Namaste!

Die kontemplative und meditative Haltung des »Namaste«

Auch eine Gewohnheit ist ein Ritual. Ich kann sie mechanisch wie ein Automat ausführen oder mit Bewusstheit. Bringe ich Bewusstheit hinein, ist sie keine fantasielose Routine mehr sondern mit Sein (Sinn) erfülltes Leben. Bewusst zu leben heißt vor allem die Kleinigkeiten, das Alltägliche bewusst zu leben, auch bei den gewohnheitsmäßigen Abläufen bewusst präsent und innerlich still zu sein. Ein Ritual verflacht zur Bedeutungslosigkeit ohne Bewusstheit. Bewusstheit ist, von welcher Seite man es auch anschaut, das, was den Unterschied ausmacht.

Die Praxis des Zen, vor allem die des institutionalisierten Zen, ist durchzogen und geprägt von rituellen Bräuchen. Diese Rituale werden auch im Westen vielfach praktiziert. Wer einen Dojo betritt, wird meist sofort mit den überlieferten Ritualen konfrontiert: Die Anweisung, wie die Schuhe abzustellen sind, wie man den Innenraum des Dojo betritt, welche Kleidung angemessen ist, wie man sich untereinander begrüßt und wie man dem Lehrer zu begegnen hat.

Das macht wie jedes Ritual – bei die meisten jedenfalls – Eindruck. Oft aber werden diese Rituale und Verhaltensregeln mechanisch ausgeführt, ihr tieferer Sinn ist den Praktizierenden nicht bewusst und wird auch nicht immer vermittelt. Dazu kommt, dass diese Rituale der japanischen Kultur und Tradition entstammen und uns oft fremd sind.

Dies ist mir ganz besonders in dem Film ‚die letzte Geisha‘ bewusst geworden. Vieles, was wir für eine Geisha, aber eben auch für Zen als typisch ansehen, ist typisch japanisch, aber nicht typisch Zen! Am deutlichsten wird dies in den Erwartungen an Disziplin, Benehmen und Verhalten gegenüber dem Lehrer.

Wir leben in einer Zeit, in der wir es zu Recht als Errungenschaft verzeichnen, dass wir uns von den erstarrten, obrigkeitlichen Riten und Verhaltensstrukturen der Vergangenheit befreit haben. Also weg damit? Das hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Was aber bleibt von den Ritualen, wenn man sie von überkommenen Benimmregeln, Kultur und Tradition befreit?

Der tiefere Sinn dieser Rituale ist zum einen, die Ichhaftigkeit des Menschen zu unterminieren, zum anderen wird es als rituelle Handlung und Würdigung des Absoluten verstanden. Macht es also Sinn, Rituale wieder einzuführen? Nein, macht es nicht, denn das wäre der Weg zurück zu gesellschaftlichen Regeln, die so oft missbrauch werden. (Man merkt, ich bin ein Kind der 68 Jahre geblieben.)

Ein praktikabler Weg wird sichtbar, wenn man sich fragt, welche Rituale man selbst ausführt, oft ohne sich dessen bewusst zu sein, und welche Bedeutung sie für das eigene Leben haben. Jeder Mensch fängt morgens nach dem Aufwachen mit seinen ganz persönlichen Ritualen an: noch fünf Minuten liegen bleiben, den Wecker verfluchen, überlegen was heute alles zu tun ist. Es geht weiter mit dem Duschen – nein, halt, erst Zähne putzen – quatsch, das macht man doch nach dem Frühstück! – und so weiter und so weiter.

Auch unsere Beziehungen, unser Umgang mit Kollegen, mit Bedienungen und mit der Kassiererin im Supermarkt sind ritualisiert. Aber schon unsere Tagesform nimmt darauf Einfluss: Sind wir gut drauf, fällt das »Einen schönen Abend!« eben einen Tick freundlicher aus als sonst. Wir zeigen durch diese Rituale unsere innere Haltung unserem eigenen Leben gegenüber, demonstrieren, was wir von der Welt halten und wie wir ihr begegnen wollen. Je weniger wir dabei von der üblichen Ichhaftigkeit beeinflusst sind, desto mehr wenden sich unsere Rituale an Andere, laden sie ein, mit uns dem Leben gemeinsam zu begegnen.

Für mich persönlich gibt es immer wieder Dinge, an denen ich mich zu orientieren suche. Manchmal sind es kleine Texte, die ich mir in Sichtweite an die Wand pinne, oder es ist die kleine Buddhastatue unter dem Bildschirm, die eben keine Dekoration, sondern stete Erinnerung und innere Ausrichtung ist. Genauso sind die Art, wie ich mir die Zähne putze, wie ich das Essen zubereite, meine Texte bearbeite oder einen Bekannten begrüße Orientierungen, die ich bewusst auszuüben suche, um etwas ganz Spezifisches für mich zu erreichen: Es ist der Wille, mich mit dieser äußeren Haltung auf eine ganz bestimmte innere, geistige Haltung einzustimmen.

Die Art, wie ich einen Freund begrüße, kann mir ihn in diesem Moment bewusster machen. Je bewusster und aufmerksamer ich einen Menschen begrüße, desto vertrauter wird er mir, ich beginne ihn wirklich wahrzunehmen. Und das macht etwas mit mir. Es macht mich ruhig, konzentriert, lässt mich still werden und zu meiner eigenen Mitte finden. Solche Rituale und Verhaltensweisen sind, wenn wir sie aus dem Herzen heraus und selbstbestimmt als Ausdruck unserer inneren Haltung gegenüber dem Leben praktizieren, Bollwerke gegen Unaufmerksamkeit und Oberflächlichkeit.

So stärken wir unsere Achtsamkeit und unsere Bewusstheit und zeigen unsere Verbundenheit mit der Welt. Unsere Ichzentriertheit schrumpft, wir richten uns auf das Ganze hin aus, das Gefühl des Getrenntseins schwindet und macht dem Gefühl des Eins-Seins Platz.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.