Sein, der ich bin

Dieser Satz hat eine unverkennbare Ähnlichkeit zu dem Bibelwort »Ich bin, der ich bin«, das uns darauf hinweist, dass Gott nicht mit einem Namen zu fassen ist. Nun, wir sind nicht Gott aber sind wir mit einem Namen zu fassen? Sind wir durch unsere Geschichte, durch unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart und unsere Zukunft definierbar?

Betrachten wir es einmal genau, dann können wir leicht erkennen, dass wir letztlich nicht in Raum und Zeit beschreibbar sind. Das bedeutet, dass alle Zuschreibungen, Eigenschaften Fähigkeiten und Kompetenzen uns nicht gerecht werden können, weil diese eben nichts gegebenes und stetig veränderlich sind.

Wer die aktuelle Diskussion in den Medien verfolgt weiß, dass manche Wissenschaftler unser Wesen auf einen biochemischen Vorgang und auf die neuronalen Strukturen unseres Gehirnes reduzieren; andere wiederum der Ansicht sind, dass er dies nicht kann, sondern dass wir aufgrund unseres Geistes in der Lage sind, selbstbestimmt zu leben.

Nun, die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, denn beides ist zutreffend. Dass wir sowohl biologisch determiniert sind wie frei in unseren Entscheidungen ist das Besondere, aber auch Schwierige im Wesen des Menschen. Besonders ist es, weil wir auf gewisse Weise Herr unserer selbst sind, schwierig ist es, weil wir nicht tun und lassen können was wir wollen. Doch was bedeutet dies genau?

Einmal bedeutet es, dass wir aufgerufen sind zu erkennen, wie wir (geworden) sind. Ohne das Eingeständnis auch unserer Schwächen und Fehler können wir daran nie etwas ändern. Entwicklung ohne Einsicht gibt es nicht. Wenn wir uns nur auf das konzentrieren, was wir glauben sein zu können werden wir dort nie »ankommen«, wenn wir unseren Startpunkt nicht kennen. »Ein anderer werden zu wollen« ohne das Eingeständnis der Schattenseiten ist etwa so, als bei einem rostigen Auto neuen Lack über die alten Roststellen zu sprühen. Der neue Glanz wird nicht lange halten.

Zu sein, der wir sind, bedeutet aber auch dass wir es in der Hand haben, wie wir sind. Ob wir freundlich oder unfreundlich geduldige oder ungeduldig oder was auch immer sind, liegt nicht wirklich in unserer Natur sondern ist eine Antwort darauf, wie wir glauben uns am besten in der Welt bewegen und behaupten zu können. Unsere Persönlichkeit und unsere Charaktere sind im Grunde genommen nichts anderes als unsere ganz persönliche und individuelle Antwort auf die Anforderungen, die uns das Leben stellt. Es gibt keine Lebenssituation, in der wir nicht die Wahl hätten, wie wir uns dazu in Bezug setzen und damit, wie wir uns verhalten.

Zu sein, der wir sind, wirft aber auch eine sehr grundsätzliche metaphysische Frage auf, nämlich der nach unserem Wesen, das, was uns im innersten ausmacht. Es ist die Frage nach unserer »waren« Natur, die wir in der Versenkung in den Geist erkennen können und die wir im Streben nach Vollendung realisieren.

Sein, der wir sind, fordert uns also auf dreierlei Weise auf: Zum einen fordert es uns auf, zu akzeptieren wie wir sind und uns dessen vollkommen bewusst zu sein. Auf diesem Bewusstsein aufbauend sind wir aufgerufen, unser Leben und damit unsere Persönlichkeit, unsere Identität und unsere Präsenz bewusst zu gestalten.

Die entscheidende Frage ist, woran wir uns dabei orientieren. Bewegen wir uns weiter auf einer horizontalen Ebene im Kontext unseres (bisherigen) Verständnisses von der Welt, unserem Wesen und unsere Existenz; oder bewegen wir uns auf einer vertikalen Ebene der Transformation, wo es nicht mehr um irgendeinen Glauben geht, sondern darum jeglichen Glauben zu überwinden, also darum, zu sein, was ist.

Sind wir bereit sind aus dem gewöhnlichen Verständnis von Wirklichkeit herauszutreten und die Illusion der gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit zu verlassen, um uns auf den Weg zu machen in uns selbst zu erfahren, was wirklich ist? Es ist die grundlegende Frage, ob wir unsere Selbstbezogenheit aufzugeben bereit sind, um den Weg der Transformation und Transzendenz zu gehen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.