Todesangst und Fremdenfeindlichkeit

Statt sich in wortgewaltigen Tiraden gegen die auszutoben, die dagegen sind – übrigens ein wunderschönes Paradoxon, gegen die sein, die dagegen sind, heißt ja geeint zu sein im Dagegen-sein – also dann sollte man stattdessen vielleicht den eigentlichen Grund herausfinden, sozusagen das erste Fraktal.

Das ist nämlich Todesangst. Der Forscher Sheldon Salomon, zuerst belächelt, mittlerweile doch ernst genommen, hat den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Todesangst und Fremdenfeindlichkeit festgestellt. (Spiegel 25/2016) Je bewusster uns unsere eigene Sterblichkeit ist, also nicht mehr verdeckt von einer Kultur der vermeintlichen mehr-oder-weniger Unsterblichkeit, je bewusster uns unsere Endlichkeit ist, weil unsere Kultur brüchig geworden ist, desto unerbittlicher reagieren wir auf Verstöße gegen unsere Moral und desto fremdenfeindlicher werden wir.

Ist ja – aus buddhistischer Sicht – auch absolut logisch. Solange wir in der Vorstellung voneinander getrennten Individuen leben und uns dementsprechend einzurichten suchen, solange wird es so sein, dass Todesangst unseren Ich-Raum drastisch schrumpfen lässt. Und wenn man sich nicht darüber im Klaren ist, kämpft man eben gegen den vermeintlichen Aggressor.

Nur ganz umsonst, denn das ist ja nicht das Problem. Aber wer kann dagegen etwas sagen, denn aus der Sicht der Menschen stimmt es ja! Also gegen ihre Fremdenfeindlichkeit zu argumentieren ändert definitiv überhaupt nichts. Es ist ja nicht nur ihre Meinung, die sie da kundtun, nein, es sind ihre Ängste. und die sind ja nun einmal real, auch wenn sie in Wirklichkeit eine Illusion sind. Die Ängste sind nicht irreal, nur ihre Ursachen sind es.

Das Einzige, das helfen könnte, wäre ihnen klar zu machen, dass sie und derjenige, auf den sie einen solchen Brass haben, tatsächlich Eines sind – in sich differenziert, aber eben Eines. Und wem das zu viel Zen oder zu mystisch ist, der wende sich an die Quantenphysiker. Die sagen das nämlich auch. Wie sagte schon Einstein?

Er (der Mensch) erfährt sich, seine Gedanken und Gefühle als etwas, das ihn von den anderen trennt, aber dies ist eine Art optischer Täuschung des gewöhnlichen Bewusstseins.

Diese Täuschung ist wie ein Gefängnis, das unsere persönlichen Wünsche und unsere Zuneigung auf einige wenige Menschen beschränkt, mit denen wir näher zu tun haben.

Es ist so einfach, dass es bald weh tut. Wir haben ein schlichtes Wahrnehmungsproblem. Solange die Menschen, jedenfalls die Mehrzahl von ihnen, nicht erkennen, dass der vermeintliche Feind, den sie bekämpfen, sich zu ihnen verhält wie eine Zelle der rechten Hand zu einer Zelle der linken Hand, solange werden die Menschen mit ihren Aggressionen letztlich nur sich selbst bekriegen.

Diese Aggression wird die Menschen am Ende aus ganz anderen Gründen zerstören, als sie glauben. Ein Mediziner würde es wohl autoaggressives Verhalten nennen. Und dagegen gibt es kein Medikament. Das Einzige, das hilft, ist zu begreifen, dass die üblichen Annahmen über uns, die Anderen und die Welt einfach unrealistisch sind.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.