Philosophie und Praxis

Zwei Dinge, die sich nicht ausschließen dürfen.

‚Zu philosophisch‘ war einer der Anmerkungen, die ich oft zu hören bekam, wenn ich meine Theorien über die Welt, den Menschen und überhaupt auspackte. Aber waren sie das wirklich? Oder steckte noch etwas anderes dahinter?

Das erste, was mir dazu einfällt, ist natürlich, dass ein gewitzter Pragmatiker mit einer solchen Bemerkung jedes Gespräch abrupt beenden kann. Was natürlich den Verdacht aufkommen lässt, dass ihm dann die Argumente ausgegangen sind. Meistens ist das dann auch so. Denn warum sollte man ein Gespräch mit einem Killerargument beenden, außer, es fällt einem nichts mehr ein? Und wenn das, was ich zu sagen hätte gelinde gesagt Schwachsinn wäre, dann könnte man sich ja damit auseinandersetzen, oder nicht?

Also das kann es nicht sein. Aber was dann? Der erste Gedanke, der einem kommen könnte, ist, dass Philosophie und Praxis nichts mit einander zu tun haben. Das aber wäre ungefähr so, wie wenn ich sagen würde, meine berufliche Tätigkeit hat nichts mit mir zu tun. Das kann ja nicht sein, außer natürlich, ich hätte innerlich gekündigt, machte Dienst nach Vorschrift und gäbe mich so einer Art von beruflicher Schizophrenie hin.

Kann man aber, sozusagen im Umkehrschluss, überhaupt davon ausgehen, dass Philosophie und Praxis nicht trennbar sind? Oder muss man das sogar? Ich denke ja, denn jeder Mensch hat sein ganz persönliches Welt- und damit auch ein entsprechendes Selbstbild, auch wenn das vielleicht nicht so ohne weiteres formulierbar ist. Implizites Wissen eben. Was ich tue, steht also entweder im Einklang mit meiner philosophischen Grundhaltung oder aber es knirscht gewaltig im Gebälk. Soviel zum Thema Authentizität.

Arbeite, handle, spreche und denke ich authentisch, dann heißt das letztlich, ich bin in Einklang mit meiner Philosophie, auch wenn die mir vielleicht gar nicht so präsent ist. Und jetzt kommt da jemand daher und erzählt mir etwas völlig Entgegengesetztes. Was ist das anderes als eine gute Gelegenheit, meine philosophischen Grundannahmen einem Belastungstest zu unterziehen? Das kann ich alleine ja nicht, nur wenn ich mich mit anderen messe – ganz sportlich natürlich – kann ich sicher sein, nichts übersehen zu haben. Vorausgesetzt, ich gehe als Sieger vom Platz. Wenn nicht, dann ist wohl Grübeln angesagt. Oder ich muss an meiner Rhetorik feilen. Auf jeden Fall bin dann ich am Zug. Oder eher in Zugzwang. Mich zurückzuziehen ist keine wirklich sinnvolle Option.

Aber das setzt natürlich etwas voraus, was ich früher so auch nicht gesehen habe. Gut, ich war schon immer ein diskutierfreudiger Mensch und sprachlich-gedankliche Auseinandersetzungen waren und sind sind meine Lieblingsspeise. Das hat es mir leichter gemacht. Begriffen habe ich es aber erst, als ich über einen Text mit dem Thema ‚Implizites Wissen‘ gestolpert bin, also etwas, von dem man überzeugt ist, sich dessen aber nicht bewusst ist.

Bevor ich das Grummeln im Bauch angesichts einer ‚fremden‘ Theorie bekam, blies ich lieber gleich zum Angriff. Ist eh die beste Verteidigung! Das war und ist meine Strategie. Doch wie gehen andere damit um, wenn sie dieses ‚Grummeln im Bauch‘ bekommen und nicht zum Angriff blasen? Reden ist eine kluge Strategie, aber das tun leider nur wenige. Sehr, sehr wenige. Die Anderen? Abtauchen, wegducken oder ausweichen. Unsichtbar werden. Auf jeden Fall keine Konfrontation. Ist übrigens keine grundsätzlich falsche Strategie, wenn man sich nicht in der überlegenen Position weiß. Sagt jedenfalls, also ich habe es so verstanden, Sun Tsu.

Aber warum wähnen sich so viele in einer Konfliktsituation, nur weil jemand ein anderes Weltbild als man selbst hat? Eine gute Frage, nicht? Nur ich habe auch keine wirkliche Antwort darauf. Keine Ahnung. Aber kommt es darauf überhaupt an? Nein, tut es nicht! Man braucht sich nur klar zu werden, dass einem ja wirklich nichts passieren kann. Das Einzige, was bei einem solchen Disput oder Diskurs passieren kann ist doch nur, dass das Ego ins Wanken gerät oder im schlimmsten Fall von seinem imaginären Sockel fällt.

Tja, das Ego. Wären wir uns dieses Phänomens oder besser Phantoms bewusst, dann würden wir herzliche oder gelegentlich auch mal gequält lachen und diese Egoanwandlungen zum Teufel jagen. Wenn man sich dann auch noch an die Regeln des Dialoges hält, dann könnte einem doch gar nichts passieren. Und warum dann der ganze Stress?

Gute Frage, nicht?

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.