Selbstbild

Ich schaue in den Spiegel, sehe und erkenne mich als »Ich«. Doch wenn man mich fragt, wer ich bin, weiß ich keine Antwort.

Unsere Antwort auf die Frage, wer wir sind, beschränkt sich meist auf die Aufzählung von Sozialdaten, der Benennung gesellschaftlicher oder familiärer Rollen bzw. Funktionen, der Beschreibung von Geschlechts- und Körpermerkmalen oder einer Auflistung von Charaktereigenschaften. Doch das beantwortet uns die Frage danach, wer wir sind in keinster Weise. An der Oberfläche, das Vordergründige – ja. Doch das, was uns eigentlich ausmacht, unser Wesen – ganz offensichtlich unbeschreibbar.

Die beste Antwort wäre wohl: »Ich bin, der ich bin.« Das ist keine Blasphemie, sondern unumstößliche Wirklichkeit. Ich bin, wie und was ich bin. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ganz ohne Konjunktiv. Und ganz ohne Vergangenheit, aber auch ohne Status oder etwas, das ich besitzen könnte.

Darum führt die – oft an sich selbst gestellte – Frage, wer oder was man ist, auch in die Irre.  Der Blick in den Spiegel hilft dabei nicht wirklich, zeigt er uns doch nur ein Abbild unseres Körpers, nicht aber von – ja, von was eigentlich? Unserem Geist? Da wird es dann schon schwierig, denn ohne Körper gibt es auch keinen persönlichen Geist.

Vielleicht geht es leichter, die Frage nach meinem »Ich« zu beantworten, wenn ich zwischen dem differenziere, was ich bin bzw. was ein anderer oder ich selbst erleben kann und dem, was mich ausmacht. Letztere Frage klingt vielen allzu philosophisch oder vergeistigt, allzu fern vom alltäglichen Leben, als dass es Sinn machen würde, sich damit zu beschäftigen.

Was für ein fataler Irrtum!

Denn in dem, was mich ausmacht, fange ich an »ich« zu sein. Das ist mein Potenzial, aus dem ich schöpfen kann. Aus was sonst?

Doch zu dieser Einsicht kommt man erst, wenn man sich davon verabschiedet hat zu glauben, man sei irgendwie aus dem Nichts auf dieser Erde aufgetaucht. Das so zu sehen fällt vielen in ihrer Vorstellung von Einzigartigkeit nicht schwer.

Problematischer wird es dann schon zu akzeptieren, dass man dann trotz aller Einzigartigkeit – oder gerade deswegen? – sich konsequenterweise auch wieder in Nichts auflöst, wenn man gestorben ist. Was die wenigsten akzeptieren und deswegen wenigstens so etwas wie eine Seele als ihre Existenz bewahrt wissen wollen. Auch die vielfältigen esoterisch verbrämten Erklärungen, warum man auf dieser Welt ist, wollen alle nur eins:

Die Tatsache verleugnen, dass es einen nicht gibt. Jedenfalls nicht als etwas eigenständig aus sich selbst heraus Existierendes. Das war es dann mit der Exklusivität. Aber es bleibt uns ja noch die Grandiosität. Und das ist kein Scherz. Denn unsere Existenz ist ja nichts anderes als ein Schnittpunkt vieler Phänomene dieses Kosmos. Wir sind eben nichts anderes auch als ein Aspekt dieses Kosmos. Mehr nicht, aber, wie schon mal gesagt, auch nicht weniger.

Und das ist wirklich eine gute Botschaft. Der Kosmos ist nun wirklich grandios. Ergo bin ich es auch. Klingt witzig, ist es aber nicht.  Fazit: Wir sind grandios, aber nicht einzigartig.

Das Komische ist nur, dass so viele Menschen unbedingt einzigartig und etwas Besonderes sein wollen, aber grandios? Klingt anstrengend. Riecht nach exzellent und irgendwie auch nach perfekt. Hoher Anspruch. Wohin dann mit all den kleinen und großen Nissigkeiten  und Unzulänglichkeiten, die wir zwar kennen, aber nicht abstellen, weil sie uns irgendwie so einzigartig und besonders machen, eben anders als alle anderen?

Was aber bleibt dann? Einfach ich. Unbeschreibbar, weil numinos. Aber da steckt das Problem drin, denn das heißt ja, dass man dem auch gerecht werden sollte. Oder muss, wenn man sein Leben wesentlich leben will.

Darum: Streben nach Vollendung. Fragt sich nur, warum das so schwierig ist.

Nach Vollendung zu streben bedeutet nämlich, im eigenen Selbstverständnis eins zu sein mit dem Absoluten. Nur da finden wir zu unserer Vollendung, was natürlich bedeutet, das Bedürfnis nach Einzigartigkeit aufgeben zu müssen. Wir können nicht gleichzeitig Aspekt des Absoluten und ein aus sich selbst heraus existierendes »Ich« sein. Dies ist der klassische Fall eines »Entweder oder«.

Dass wir einzigartig sein wollen bedeutet nicht, dass wir schlechte Menschen wären. Vielmehr müssen wir verstehen, dass dies durch unsere unzutreffende Wahrnehmung der Wirklichkeit bedingt ist, eine Folge der gedanklichen Vorstellung von Wirklichkeit, in der wir leben. Die Einzigartigkeit, die wir anstreben, ist nichts anderes als der Versuch eines in seiner Vorstellung aus sich selbst heraus existierenden Ich, dass sich gegen das – wiederum – in seiner Ansicht feindliche Nicht-Ich abzugrenzen und zu verteidigen sucht, um überleben zu können.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.