Lüge oder Ehrlichkeit?

Wie wir miteinander umgehen sollten. Oder doch lieber sollen?

Ich denke, die viele Menschen würden sagen ‚na klar, mit Ehrlichkeit!‘. Doch entspricht dies der Wirklichkeit? Tut es nämlich nicht. Doch eine kurze Klarstellung zu Beginn. Als mir die Idee zu diesem Text einfiel, stellte ich noch die Wahrheit der Lüge gegenüber. Doch Wahrheit ist ja so ein diffiziles Ding. Viele glauben zwar, sie zu kennen. Doch wer kennt sie schon wirklich? Also Lüge oder Wirklichkeit als Titel? Nicht so prickelnd. Doch von dort war der Weg nicht weit zur Ehrlichkeit.

Angefangen hat es mit einem Text, den ich im Internet fand. Titel: ‚Ein Loblied auf die Lüge.‘ Nachdem ich mich von meinem ersten Schock erholt hatte, las ich weiter. Lügen, war da zu lesen, sind ein Fundament unserer Gesellschaft; Lügner halten die Menschheit zusammen – so das Fazit einer aktuellen Studie eines Wissenschaftlerteams aus Mexiko, Finnland und Großbritannien, die im „Journal of the Royal Society Interface“ erschienen ist. 

Interessant. Was mir dann sofort in den Sinn kam war die Frage, wo die Grenze zwischen lügen und ehrlich sein liegt. Das kann dann ja wohl nur eine sehr subjektive Grenze sein. Lüge ich meine Frau an, wenn sie mich fragt, ob ich sie betrogen habe oder besser doch nicht? Angenommen ich hätte, dann wäre das schon die zweite Lüge, denn die erste wäre ja der Bruch des Eheversprechens. Also eine Lüge bleibt auf jeden Fall.

Aber dann dämmerte mir es. In dem Text steckt nämlich etwas Feststehendes, das nicht diskutiert und nicht hinterfragt wird. Nämlich das Kommitment, das jeder Gesellschaft zu Grunde liegt. Dieses Kommitment ist für uns ja etwas ganz Selbstverständliches und selten Hinterfragtes. Erinnert mich an das Thema ‚Werte‘. Über Werte wird viel diskutiert und geredet, doch selten über deren Grundlage. Von diesen Gedanken war dann der Weg nicht mehr weit zu dem Dialog, wie etwa David Bohm ihn beschreibt. Oder zur Gemeinschaftsbildung, wie sie Scott Peck definiert.

Zwischen beiden Gedanken besteht eine faszinierende Parallele. Es beginnt nämlich mit der Feststellung, dass wir, wie Peck es treffend nennt, in einer Pseudogemeinschaft leben. Wir tun so, als wäre alles in bester Ordnung, was es aber nicht ist. Bohm spricht von Konvention. Und beide beschreiben danach den Konfliktraum, der sich unweigerlich auftut, wenn alle Lügen auf dden Tisch gepackt werden. Da braucht es wahrscheinlich schon eine gehörige Portion Mut, das auszuhalten, ohne zuzuschlagen oder heulend davonzulaufen, wenn die Selbstbilder wie ein Glas zersplittern, das man auf den harten Boden wirft.

Damit wird aber auch unser ‚Problem‘ als Individuum sichtbar. Wie soll denn Selbstreflexion (übrigens die Stufe 3 auf dem Weg zum Dialog) als Basis wirklicher, also ‚ehrlicher‘ Selbsterkenntnis möglich sein, wenn doch in mein gesamtes neuronales Netzwerk die Bereitschaft zur Lüge wie ein diskreter Kunststofffaden in einen Wollpulli eingewebt ist? Wenn ich meiner Frau sage, dass sie in dem neuen Kleid ganz toll aussieht und mit den Augen rolle, sobald sie mich nicht mehr sieht, wenn sich konventionelle Freundlichkeit mit Falschheit verwoben hat, wie will ich dann eigentlich wissen, ob mir, also meinem Gehirn, die großen und kleinen Lügen nicht so angenehm geworden sind, dass ich mich am laufenden Band selbst belüge?

Wir wissen ja hinlänglich, das diese graue Zellmasse ein echter Weltmeister im Ausblenden unangenehmer Erkenntnisse ist und mit Fakten sehr flexibel und kreativ umzugehen weiß. Und jetzt kommt es. Wir erleben uns ja als Individuen, gleichzeitig sind wir ja aber auch der Prozess und die Bühne, auf der sich alles ereignet. Also verkaufen wir den Pullover mit dem Kunststofffaden ganz selbstverständlich als echten 1a Wollpulli. Wenn wir es für opportun halten. Also was tun? Wir alleine können ja nichts wirklich tun, weil wir eben nicht für uns isoliert existieren, auch wenn wir das oft denken oder empfinden.

Also treffen wir eine Entscheidung. Und suchen uns eine Lebensform, in der die Lüge kein Aufenthaltsrecht hat, sondern in der wir wirklich miteinander reden. Also dialogisch, offen und ehrlich. Und eben auch nicht schweigen. Denn das ist fehlende Offenheit und dahinter versteckt sich meist eine Lüge. Natürlich geht es zu allererst um die Selbstlüge, denn es geht dabei immer nur um uns selbst! Nicht die Fehler der anderen aufdecken, sondern die eigenen. Solange ich mich selbst belüge kann ich ja dummerweise nicht wissen, ob ich andere belüge oder nicht. Denn dann ist ja die Lüge immanent in meiner neuronalen Struktur eingewoben. Ob uns die Lüge bewusst ist oder nicht ist leider ohne Bedeutung. Aber man kann es unweigerlich selbst merken. An seiner Sprache.

Also hören wir auf über Authentizität zu reden, stattdessen sollten wir so leben, dass wir authentisch sind. Nicht gleich, das wird uns nicht gelingen, aber durch konsequente Übung und Praxis. Denn wir müssen ja die Bereitschaft zur Unwahrheit aus dem neuronalen Netzwerk bekommen. Umbau also. Klingt einfach, ist letztlich einfach. Es braucht nur den Mut und den Selbstrespekt, den Raum der Konventionen, die Pseudogesellschaft zu verlassen. Was natürlich die Frage aufwirft, wie mit den anderen umgesehen, die weiter in der Illusion leben. Denn wenn ich nicht nur Individuum, sondern eben auch der Prozess und die Bühne bin, auf der das alles passiert, dann geht einfach nur Schweigen nicht. Denn dann stehe ich weiter mit allen anderen im Morast. Mit gefangen mit gehangen.

Also, entweder wir finden uns in den Reihen der Eventuallügner wieder oder wir wollen da raus. Vielleicht wäre die Welt dann, was uns Menschen betrifft, ein Stück besser als jetzt? Doch das geht nicht alleine, da brauchen wir Mitstreiter. Und müssen mehr und mehr finden, bis wir eine kritische Masse bilden und das ganze System, die ganze Gesellschaft sich wandelt. Aber daraus wird nichts, wenn wir den Raum nicht definieren, in dem wir leben. Solange bleiben wir nämlich im alten. Mit Lüge und Selbstlüge im Muster der Tapete. Oder den Schränken. Ich etwa habe irgendwann begriffen, dass all die Klamotten in meinem Kleiderschrank ein Teil der Selbstlüge waren. Ich wollte etwas darstellen. Was weiß ich nicht so genau, aber besonders auf jeden Fall. Also habe ich mein Kleiderprinzip geändert.

Als Gesellschaft würden uns andere Prinzipien des Zusammenlebens auch gut tun. Was eigentlich nicht stimmt. Denn wir müssen nach anderen Prinzipien leben, wollen wir nicht weiter den Ast absägen, auf dem wir sitzen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.