(Selbst-) Erkenntnis

Erkenntnis steht im unmittelbaren Zusammenhang mit Wahrnehmung. Die Frage ist also zu erst einmal, wie wir überhaupt in der Lage sind, die Welt wahrzunehmen.

Üblicherweise glauben die Menschen ja, sie lebten in einer Welt, die sie unmittelbar und direkt wahrzunehmen in der Lage sind. Was sie sehen und vor allem, was sie erleben, ist für sie nicht nur für sie selbst wirklich, sonder auch in einem absoluten Sinn real und damit wahr.

Das aber kann nicht sein, denn wir sind, wie die Konstruktivisten uns lehren, nicht in der Lage, eine Welt außerhalb wahrzunehmen. Jegliche Wahrnehmung ist immer nur eine innere, mentale Repräsentation.

Mit anderen Worten: Jeder lebt in seiner ganz eigenen Wirklichkeit, zu der nur er selbst Zugang hat. Was im Umkehrschluss natürlich auch bedeutet, dass wir niemals in der Lage sind, die Vorstellung von Wirklichkeit eines Anderen exakt nachzuvollziehen. Das Bild von der Wirklichkeit und damit von der Welt, dass wir erzeugen, ist von unseren Erfahrungen, ob zutreffend oder nicht, nicht zu trennen, untrennbar verbunden. Denn es sind genau diese Erfahrungen, die uns erleben lassen, was wir erleben.

Doch damit nicht genug, leben wir darüber hinaus doch, wie uns die Wissenssoziologen lehren, in einer gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit (und nicht nur in einer Konstruktion von gesellschaftlicher Wirklichkeit).

Was also können wir wissen, wenn unsere Wahrnehmung doch nur eine geistig-mentale und gedankliche Konstruktion ist? Ist dann alles nur eine Illusion?

Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage werden wir wiederum vollkommen auf uns selbst zurückgeworfen. So sehr wir nach einer Wahrheit, einer allgemeingültigen Lehre oder auch nur wirklichen Wissen im Außen suchen, können wir es doch nicht finden. Denn man kann, mit den Worten von Galilei, die Menschen nichts lehren, man kann ihnen nur helfen, »es« in sich selbst zu entdecken.

Wir sind, wie uns die Systemiker lehren, wie alle lebendigen Systeme autopoietische Systeme, uns vollkommen selbst organisierend, nicht beeinflussbare von außen, auch wenn uns dies vollkommen anders erscheint.

Die moderne Wissenschaft lehrt uns, dass die Wirklichkeit in unserem Geist entsteht und sich in unserem Gedanken und den damit einhergehenden Handlungen manifestiert.

Wenn wir also diese Dinge untersuchen, dann untersuchen wir im Grunde unseren eigenen Geist mit eben diesem Geist, was mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine große Verwirrung desselben und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die Verfestigung unzutreffender Vorstellungen von der Wirklichkeit (was auch immer das dann ist) nach sich zieht.

Wir müssen also den eigenen Geist ergründen, ohne über ihn nachzudenken. Doch dabei stehen wir uns erst einmal selbst im Wege, sind wir Menschen doch selbstbewusst, was nichts anderes bedeutet, als dass unser eigener Geist (selbst) bewusst ist. Das ist jedoch nur dadurch möglich, dass es einen Bezugspunkt gibt, etwas auf das sich der Geist beziehen kann und dieses »etwas« sucht der Geist im Außen, in seiner Beziehung zur Welt.

Von einem in diesem Sinne »gesunden« Geist können wir also sprechen, der weder zu sehr auf sich selbst, also ein Ich oder Selbst noch zu sehr auf ein Außen oder Du bezogen ist und so ein ausgewogenes Verhältnis zwischen innen und Außen, zwischen Ich und Du hat.

Doch wie soll der Geist zwischen einem Ich und einem Du unterscheiden, wenn beides doch tatsächlich nur in ihm selbst als Vorstellung und mentale Repräsentation existiert?

Wenn man angesichts solcher Gedanke der Verzweiflung nahe ist angesichts der scheinbaren Unauflösbarkeit all dieser Widersprüchlichkeiten, dann hilft es sich darüber im Klaren zu werden, dass sich im Ergründen all dieser Aspekte an der eigenen Existenz erst einmal überhaupt nichts ändert. Man wird sich weder in Luft und auch nicht in ein immaterielles Nichts auflösen, man wird weiterhin so denken, empfinden und handeln wie bisher.

Und doch wird alles anders sein, einfach dadurch, dass wir uns all dieser Dinge wahrhaftig bewusst werden. Denn je mehr wir diese Gedanken ergründen und im ersten Schritt zur eigenen Erkenntnis und Einsicht und dann in einem weiteren Schritt zu einer inneren geistigen Erfahrung werden lassen, werden wir des Hintergrundes gewahr, vor dem all das geschieht, oder mit anderen Worten, des Bewusstseinsraumes, in dem das alles geschieht.

Je tiefer wir in dieses Mysterium eindringen, desto klarer wird uns, was wir nicht sind, und damit wird immer offensichtlicher, was wir sind.

Und wir erfahren dabei, was bleibt, das Wesentliche, das uns ausmacht.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.