Recht behalten oder das Richtige erkennen

Das Erste geht gut alleine, das Zweite nur gemeinsam.

Jeder Mensch lebt ja in seiner ganz eigenen Welt, die Welt da draußen sieht er nicht, er sieht nur seine eigene gedankliche Interpretation, die Interpretation seiner Wahrnehmung. Der radikale Konstruktivismus lässt grüßen. Ignoriert man das, dann bleibt einem nur die Variante eins, nämlich Recht zu haben und natürlich auch behalten zu wollen.

Und das ist ganz schön schwierig. Um nicht in ständigen Selbstzweifeln zu zerfließen, glauben wir ja, dass das, was wir zu sehen glauben, absolut stimmig und richtig ist. Was natürlich bedeutet, dass die gedanklichen Rückschlüsse, die wir daraus ableiten, für uns auch absolut richtig sind.

Würden wir das nicht tun, würden wir ständig in der Ecke sitzen und uns das Hirn zermartern, was denn jetzt ist – mit uns natürlich, nicht mit den anderen. Denn genau zu wissen wie die Welt ist, also zu wissen, worin wir uns bewegen und sicher zu wissen, was unser Platz darin ist – das sind die Markierungslinien unseres Selbstwertgefühls und damit unseres Selbstbewusstseins.

Soweit, so gut. Noch ist alles ganz normal. Schwieriger wird es dann, wenn ein oder eine Andere mit ins Spiel kommt. Da muss man dann erst einmal schauen, inwieweit die beiden Weltbilder miteinander kompatibel sind. Sind sie es, wunderbar, man versteht sich und ist der selben Meinung. Doch was, wenn das nicht der Fall ist?

Dann sucht man den anderen von der eigenen Ansicht, also der eigenen Sicht der Welt, zu überzeugen. Und das meist mehr oder weniger beharrlich. Klappt das nicht, warum auch immer, hat man die Wahl. Entweder, die Sache ist einem wichtig, dann beginnt man zu streiten, in der Hoffnung, der Stärkere zu sein. Also natürlich nicht wie in einem Ringkampf, nein, das nicht, sondern in einem ganz zivilisierten intellektuell-emotionalen Ringkampf.

Der Stärkere ist dabei der, der Recht behält und nicht etwa der, der etwas bekommt. Das ist dann der emotionale Sieger. Kann man wunderbar an Gerichten, vor allen Dingen an Familiengerichten beobachten. Und genau darauf kommt es an: Geld oder Sachen zu behalten ist schön, aber nicht wichtig. ‚Sein’ Recht muss man behalten! Man nennt das dann gerne Gerechtigkeit.

Oder aber der andere ist einem wichtiger, dann taucht man ab in die Konvention und lässt 5 grade sein. Bitte nur nicht wehtun! Recht hat man natürlich immer noch, aber man redet nicht mehr drüber. Auf Dauer ist das aber auch nicht so der wahre Jakob, denn das Leben wird dann ganz schön langweilig. Obwohl, unsere Gesellschaft funktioniert eigentlich doch genau so. Friede, Freude, Eierkuchen. Und auch die Welt des Business funktioniert auf die absolut identische Art und Weise. Nur nicht anecken, gemotzt wird woanders!

Aber was stattdessen? Dafür muss man sich erst einmal im Land der unbekannten Möglichkeiten einrichten. Ich will versuchen, das kurz genauer darzustellen. Wir leben in einer komplexen Welt, was leider verdammt kompliziert ist, wenn man sich nicht wirklich darauf einlässt. Übrigens sind daran definitiv die Quantenphysiker schuld, die sind nämlich draufgekommen, dass Newtons wunderbar logisches Physik-Modell die Phänomene der Welt, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, leider nicht wirklich korrekt erklären kann, sondern nur eine der beiden (oder noch mehr?) Perspektiven.

Das wirklich Blöde dabei und warum wir uns wahrscheinlich so schwer damit tun, das ist, dass unsere Sprache eine absolut reine Newton-Sprache ist. Wir können die Phänomene der Welt sprachlich einfach nicht abbilden, wir haben keine Begriffe dafür. Dann hört sich das alles irgendwie kompliziert an, aber da muss man eben durch. Aber keine Angst, ich schreibe hier keine Einführung in die Quantenmechanik, sondern ich will nur die Prinzipien darstellen, also das, wie ich so als Laie verstanden habe.

Das grundlegende Prinzip, der grundlegende Gedanke ist, dass es eine feststehende, also eindeutig determinierte Materie irgendwie nicht gibt, sondern dass da immer das Bewusstsein des Beobachters nicht nur eine Rolle spielt, sondern nicht hinweggedacht werden kann – sozusagen die ‚conditio sine qua non‘ der Wirklichkeit, die notwendige Bedingung. Was Einstein übrigens zu der Frage veranlasst hat, ob der Mond auch da wäre, wenn keiner hinschaut.

Ich zitiere das gerne, weil Einstein ja bekanntermaßen kein Phantast und kein esoterischer Romantiker war, und weil sich darin seine Verzweiflung über die Bedeutung der Erkenntnisse seiner Kollegen für sein eigenes Weltbild zeigt. Der Alte, und damit war Gott gemeint, würfle eben nicht, war seine Ansicht, was er in einem Brief an Max Born kundtat und warum er immer wieder versuchte, den Determinismus der Newtonschen Physik zu erhalten. Aber leider vergeblich.

Das ist das wichtige Element, die entscheidende Erkenntnis: Die Welt ist nicht determiniert. Und Sie selbst? Oder ich? Nein, wir auch nicht. Wie das im Detail funktioniert, das ist wirklich komplex und es braucht einiges an Gehirnschmalz, das zu verstehen. Aber für den Anfang genügt es, das für alle weiteren Überlegungen als Grundlage zu akzeptieren (!), nämlich, dass die Welt eben nicht determiniert ist, sondern wir sie durch und mit unserem Bewusstsein gestalten oder zumindest beeinflussen, die anderen sind ja schließlich auch noch da.

Wir können also, und damit komme ich zum Thema zurück, wir können also niemals einfach so behaupten, wir hätten Recht und der andere nicht. Der eine denkt sich die Welt eben so und der andere eben anders. Bedeutet das jetzt, dass alles irgendwie beliebig wäre? Irgendwie schon, aber das ist definitiv keine sinnvolle Lebensgrundlage. Wie Laotse schon sagte, wenn wir den Sinn vergessen oder verlieren, dann landen wir irgendwann im Chaos.

Also müssen wir, gerade dann, wenn es um richtig oder falsch geht, dieses unerfreuliche Schlachtfeld verlassen und schauen, was denn wirklich ist. Und das ist echt komplex – aber wirklich nicht kompliziert und meist sogar ziemlich einfach zu lösen. Dazu müssen wir nur bereit sein, uns zusammenzusetzen und miteinander zu reden. Aber nicht einfach so und auch nicht einfach nur zu schweigend dasitzen, nein, wir müssen im Dialog miteinander reden und gemeinsam Sinn suchen.

Im Dialog miteinander reden? Das kostet jede Menge Selbstüberwindung. Man muss nämlich die eigene Meinung und das Recht haben wollen in eine Kiste tun und draußen vor der Tür stehen lasse. Und das fällt sehr vielen Menschen verdammt schwer, sie haben das Gefühl, dann unterzugehen. Die eigene Meinung ist für viele sowas wie eine Panzerung gegen die Anfeindungen, die so auf einen hereinprasseln. Aber warum Anfeindungen? Das hat nun was mit unserem Selbstbild zu tun. Das Bild, das wir von uns haben, ist nämlich in den allermeisten Fällen eine Illusion, eben ein Bild. Und das sind nun einmal nicht wir selbst.

Also ich habe keine Ahnung, warum wir uns angegriffen fühlen, wenn uns jemand anderer verbal angreift, sicher ist für mich nur, dass das ziemlich blöd bis albern ist. Wenn jemand zu mir sagt, ich sei ein Trottel, dann bin ich doch noch immer derselbe wie vorher auch. Wozu mich aufregen? Interessant ist es natürlich zu erfahren, warum der andere mich für einen Trottel hält. Wenn es stimmt, was er sagt, dann ist das ja ein Gewinn für mich, dann kann ich mich ändern.

Stimmt es für mich nicht, dann kann ich ihm oder ihr – natürlich nur im Dialog – deutlich machen, was mich bewegt so zu sein, wie ich mich eben verhalte. Und wenn er es dann immer noch nicht akzeptiert und ich mich immer noch nicht als Trottel ansehe, dann, ja dann zweinigen wir uns eben, wie Vera F. Birkenbihl es mal so schön bezeichnet hat.

Wichtig ist sich darüber im Klaren zu sein, was definitiv ist und was nicht. Beispielsweise ist ganz klar – und zwar für jeden gleichermaßen – wie wir denken, aber nicht, was wir denken. Also macht es Sinn, erst einmal das ‚wie’ zu klären. Meist lichten sich dann die Gewitterwolken schon ganz erheblich, denn wenige wissen wirklich, wie sie denken und sitzen damit in irgendwelchen selbstkonstruierten gedanklichen Fallen fest.

Eine der üblichen und sehr, sehr gängigen Lieblingsfallen ist zu glauben, man könne wissen, was ein anderer denkt. Oder man glaubt der eigenen Erinnerung absolut und vergisst geflissentlich, dass die Neurowissenschaften schon längst nachgewiesen haben, dass unsere Erinnerungen hochgradig manipulierbar sind. Ganz zu schweigen davon, dass wir die Welt ‚da draußen’ nicht sehen, sondern nur interpretieren können.

Und das soll alles sein? Ja, das ist alles. Aber es hat, wie alles Neue, das Alte zum Preis. So zu denken kostet sie nämlich etwas meist sehr, sehr Liebgewonnenes: Ihr Ego. Aber Sie entscheiden letztlich ganz alleine für sich, ob Sie letztlich Recht behalten oder das Richtige erkennen wollen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.