Selbstüberwindung

Unser Leben ist schneller vorbei, als wir denken. Nicht länger als ein Wimpernschlag.

Dessen sollten wir uns ein für alle mal bewusst sein, damit wir es nicht vergeuden. Und wir sollten uns darüber im Klaren sein, wie wir es vergeuden. Die meisten Menschen denken ihr Leben in dem Zeitraum zwischen Geburt und Tod. Doch das ist eine völlig irrige Annahme.

Was denn jetzt, werden Sie vielleicht denken, was stimmt den jetzt? Na, beides! Wir sterben nicht, sondern nur unsere jeweilige Existenz, wir wandeln uns. Aber denken Sie jetzt bitte nicht in Reinkarnationen oder so etwas. Darüber habe ich keine Ahnung. Ich denke nur, dass der Geist bleibt. Und das bedeutet, es geht weiter. Wie? Keine Ahnung. Wir werden es erleben, aber nicht lebendig. Netter Witz, nicht?

Warum sollten wir uns dann beeilen? Hätten wir dann nicht Zeit ohne Ende? Können wir es dann nicht ganz gelassen angehen? Es gibt, jedenfalls für mich, zwei Gründe, das nicht zu tun. Der eine ist, dass ich der Überzeugung bin, dass uns ein falsches Leben im Sterben und im Tod um die Ohren fliegt und wir durch irgendwelche Höllen müssen, bis wir wieder einen sauberen Geist haben. Sonst dauert es mit der nächsten Wandlung. Kleine Kinder kommen ja geistig ganz sauber und relativ unbelastet zur Welt. Tiere und Pflanzen wohl auch.

Das andere ist, dass es uns hier im Westen meist ziemlich gut geht. Lebten wir in Syrien oder in Afghanistan, würden wir das schon anders sehen. Die Liste der Grausamkeiten des 20ten Jahrhunderts ist verdammt lang. Dass wir hier nicht genauso leiden hat nur etwas damit zu tun, dass wir es nicht spüren, es uns nicht gegenwärtig ist. Aber das wäre es, wenn wir wirklich bewusst wären.

Weil wir ein Geist sind, weil wir die Welt und nicht nur Individuen sind, wie Krishnamurti sagt, deswegen würden wir das Leiden der Welt wie Eigenes spüren. Ein vielleicht trivialer Vergleich. Als ich kürzlich Zahnschmerzen hatte, tat mir auch nicht der linke Fuß weh, sondern der Zahn. Ich aber fühlte nur Zahnschmerzen. Der ganze Kerl fühlte nur Zahnschmerzen.

Und genau hier müssen wir uns fragen, ob wir uns weiter mit Autos, schönen Klamotten, leckerem Essen und so weiter betäuben wollen, statt ein einfaches Leben zu führen, um den Schmerz der Welt nicht wahrzunehmen. Nichts gegen all diese Dinge, aber nicht um den Preis, uns zu betäuben. Und wir sollten endlich begreifen, dass wir in den Industrieländern auf Kosten der anderen Menschen leben. Und letztlich uns selbst umbringen. Hans-Peter Dürr hat das wunderbar aufgedröselt. Wenn wir uns um eine Krankheit nicht kümmern stirbt am Ende das Ganze.

Wenn wir uns all dessen bewusst wären, dann könnten wir es endlich beenden. Also müssen wir etwas tun! Oder lassen wir es uns noch eine Weile gut gehen und pfeifen auf die anderen? Oder wachen wir endlich auf? Es ist am Anfang schwer zu verstehen, dass wir uns allein um unsere Bewusstheit und nicht um die Welt kümmern müssen, wenn uns die Welt am Herzen liegt.

Das müssen wir verantworten. Es geht nicht nur um uns. Es geht um die Welt. Wenn ich ein dickes, fettes Auto fahre, nur so als Beispiel, dann ist das nicht nur mein Problem. Oder wenn ich Lebensmittel einfach so wegwerfe, weil ich zu viel gekauft habe. Ich muss mich auch fragen, wie ich zu dem Auto und all dem anderen komme. Ich muss den ganzen Zusammenhang sehen. Was hat der Reichtum der einen mit der Armut der anderen zu tun? Vergessen wir nicht, es ist eine Welt! Und wir sind diese Welt!

All das sind die Fragen, deren wir uns bewusst sein müssen – und ich meine wirklich müssen und nicht sollten -, ob wir uns weiter betäuben oder endlich aufwachen und tun, was zu tun ist. Ich habe diesen Text mit Selbstüberwindung betitelt. Denn genau darum geht es letztlich. Wieder so ein Paradoxon. Wir müssen uns selbst überwinden, um zu sein, was wir sind. Wir leben eben in einer Illusion. Ich sage immer, wer Kinder und Enkel hat, der sollte sich darüber klar werden, dass er ihnen mit einem nichtbewussten Leben, einem Leben, das all diese Zusammenhänge ignoriert, die Lebensgrundlage nimmt. Ein Leben auf Kosten der Kinder. Und wer keine hat, der muss ein bisschen tiefer graben, bis er begreift, dass Geist nicht stirbt. Und sie oder er vor dem selben Problem steht: Weiter den Ast absägen, auf dem wir sitzen?

Meine systemischer Lehrerin, Ilse Kutschera, sagte immer, dass jede Krankheit psychosomatischen Ursprungs sei. Mit anderen Worten, es beginnt immer im Geist. Wie lange also wollen wir noch warten, wie lange können wir es uns noch leisten, weiter zu machen wie bisher? Das ist die eigentliche Frage zur Selbsterkenntnis. Und das bedeutet eben Selbstüberwindung. Wir müssen eben unseren inneren Schweinehund, dieses sogenannte Ego, endlich überwinden und aufhören, unreflektiert zu denken und zu handeln.

Das hört sich logisch an, ist es auch, doch es ist leider verdammt schwer umzusetzen. Unsere Gehirnarchitektur steht nämlich auf egoistischen und auf sich selbst bezogenen Denkprozessen. Und die können wir nur mit pickelharter, sorry, aber so ist es, also die können wir nur mit pickelharter Disziplin auf die richtige Spur bringen. Wir brauchen Prinzipien und Regeln, nach denen wir unser Leben ganz bewusst gestalten, damit unser Denken nicht immer wieder vom Kurs abkommt. Wir müssen uns klar darüber sein, dass ohne einen solchen äußeren Rahmen es letztlich beim Alten bleibt. Das muss uns definitiv klar sein.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.

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