Streben nach Vollendung

Immer wieder begegnen uns vollendete Momente in unserem Leben, Momente, in denen alles stimmig ist, zueinander passt und »richtig« ist. Üblicherweise suchen wir diese Momente im Außen, statt selbst ein solcher Moment zu sein.

Vollendet zu sein bezieht sich auf einen selbst und ist im Grunde etwas Selbstverständliches und »eigentlich« ganz Normales. Vollendet zu sein bedeutet, fertig zu sein, so wie das Werk des Künstlers, dem nichts mehr hinzugefügt werden kann. Es ist das Bewusstsein für das, was »da« ist, was in diesem Augenblick ist, dem man unverstellt und unmittelbar, weil wesentlich begegnet.

Es geht hier also um das Wesentlich-Sein. Wenn wir frei von Anhaftungen, frei von Konditionierungen sind und frei von Fixierungen oder Identifizierungen, wenn wir ganz ursprünglich wir selbst sind,  unbefangen wie Kinder, doch mit der Intelligenz und dem Wissen des Erwachsenen. 

Was für nicht sozialisierte Lebewesen, kleine Kinder, Tiere und die Natur unbewusst möglich ist, muss der sozialisierte Erwachsene bewusst wiederfinden: das eigene, ursprüngliche Wesen. Das neugeborene Baby ist vollendet, der Erwachsene muss es wieder werden, er muss wieder zurückfinden in die ursprüngliche Einheit des Seins.

Wenn wir in uns selbst zentriert und gesammelt sind, erfahren wir ein tiefes Gefühl des Einverstandenseins, das Gefühl, dass wir genau dort sind, wo wir hingehören. Das Wesen der eigenen Existenz finden wir nur in unserem eigenen ursprünglichen Geist.

Sind wir auf diese Weise gesammelt und zentriert, stellt sich tiefes Verstehen ein und Akzeptanz mit den Dingen, so wie sie sind. Nur dann, wenn wir uns nicht gegen eine Situation stellen, sie nicht bekämpfen, können wir das tun, was zu tun möglich ist. Lehnen wir etwas ab, sind wir blockiert und nicht in der Lage, angemessen zu handeln.

Aber das ist nicht alles. Wenn wir in dieser Haltung der Zentrierung, Konzentration und inneren Sammlung bleiben, kommen wir unweigerlich zu dem Punkt, an dem wir die Essenz unseres ursprünglichen Wesens direkt wahrnehmen. Dies ist ein Wahrnehmen und Bewusstwerden durch die unmittelbare Erfahrung jenseits des Verstandes. 

Wenn Körper, Gefühle, Wahrnehmung, Denken und Bewusstsein zentriert sind, kommen wir in einen Zustand vollkommener gedanklicher Ruhe, unabhängig von den äußeren Umständen. Dieser unbewegte Geist steht weder still nach ist er unbeweglich wie ein Stein, sondern es ist ein Geist, der an nichts haftet, der nicht stehen bleibt und mit den Dingen fließt. Ein solcher Geist ist in ständiger Bewegung und durch nichts fixiert.

Zen-Meister Rinzai Zenji beschreibt diesen Geist als das Gesicht eines Babys, umgeben von weißem, 3000 Fuß langem Haar. Das ist seine Beschreibung von einem Menschen, der in seiner Existenz die Einheit und den klaren Geist eines Babys manifestiert und gleichzeitig eine tiefe Erfahrung in der Gesellschaft hat. Also jemand, der direkt wahrnehmen kann und sich dabei der Verantwortung bewusst ist, die das Leben in der Gesellschaft mit sich bringt, und demgemäß handelt. Mit dem Gesicht eines Babys zum Ausdruck gebracht, dass dieser Geist, eben wie der Geist eines Babys, ohne Konditionierungen, ohne Fixierungen und ohne Identifizierungen ist.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.