Sich aufzuregen hilft nicht, wenn man das eigentliche Problem (noch) nicht sieht.

Oder sollte man sagen das wirkliche Problem?

Wahrheit ist wie eine Zwiebel. Hat man eine Schale herunter, steht schon die nächste an. Ob wir wohl jemals an den Kern kommen? Wer weiß? Aber das darf uns nicht davon abhalten, tiefer zu graben. ‚In der Wahrheit zu leben‘ ist nicht zwingend gleichbedeutend damit, alles zu wissen. Ganz im Gegenteil. Wie sagte doch Niels Bohr: ‚Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe Wahrheit sein.‘ 

Das größte Problem, das ich aktuell sehe, ist unser eigenes Verständnis von Wahrheit und Wirklichkeit. Zu glauben, dass beides etwas Unveränderliches wäre, das man in einen Wissensschrank aufräumen könnte, ist eine Illusion. Wirklichkeit können wir nicht feststellen, nur beschreiben. Aber was wir wissen können ist notwendig zu wissen, sonst berücksichtigen wir es nicht. Die Folgen sind  dann regelmäßig fatal. Andere sehen das anders. Sie suchen nach einer Lösung, mit der sich unser tradiertes Weltbild aufrecht erhalten lässt. Die absolut größte Gruppe aber kümmert sich überhaupt nicht darum, dass es aktuell verschiedene philosophische Ansichten über Wirklichkeit gibt.

Darüber könnte man weidlich streiten. Doch würde uns das weiterhelfen? Ich denke nämlich, dass es das nicht tut, jedenfalls solange nicht, solange wir uns nicht bewusst gemacht haben, mit welchen Konzepten beziehungsweise wie wir überhaupt denken. Solange wir das nicht tun, das ist jedenfalls meine Erfahrung, prallt man mit neuen Gedanken auf die tradierte Meinung wie auf eine Betonwand. Wie kann das auch anders sein, wenn man nicht sehen kann, was man nicht auch denken kann? Also stellt sich doch die Frage, wie man solche simplen Einsichten anderen Menschen näher bringen kann, die man selbst als richtig und absolut bedeutsam erkannt hat.

Sonst bleibt es, wie schon manche sagten etwa Schopenhauer: Ein neuer Gedanke wird zuerst verlacht, dann bekämpft, bis er nach längerer Zeit als selbstverständlich gilt. Die wichtige Frage ist, ob wir aktuell noch die Zeit haben, solange zu warten. Dabei geht es nicht darum, Recht zu haben oder auch zu behalten, sondern einfach einmal in ein offenes Gespräch zu kommen. Solange wie wir nicht zu einem gemeinsamen dialogischen Gespräch bereit sind, solange hilft es auch nicht immer wieder darauf hinzuweisen, was andere falsch tun. Denn woher wissen wir überhaupt, dass die Lösungen, die wir favorisieren, überhaupt die Richtigen sind? Was bleibt uns also übrig, als endlich miteinander zu reden? Jenseits der Konventionen? Das wäre, für mich, der erste Schritt, soll etwas anders sein in der Welt. Reden ist eindeutig besser als sich aufzuregen.

Aber dazu gehören zwei. Mindestens.

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