Rekursive Schleifen

Die Kunst der Selbsterkenntnis.

Es ist uns sehr wohl bekannt, sowohl aus der Wissenschaft, insbesondere der neurobiologischen Wissenschaft, wie auch aus der Praxis des Buddhismus und des Zen (wobei ich hier nicht das übliche esoterische Gedöns meine, sondern ernsthafte Praxis in der Tradition der Philosophie Nagarjunas), dass unser übliches Verständnis von Wahrnehmung und Bewusstsein einen gehörigen Fehler inklusive hat.

Dass das übrigens auch Quantenphysiker, etwa Albert Einstein, erkannt haben, macht es nicht besser, eher sogar schlimmer, solange es geflissentlich ignoriert wird. Das ist in etwa so, als glaubten wir alle noch, die Erde sei eine Scheibe. Also sollten wir tunlichst das machen, was angesagt ist. Doch das ist dummerweise gar nicht so einfach. Denn es bedeutet letzten Endes, dass wir etwas tun, was unserem ‚Gehirn‘ so überhaupt nicht gefällt.

Die ‚Kunst der Selbsterkenntnis‘ an sich ist relativ einfach. Die Schwierigkeit liegt allein in der eigenen Haltung, die man grundsätzlich braucht, um immer wieder zu solchen rekursiven Schleifen bereit zu sein. Denn das bedeutet alles, was man erkannt hat – und nicht nur das, was man erkannt zu haben glaubt, sondern eben auch das, von dem man absolut sicher ist – immer wieder infrage zu stellen.

Es geht also um unser Bedürfnis nach Sicherheit, obwohl ich schon bei dem Begriff ‚Sicherheit‘ ins geistige Stolpern komme. Denn genau genommen geht es nicht um Sicherheit, dahinter verstecken wir uns nur, nein, tatsächlich geht es darum, uns selbst nicht infrage stellen zu wollen. Das wäre ja auch noch schöner, langt es uns doch schon, wenn andere uns infrage stellen. Und dann auch noch wir selbst?

Dieses Spiel treiben wir so lange – und das manchmal bis zum bitteren Ende – bis wir endlich aufhören, unser Ich-Verständnis zu verteidigen. Egal, was jemand von mir denkt oder wie sie oder er mich sieht – solange ich es mir nicht zu Herzen nehme, solange bleibe ich, wie ich bin. Und da taucht schon das nächste Problem auf.

Immer wieder versuchen und suchen wir uns selbst zu erkennen. Dahinter steckt – jedenfalls ist es bedauerlicherweise meistens so – die Suche nach dem, was wir wahrhaftig und wirklich sind. Dieses ‚Ich‘ oder ‚Selbst‘ ist es, dessen wir habhaft werden wollen, das es vermeintlich zu erkennen gilt. Manchmal möchte man noch hinzufügen ‚koste es, was es wolle‘. 

Und genau damit haben wir ein gewaltiges Problem. Also die Kohlenstoffeinheit (ja, ich bin ein bekennender Star Wars Fan), die gibt es ganz real. Das Dumme dabei ist nur, dass die alles ist, nur nicht beständig. Von ganz winzig bis 184cm und dann wieder Asche. Also nichts, auf das man bauen, an dem man sich ‚festhalten‘ könnte. Also braucht man dieses ‚ich‘ um sich irgendwie definieren zu können.

Und genau das suchen wir so lange, bis wir endlich die gedankliche Blutgrätsche machen und aufgeben. Unsere Suche, völlig verzweifelt und frustriert für gescheitert erklären, lauthals bekennen ‚Ich bin gescheitert!‘ und endlich begreifen, dass wir keine mechanische Konstruktion sind mit so einem richtigen, realen Kern, ganz beständig und wirklich. Und einfach aufgeben. Das ist die zwingende (!) Voraussetzung dafür, dass es ‚bing‘ macht und wir uns wirklich erkennen: Wir sind ein Aspekt des Lebens, ein Prozess, überall und nirgends. 

Schon wenn wir anfangen, unsere Beziehung zu irgendetwas definieren und gestalten zu wollen, kommen wir gewaltig ins Schleudern. Es gibt für uns Menschen nämlich zwei Arten des Seins. Das eine ist die ‚bewusste‘ Variante, heißt, wir setzen uns Ziele, agieren bewusst, haben tausend Erklärungen dafür, warum wir uns verlieben oder trennen. Alles wunderbar unter Kontrolle. Dann ist da noch die andere, die schwierig und blöderweise einzig richtige Variante, die sich uns in dem Augenblick eröffnet, in dem wir endlich begreifen, dass wir absolut nichts unter Kontrolle haben. Geht ja aber auch nicht, weil wir eben ein Prozess sind.

Wir tun die selben Dinge wie vorher auch, aber ohne sie glauben erklären zu können, ohne zu denken, wir hätten irgendetwas unter Kontrolle. Dafür sind wir frei, mit dem Leben zu fließen. Freiwillig, wohlgemerkt. Frei, sich dem Leben anzuvertrauen und hinzugeben. Was kann es Besseres und Schöneres geben? Und wenn wir auf diese Weise ‚gescheitert‘ sind, wenn wir endlich aufgeben, uns als irgendetwas Definierbares erkennen zu wollen und auch aufhören, irgendetwas unter Kontrolle zu haben, dann beginnt das Spiel des Lebens.

Dann definieren wir endlich unsere Haltung nicht aus unserem gedachten ‚Ich‘ heraus, sondern aus unserem prozesshaften Verständnis, also dem kosmischen Verständnis heraus. Und endlich kann sich die Selbstorganisation entspannen und entfalten und endlich tun, was sie schon die ganze Zeit über tun wollte. Sich endlich in Einklang bringen mit der Welt kann sie nicht. Sie ist ja nur ein Organisationssystem. Was also dann kann die Selbstorganisation organisieren? Na uns, Sie, mich, jeden! Aber dafür müssen wir die Kontrolle sausen lassen. Eins mit der Welt zu sein heißt eben, diese Vorstellung von einem ‚Ich‘ sausen zu lassen.

Denken Sie an die Antrittsrede von Nelson Mandela! ‚Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.‘ An dieser Stelle möchte ich ein manchen zugegebenermaßen ein wenig respektlos fragen: ‚Klingelt´s endlich?‘ Vielleicht verstehen Sie jetzt auch, warum ich immer zu knurren anfange, wenn ich Sätze lese wie ‚Werde, der du sein willst!‘ Wäre es nicht viel einfacher, endlich damit aufzuhören irgendetwas sein zu wollen und endlich zu sein, was man ist?

Aber, und das ist, was die nur schwer akzeptieren können, die es aus Prinzip immer eilig haben, das ist der Anfang. Also ich habe angefangen Jura zu studieren, als ich begriffen hatte, dass mir das mehr liegt als Physiker zu werden. Aber diese Entscheidung war nur der Anfang, sozusagen der Startschuß. Und dieser Paradigmenwechsel ist eben erst der Anfang. Jetzt können wir endlich mit dem Üben anfangen. Und das bedeutet, das Gehirn neuronal neu zu organisieren.

Wenn ich nämlich weiß, was ich gesagt habe, kann ich daraus schließen, was ich wahrscheinlich gedacht habe. Manchmal ist es die Tonlage, manchmal die Wahl der Wörter und manchmal nur ihre Anordnung, die uns tief in das eigene Herz, Pardon, den Geist natürlich, blicken lässt. Und dann kann ich das immer weiter auflösen. Rekursive Schleifen eben. Aber das setzt voraus, etwas Grundlegendes verstanden zu haben: Das eigene Prinzip.

Also, wenn Sie es nicht schon getan haben, hören Sie endlich auf, nach irgendetwas Beständigem zu suchen. Sie werden es nicht finden. Auch ‚Sie‘ sind nur ein Prozess. Aber so lange Sie suchen, solange spielen Sie das Spiel des Murmeltiers. Sie wissen doch: ‚Und ewig grüßt das Murmeltier.‘ Dass Sie sich dabei beobachten können, ist eine faszinierende Eigenart des Prinzips ‚Mensch‘. Vielleicht liegt ja darin das Geheimnis des Menschseins. Genießen Sie es, aber suchen Sie nicht etwas daraus zu machen, das Sie nun mal nicht sind. 

Jetzt fragen Sie sich vielleicht oder sogar wahrscheinlich, warum macht er es nicht kurz und sagt gleich, was er will? Weil wir diesen ewig langen Zwischenschritt brauchen. Warum? Weil wir unser Gehirn umbauen müssen! Und das funktioniert nach meiner Erfahrung selten bis nie, wenn man nicht verstanden hat, worum es geht. Nämlich das Lassen. Wenn wir bereit sind, wirklich zu lassen, und nicht etwas loszulassen, dann sind wir nämlich frei, ein Prozess zu sein. 

Dann gibt es uns nicht und doch sind wir da. Wie Materie. Die gibt es ja auch irgendwie nicht wirklich und trotzdem tut es verdammt weh, wenn man die Tür nicht aufmacht, bevor man hindurchgehen will.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.