Selbsterkenntnis

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Oder etwa nicht?

Was würden Sie tun, wenn Sie die Lichtquelle, die Ihr Leben erhellt, im Rücken haben und vor sich nur Schatten vor sich sehen? Ich denke, Sie würden sich umdrehen und im Hellen suchen, was Sie eben suchen – etwa sich selbst. Das ist verständlich und auch logisch. Doch ist es auch sinnvoll und zielführend?

Selten fragen wir uns nämlich, was da eigentlich den Schatten wirft. Wir gehen ganz selbstverständlich von einer mechanistischen Sichtweise des Kosmos, der Welt und von uns selbst aus, dass wir uns meist gar nicht mehr fragen, ob ein solcher Gedanke wie ‚Wo Licht ist, ist auch Schatten’ überhaupt immer zutrifft. Wir sollten uns langsam daran gewöhnen, dass wir in einer paradoxen Welt leben und aufhören, immer alles in eine Entweder-oder-Kategorie einzuordnen suchen – statt uns überhaupt zu fragen, ob es wirklich eine Frage des Entweder-oder ist oder eben eine, die sich nur mit einem Sowohl-als-auch beantworten lässt.

Es stimmt nämlich, dass es in unserem alltäglichen Leben Licht und Schatten gibt, so wie es Tag und Nacht gibt. Doch wenn wir uns selbst betrachten und uns selbst erkennen wollen, stimmt der Gedanke eben nicht. Alles eine Frage der Perspektive.

Wir Menschen sind grundsätzlich – und zwar nur da – wirklich absolut. Wenn wir uns innerlich überhaupt nicht bewegen, wenn wir geistig absolut still sind und nicht nur keine Gedanken haben, dann sind wir absolut Eins, dann denken und handeln wir nicht differenziert. In einem solchen gedachten Moment sind wir wieder wie ein gerade geborenes Kind (die Erfahrungen während der Schwangerschaft bitte mal ignorieren). Doch dann prasselt die geballte Ladung des Erlebens auf uns ein und Schluss ist es mit dem Eins-sein.

Könnte man denken. Stimmt aber nicht. Es bleibt nämlich beim Eins-sein. Nur es kommt etwas hinzu, unser Erleben und all die Überzeugungen, die damit einhergehen und uns wie in einen Kokon einweben. Und das war es dann, wir werfen einen Schatten. Also genaugenommen der Kokon unserer Erfahrungen, nicht wir, unser Geist, unser ursprüngliches Wesen.  Das neugeborene Kind, ohne jegliche Erlebenserfahrung, wirft nämlich keinen Schatten, da ist nichts, das Schatten werfen könnte. Ein wunderbarer Zustand, könnte man jetzt denken, und ein bisschen traurig darüber sein, dass er unwiederbringlich vorbei ist.

Auch das könnte man denken. Aber auch das stimmt nicht. Selbsterkenntnis bedeutet nämlich in meinem Verständnis nicht herauszufinden, was ich besonderes bin oder kann, sondern herauszufinden, was mich daran hindert, so zu sein, wie wir sind. Das erinnert mich immer an die Entstehungsgeschichte von Michelangelos ‚David’. Ob es wirklich so war oder nur ein Mythos ist, mag dahinstehen, denn die Geschichte ist faszinierend. Viele Künstler hatten sich an einem Marmorblock versucht doch nichts Rechtes zustande gebracht. Michelangelo aber ‚sah’ die Gestalt des David in dem Block und befreite ihn, in dem er alles ‚Falsche’ davon ablöste.

Und genau so ist es mit der Selbsterkenntnis. Wir müssen nicht das Richtige suchen, sondern wir brauchen uns nur (!) von dem Falschen zu lösen. Suchen wir hingegen das Richtige, wird uns das dann nicht bewusst bleibende Falsche immer hinterherlaufen. Solange wir den Kokon unserer Erfahrungen nicht aufgelöst haben, solange werden wir einen Schatten werfen.

Also geht es darum, unsere Erfahrungen, und zwar wirklich alle, nicht nur zu erkennen, sondern sie in der Transformation aufzulösen. Das gelingt uns aber nur dann, wenn wir uns darüber im Klaren sind, dass wir weiter auf dieser Erde leben, denken und handeln – und uns nicht versuchen herauszunehmen, weltfremd werden und die Welt und die Gesellschaft zu meiden suchen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.