Meister und Zen

Braucht man überhaupt einen Meister, will man Zen praktizieren? Die Antwort ist ein eindeutiges Jein.

Wir sind ja bekanntlich autopoietische Wesen. Heißt, wir sind von außen überhaupt nicht beeinflussbar. Glauben wir an einen Meister oder folgen wir ihm, dann glauben wir beziehungsweise folgen wir doch nur uns selbst, der eigenen Überzeugung.

Es ist der innere Meister, der sich regt, wenn man einen Meister im außen zu erkennen glaubt. Doch da muss man sehr auf der Hut sein, denn man kann dabei auch nur einem Traum, einer Illusion, anheim fallen.

Also brauchen wir keinen Meister? Doch, brauchen wir. Mindestens den inneren. Doch wie wird der wach, durch was wird er geweckt? Durch Worte, Texte, Begegnungen. Was auch immer. Manchmal begegnet einem ein Meister, der schon lange tot ist. Oder es ist nur eine einzige Begegnung, die einen Menschen auf den Weg der Meister bringt.

Entscheidend ist, dass der Meister in einem selbst erwacht. Und dann ist es egal, wer vor einem steht. Begegnen wir ihm mit offenem Herzen und offenem Geist, wird er für uns zum Meister. Entscheidend ist logischerweise nicht das, was er sagt oder geschrieben hat. Sondern das, was wir selbst aus dem machen, was wir gehört oder gelesen haben. Durch Verifikation. Und die macht nun einmal nicht der Meister, sondern jeder selbst.

Ein Meister kann eben nur der werden, in dem selbst der (innere) Meister wach geworden ist und die Persönlichkeit, vor allem das Denken und darauf aufbauende Handeln zu transformieren begonnen hat. Diese Transformation vollzieht eben nicht der Meister, sondern der innere Meister – aber niemals nur man selbst!

Also ohne Meister geht es nicht. Aber den inneren, wohlgemerkt, nicht den äußeren. Dass der äußere immens hilfreich ist und irgendwie für den inneren ‚auftaucht‘, wie und wo auch immer, ist was anderes. Und dass es diesen äußeren Impulsgeber wohl immer gibt, kann sein und mag auch so sein. Nur gibt es da keine Statistik. Also was soll`s?

Entscheidend ist er aber nicht. Es ist der innere, auf den es ganz entscheidend ankommt. Das Dumme dabei ist nur, dass man sich – und zwar unverzichtbar – auch wie ein Meisterschüler verhält. Was leider viele übersehen, die sagen, dass es auf den äußeren nicht ankäme. Der Meister muss definitiv da sein: Im Innen! Nur der innere Meister kann einen äußeren überhaupt auch hören.

Das Hören ist das Wichtigste, nicht das Anerkennen. Jemand anzuerkennen kann auch eine Regung des Ego sein, davor ist niemand wirklich gefeit. Aber hören – und ich meine wirklich hören! – geht niemals ohne die innere Bereitschaft des Sich-einlassens. Nun, da kann man auch nicht sicher sein. Jedoch kann man sich viele Verhaltensweisen angewöhnen, die einen selbst erkennen lassen, wenn man Gefahr läuft, vom Weg abzukommen. Ist ziemlich einfach. Kostet nur Selbstüberwindung, genauer Ego-Überwindung.

Übrigens Augenhöhe: Sieht man im anderen einen Meister, dann stellt man sich logischerweise auf seine Ebene. Was man selbst nicht erfahren hat, kann man nun einmal nicht erkennen. Also Augenhöhe. Doch das heißt nicht, dass man weiß oder erfahren hat, was er erkannt hat. Augenhöhe findet hier nämlich nicht auf der Verstandesebene statt, sondern auf einer rein geistigen und sehr, sehr grundsätzlichen. Vergleichen Sie es mit einer Sonnenblume. Die ist im Kern genauso existent, aber sie kann sich erst entfalten, wenn der Kern sich transformiert.

Was jemand unter Augenhöhe versteht, beziehungsweise, wie er sie definiert, ist letztlich eine Frage der Ebene, auf der man sich begegnet. Das kann eine sehr oberflächliche sein – oder eben auch eine ganz grundsätzliche.

Zen, so heißt es ja, ist eine Begegnung im Geist, eine Weitergabe von Geist zu Geist. Also auf Augenhöhe. Nur muss die Ebene stimmen, sonst wird da überhaupt nichts weitergegeben, nur Worte ausgetauscht. Das ist dann aber keine Weitergabe im Verständnis des Zen.

Also muss man sich zuallererst um den inneren Meister bemühen. Damit er wach wird. Und das kann ganz schön schwierig sein. Hat man sich jemand als ,äußeren Meister‘ ausgesucht, dann sollte man auf ihn hören. Hört man nicht auf ihn, sondern lässt man sich immer wieder auf Diskussionen ein, hat man keinen erkannt.

Nun werden viele sagen, das macht doch nichts, wenn es eben keiner war? Macht es doch. Lasse ich mich wirklich auf seine Welt ein, passiert etwas Eigenartiges und Bedeutsames: Der Meister in einem selbst wird wach. Durch das Sich-einlassen. In diesem Moment wird etwas ganz Ursprüngliches in uns lebendig.

Ich nehme da als Beispiel immer, als ich Studiert habe. Angefangen hatte ich mit Physik. Doch weil ich nie das Physiker-Gen in mir hatte, habe ich das nach 6 Semestern erfolgreich abgebrochen. Und habe Jura studiert. Mit der Entscheidung, Jura zu studieren, war der Jurist geboren. Und ich lernte zu sein, was ich war. Jurist. Der Jurist war mit der Entscheidung bereits geboren, er musste nur noch lernen. Hat was mit dem inneren Selbstverständnis zu tun. Man muss sein, was man werden will.

Das Sich-einlassen ist der Schlüssel zur Meisterschaft. Und genau das ist für viele so verdammt schwierig, ja manchmal schier unmöglich. Denn dabei passiert etwas ganz Wesentliches: Das Ego verdampft. Löst sich einfach in Luft auf. Im Sich-einlassen tauchen wir nämlich in den Geist des anderen ein. Und das geht garantiert nur in einem ego-freien Zustand. Das Ego ist letztlich nichts anderes, als die Mauer, die wir um uns selbst errichtet haben, um uns vor der Welt da draußen zu schützen.

Doch meinen Geist kann ich überhaupt nicht schützen, weil den niemand verletzen kann. Doch solange wir das glauben, leben wir in einer Illusion, unfähig zu sehen, was wirklich ist. Einfach, weil wir etwas schützen, das nicht verletzt werden kann. So entsteht die Illusion. Nicht weil wir dieses oder jenes glauben oder denken, das kommt später, ist eine Folge, ein Symptom. Nein, die Illusion entsteht einfach dadurch, dass wir unseren Geist für etwas Verletzbares halten.

Wenn das mal kein Dilemma ist!

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.