Meine, deine, eine Meinung

Wollen wir einander eigentlich bekehren und belehren?

Das wollen wir eindeutig, wenn der andere sich nicht in unserem geistigen Kulturraum namens Konvention bewegt. Wenn zwei sich streiten, man lese nur mal auf Facebook, übereinander oder über andere, oder sich darüber auslassen, wie blöd doch andere wären oder dass sie einer unsinnigen Ansicht nachhingen, dann ist das genau ein Ausdruck dieses Belehrens und Bekehrens, das ich meine. Nur zur Klarstellung, das ist von den Menschen wahrlich nicht böse gemeint, auch wenn man das durchaus glauben könnte. Es ist allein der Ausdruck eines elementaren und wirklich fatalen Bewusstseinsfehlers, den schon Einstein reklamierte:

»Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.

Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.«

Es ist, so verrückt es klingen mag, ein Akt der Selbstverteidigung. Sie verteidigen ihr Selbst, das, was sie für das ‚Ich‘ halten, ohne dass sie sich dessen dabei überhaupt bewusst wären. Diese optische Täuschung des Bewusstseins, wie Einstein es nennt, hat letztlich drei Wirkungen, die in ihrer Summe wirklich fatal sind: Erstens nimmt man sich selbst als etwas vom Ganzen Getrenntes wahr. Ginge man dem einmal nach, würde das den Menschen in eine existenzielle Frage stürzen, die ihm den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint (übrigens, auch Einstein und seine Kollegen wurden damit konfrontiert). Fazit: Man sieht sich selbst in seinem Sein gefährdet. Also fängt man Streit mit dem oder den Anderen an. Rumort es im Inneren, ist es klug, einen Krieg im Außen anzufangen, das vereint die inneren Truppen wieder und schließt die Reihen. Jeder Politiker weiß das, kennt das und nutzt das. Das ist Nummer zwei. Eigentlich nicht zwingend, aber ganz normal und selbstverständlich. Das wiederum bedingt Nummer drei. Bloß nicht hinschauen! Nicht herausbekommen wollen, was wirklich ist! Sonst geht das Sicherheit gebende Gefühl verloren. Und man muss komplett von vorne anfangen. Sich neu zurecht finden in der Welt.

Angenommen, wir würden es wagen, den Raum der Konventionen zu verlassen. Und einmal weiter angenommen, wir würden den damit zutage tretenden und offensichtlich werdenden Konflikt aushalten, ohne uns gleich den Kopf einzuschlagen, und sei es auch nur verbal, also wenn wir das lassen könnten, dieses ständige Meins gegen Deins oder Unseres gegen Eures, dieses Dafür- oder Dagegensein, dann könnten wir uns einmal darauf besinnen und uns fragen, was wir da eigentlich machen. Selbstreflexion nennt man das.

Wenn wir dazu bereit wären, ja dann öffnete sich uns die Tür zu dem Kulturraum, in dem wir gemeinsam der Frage nach dem Sinn des Lebens nachgehen könnten. Statt uns ständig zu belehren und zu bekehren.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.