Sein, was man ist

Dieser grundlegende Gedanke, sozusagen das erste Fraktal, das grundlegende Muster für alles weitere, ist eine Trinität.

Zum einen bedeutet es, dass wir sind und  daher nichts werden können. Darum sagt man im Zen ja auch immer, es gibt nichts zu erreichen.

Dieser Gedanke ist für manche deswegen so schwierig zu fassen, weil wir in einer Welt und Kultur des Tuns leben, die auch vor unserer Persönlichkeit nicht halt macht und uns ständig einzureden versucht, dass wir unzulänglich sind und uns endlich mal anstrengen müssten, um zu etwas zu werden. Doch was ist dieses Etwas? Doch nur eine Vorstellung anderer, wie man zu sein hätte. Ist es die eigene Überzeugung, macht es das nicht besser.

Dieser Aspekt unseres Seins ist numinos, formlos und in diesem Sinn leer. Es ist ein reines Potential, das wir aber nicht nur auf der körperlichen Ebene, etwa den Genen annehmen dürfen. Es ist etwas Ursprüngliches und rein Geistiges und vor allem ist es nichts Personales, sondern etwas, das alles Sein durchdringt: Intelligenz, Kreativität, Bewusstheit, Lebenskraft. Es ist das, aus dem heraus sich alles Existierende bildet.

Ganz anders hingegen der konkrete Seins-Ausdruck, der erfahrbar, weil formhaft und wirklich ist.

Wenn wir üblicherweise über unsere Existenz nachdenken, dann denken wir an unsere Eltern, deren Eltern und so weiter. Wir denken an die Gesellschaft und an die Zeit, in der wir leben. Wir denken an unsere gegenwärtige Situation, was wir tun, wie wir leben, wir denken an Vergangenes und Zukünftiges.

Selten aber sehen wir den Ursprung von uns selbst, den Menschen, der Natur, der Welt und des gesamten Universums, genauso wie der jeweiligen Geschichte oder Zukunft wie eine große Kiste voller Legosteine.

Betrachten wir einmal unsere Existenz genauer. An einem bestimmten Tag haben sich eine Ei- und eine Samenzelle getroffen und sind miteinander eine Verbindung eingegangen. Am Anfang war also da diese eine Zelle, die sich im Laufe ihres Lebens immer wieder in sich differenziert hat und gewachsen ist. Dieses »Wachsen« müssen wir uns so vorstellen, dass die Zelle einen Teil der im Kosmos vorhandenen Legosteine, wir nennen sie Atome, zu unserem Körper zusammengebaut hat.

Aber das ist nur ein sehr offensichtlicher, weil der sichtbare Aspekt. Unter den kosmischen Legosteinen sind nämlich auch noch ganz andere als nur Atome. So wie wir über die Luft und die Nahrung aufgenommen, woraus wir unseren Körper geformt haben, indem wir es in das Vorhandene einem bestimmten Prinzip folgend integriert haben, haben wir auch unsere Psyche und unseren mentalen Geist »zusammengebaut«.

Das konnte uns nur gelingen, weil es von Anfang an ein Prinzip gab, das das Ganze überhaupt erst möglich gemacht hat. Dieses Prinzip darf nicht verwechselt werden mit der Idee, der wir bei der Gestaltung dessen gefolgt sind, was wir heute »Ich« nennen. Das Prinzip, das unsere Existenz überhaupt möglich gemacht hat, ist etwas anderes als die Idee, der wir beim Bau unserer Persönlichkeit und Präsenz  gefolgt sind.

Dieses universelle und grundlegende Prinzip macht alles möglich, was man aus kosmischen Legosteinen zusammenbauen kann, aber es definiert nicht, was tatsächlich gebaut wird oder zukünftig gebaut werden kann. Zwischen dem ursprünglichen Potenzial und der Realisation gibt es also noch einen Zwischenschritt, den ich die Manifestation nenne.

Dieser Schritt ist vor allen Dingen geprägt von Intelligenz, Kreativität und Prinzipien, die aber nicht gleichgesetzt werden dürfen mit dem grundlegenden Prinzip. All dies existiert nicht aus sich selbst heraus, sondern hat seinen Ursprung in dem ursprünglichen Geist. Dieser Geist ist ohne jegliche Gestalt, formlos und numinos, jenseits von Zeit und Raum, ewig und allgegenwärtig. Und obwohl er nicht beschrieben werden kann, benennen wir ihn, weil wir ihn zu verstehen und zu erfahren suchen, um uns selbst zu verstehen und erfahren zu können. Wir nennen ihn Gott, das Tao, das Absolute oder wie die Griechen den kósmos. Gemeint ist stets dasselbe.

Das Beispiel der Legosteine macht aber noch etwas Grundsätzlicheres deutlich. Der Geist der Legosteine, die Ideen der Kinder und die fertigen Kunstwerke sind alles Aspekte des Einen, das wir nicht benennen können, auch wenn es so offensichtlich existent ist. Unbeschreiblich, aber erfahrbar.

Unsere gesamte Existenz wird somit durch drei Dimensionen definiert: die erste ist das Potenzial, die zweite ist die Manifestation und die dritte ist die Realisation.

Der ersten widmen wir uns durch Meditation, Kontemplation, innere Sammlung und Versenkung, der zweiten durch die Schulung des Geistes und dem Befolgen der Prinzipien und der dritten durch das Prinzip der Meisterschaft.  

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.