe ich von denen gelernt. Wenn ich das drauf hatte, sich also mein Gehirn umgebaut, meine Kultur und Sprache gewandelt hatte, dann schaute ich weiter und nahm die nächste Stufe in Angriff. Heute würde ich sagen ‚Warum nicht gleich richtig?‘ Nimmt man aber den direkten Weg auf den Gipfel der Erkenntnis, dann darf man nicht vergessen, sein bisheriges Leben in Ordnung zu bringen, soll es nicht in einem Scherbenhaufen enden. Und dazu braucht es stimmige Regeln und Prinzipien, an die man sich tunlichst halten sollte. Oder auch muss.

Wie gesagt, Wandel ohne Ziel geht nicht. Das wäre nur ein Kreiseln um die eigene Achse. Sieht sehr beweg aus und es kann einem auch richtig schwindelig davon werden, aber so wirklich vorwärts kommt man damit nicht.

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