Und dann?

August 2012, Lübeck, Marienkirche, eine Ausstellung mit Fotos und Texten von Simone Weil. Texte und Bilder, die betroffen machen, einen schauern lassen, vor allem weil sie Denken und Haltung der Menschen beschreibt, die unendliches Leid möglich gemacht hat. Und es unterscheidet sich kaum von dem Denken der Menschen heute.

Dann, wieder auf der Straße, zurück im abendlichen Gewimmel, die Abendsonne im Gesicht, einen Cappuccino zum Ausklang des Stadtbummels vor mir, werde ich die Bilder nicht mehr los.

Und, fragen sie mich, was machst du? Begnügst du dich damit, anders zu denken? Oder versuchst du die Gesellschaft zu einer besseren Gesellschaft hin zu bewegen?

Das eine genügt nicht, das andere ist sinnlos. Bin ich demgegenüber machtlos? Soll ich es wieder vergessen? Oder muss ich akzeptieren, dass die Menschen eben so sind?

Was also werde ich tun? Was muss ich tun? Was kann ich tun?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich darüber im Klaren sein, was in der Gesellschaft geschieht. Der Mensch ist im Zuge seiner Selbstbewusstwerdung in den Zustand der Dichotomie gekommen, der Zweiteilung in eine gesellschaftliche Person und sein ursprüngliches Wesen.

Letzteres hat er erst verleugnet und dann verdrängt, weil seinem Wesen entsprechend zu sein und sich gesellschaftlichen Konventionen und damit einhergehenden Anforderungen an sein Verhalten zu widersprechen oder auch zu widersetzen in seiner Wahrnehmung sein Überleben bedroht hat.

Damit ist der Mensch zu einem Gefangenen seiner eigenen Überzeugung gekommen, dass nur die Unterordnung unter diese gesellschaftlichen Konventionen seine Existenz gewährleisten kann.

Was aber für das Kind aus seiner Abhängigkeit heraus zutraf, tut es nicht mehr für den erwachsenen“ Menschen, doch weil er sich seiner selbst, also seines Wesens, nicht mehr bewusst ist, sondern sich über gesellschaftlich determinierte Vorstellungen über seine Person definiert. Weil er darum aber nicht weiß, bleibt er in seiner eigenen unzutreffenden Vorstellung über sich und die Welt gefangen – in der Vorstellung des Kindes von damals.

Der so oft zitierte Satz ‚werdet wie die Kinder‘ müsste eigentlich lauten: Weil ihr noch immer wie Kinder und nicht wirklich erwachsen geworden seid, erinnert euch wieder an die Kinder von damals, geht zurück in eurer Erinnerung, damit ihr die Ursache für den Schmerz wahrnehmt, den ihr noch heute spürt und der euch ins Vergessen geführt hat.

Weil ihr gelernt habt zu funktionieren, spürt ihr den Schmerz nicht mehr, doch er ist immer noch da. Nur so werdet ihr eures wahren Wesens wieder gewahr, denn nur dann könnt ihr euch aus den verdrängten Emotionen und Gefühlen von damals befreien und erwachsen werden. Das müsste man den Menschen sagen.

Dieses Verdrängen und Vergessen ist tatsächlich relativ, denn das Erleben von damals hat die Basis für unser Welt- und  unser Selbstbildnis gelegt und damit unser Verhalten zutiefst geprägt. Und so bleibt die Identifizierung mit der das Wesen verleugnende Persönlichkeit und Identität aufrechterhalten.

Die fatale Folge ist, dass dieses unzutreffende Welt- und Selbstbild durch die daraus resultierenden Erfahrungen als Folge unseres Verhaltens noch weiter verfestigt wird. Ein Teufelskreis?

Nicht wirklich, denn man kan ihn durchschauen und dadurch beenden. Doch wohin mit den ‚alten‘ Gefühlen und Emotionen? Wie kann man diese auflösen? Die Lösung ist einfach, aber emotionslos. Das ist die Krux. Denn die Menschen folgen immer noch ihren Emotionen, wie Kinder eben. Übrigens auch die, die sich als Verstandesmenschen bezeichnen würden. Wirklich Erwachsene folgen nicht ihrem Verstand und keiner gesellschaftlichen Kondition, sondern ihrem Wesen.

Wollenwir also erwachsen sein und uns aus der Identifizierung mit dem falschen Selbst genauso wie aus gesellschaftlichen Konditionen und der zugrunde liegenden Konstruktion von Wirklichkeit lösen, müssen wir eine andere Wirklichkeit leben.

Die einen finden sie in ihrem Glauben und in der Hinwendung zu Gott, andere in einer geistig-spirituellen Praxis (und nicht nur gelegentlichen Auszeiten vom Alltag). Es ist das Suchen und Streben nach dem, was wesentlich und wahrhaftig ist, das nur im Einklang und in Harmonie mit dem Absoluten zu finden ist, niemals aber in dem Versuch, die Gesellschaft oder die Verhältnisse verändern zu wollen, denn das hieße ja nur, die eine Konstruktion von Wirklichkeit mit einer anderen auszutauschen. Es geht nicht um unsere Überzeugungen von der Wirklichkeit, sondern um die Erfahrung der Wirklichkeit. Was natürlich eine echte Herausforderung ist, glauben doch die meisten Menschen, sie würden genau das tun. Sagte man ihnen, dass sie in einer Illusion leben, würden sie das entscheiden zurückweisen.

Was also kann man tun? Was muss man tun? Und vor allem: Was werde ich tun?

„““

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.