Mut zur Selbsterkenntnis

Stellen Sie sich vor, jemand würde Ihnen von einem Ziel erzählen, das Sie erreichen könnten, und dass dieses Ziel zwar ganz konkret ist, aber jede Menge Unbekanntes mit sich bringt, nichts, was sich vorhersagen ließe. Und Sie wüssten definitiv nicht, was das mit Ihnen machen würde.

Denn Sie wüssten nicht, wie Sie sein würden, wenn Sie ‚angekommen‘ wären. Es ist, als führen Sie das erste Mal in Ihrem Leben in ein völlig fremdes Land mit einer ganz anderen, Ihnen vollkommen fremden Kultur.

Was würden Sie tun? Sich verabschieden, umdrehen und weiter machen wie bisher? Genau das ist die Haltung vieler Menschen. Gerade dann, wenn es um sie selbst geht. Also, wie steht es mit Ihnen? Wie viel Forschergeist steckt in Ihnen? Sind Sie bereit, sich auf das Unbekannte einzulassen?

Selbsterkenntnis ist ein gewagtes Unternehmen, dass offensichtlich Mut kosten. Sich einzulassen auf ein völlig unbekanntes Wissen von sich selbst scheint wirklich Panik zu machen, wobei das ja eigentlich nicht erschreckend sein kann, denn schließlich sind Sie ja schon, was Sie sind. Also kann ja nichts herauskommen, was Ihnen nicht schon bekannt sein müsste.

Doch warum wehren sich so viele Menschen derart vehement gegen das (bewusste) Wissen, wie sie wirklich sind? Und bleiben lieber bei den alten Geschichten, auch wenn sich die mittlerweile als Illusionen herausgestellt haben? Warum diese Hürde der Unbelehrbarkeit, die nur so selten überwunden wird? Warum lieber weiter in der Illusion leben als bewusst zu sehen und anzuerkennen, wie man wirklich ist?

Mich erinnert das ein wenig an ein Ereignis aus meiner Jugend. Ich hatte mir so richtig ordentlich das Gesicht verbrannt und als Verband einen Mullkappe auf mit Löchern für Augen, Mund und Nase. War alles kein Problem, ich sah mich selbst ja nicht. Nur abends, wenn ich hoch in mein Zimmer ging, musste ich an einem Spiegelschrank vorbei, der auf dem obersten Treppenabsatz stand.

Sie können sich vielleicht nicht vorstellen, was ich eine Panik vor der Fratze hatte, die mich aus dem Spiegel anschaute. Obwohl ich doch wissen konnte oder musste, dass das nur ein Verband war, der mein Gesicht verbarg. Nix da, Panik war angesagt. Vollkommen irrational.

Es war nicht etwa so, dass mein Gesicht durch den Verband einfach verborgen war, nein, es war die Fratze eines Gespenstes, die mich aus dem Spiegel anstarrte. Ich hatte ganz offensichtlich ein Identitätsproblem. Ob das den Reiz von Fasching ausmacht? Die eigene Identität hinter einer Maske verbergen, ein anderer sein als der, der man tatsächlich ist? Also tastete ich mich mit geschlossenen Augen an dem Schrank vorbei.

Viele Menschen kommen mir genau so vor, wenn man ihnen etwas über sie sagt, das ihrer Vorstellung von sich selbst widerspricht. Ablehnung bis hin zur kaum verborgenen Panik ist die Antwort. Also was tun? Die Wahrheit irgendwie schön verpacken? Und nur häppchenweise servieren? So wie unser Hund seine Pille immer in einem Stück Leberwurst bekam, damit er sie auch schluckte?

Nur dass die Pille der Wirklichkeit keine Wirkung hat, wenn sie nicht auch gekostet wird. Selbst wenn es ’nur‘ um Wirklichkeit geht, nicht einmal Wahrheit ist hier das Thema. Das kenne ich von mir selbst nur zu gut. Lange wollte ich nicht sehen, was (wirklich) ist. Sondern pflegte weiter meine ganz persönliche Illusion. Ich glaube es war das Eingeständnis, nicht erreichen zu können, was ich wollte, was mir half, mich mehr und mehr auf die Wirklichkeit einzulassen.

Aber dazu muss man eben bereit sein, aus der Illusion auszusteigen. Ich denke, etwas hat mir paradoxer Weise dabei geholfen: Das Aufdröseln unserer Familiengeschichte. Ich kam dabei an einen Punkt, an dem ich dachte, dass es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen konnte. Bis ich aufwachte und begriff, dass das mit mir alles nichts zu tun hatte. Sondern alleine mit meiner Vorstellung, wie die Welt zu sein hatte.

Seither hat sich nichts geändert in der Geschichte meiner Familie. Aber mein Leben ist anders geworden. In meinem Verständnis von Wirklichkeit haben sich neue Assoziationen, neue Verknüpfungen ergeben. Die neuen Verknüpfungen waren sofort da, nur der Gesamtumbau meines Gehirns dauert und dauert teilweise auch heute noch an.

Eine Aufforderung, geduldig mit uns selbst zu sein. Nur, heißt das jetzt, dass diejenigen schlechte Karten haben, den Weg zu sich selbst zu finden, die aus einer normalen Familie kommen? Scheint irgendwie so zu sein. Erinnert mich an eine Zen-Spruch: Große Zweifel : großes Erwachen. Wenig Zweifel : kleines Erwachen. Kein Zweifel : kein Erwachen.

Nun wissen wir ja, Nagarjuna, Einstein, Schrödinger & Co sei Dank, dass die meisten Menschen in einer falschen Vorstellung von der Welt und sich selbst leben. Andererseits kenne ich niemanden, der die Welt sieht, wie sie wirklich ist (und die entsprechende Weltsicht dabei beziehungsweise dazu hat) und die Dinge nicht realistisch sehen würde.

Wenn wir wirklich aus der Illusion aussteigen und unser Gehirn konsequent ,umbauen‘, dann ändert sich unsere Denken, wir ändern uns, werden anders, handeln anders. Wir dürfen nun nicht glauben, dass sich mit dem ,Erwachen‘ die Welt ändern würde. Das ist noch ein Rest Ego-Denken in uns. Aber wir werden anders. Und das genügt, das sich etwas ändert. Nicht sofort, aber allmählich.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.