Verifizieren

Warum ist es notwendig, sich Gedanken über Erkenntnistheorie, Bewusstwerdung, Wahrnehmung und Empirie zu machen, wenn doch die einzige Wirklichkeit, die wir verlässlich wissen können, die eigene Erfahrung ist?

Alleine die Tatsache, dass ich eine das normale Bewusstsein übersteigende Erfahrung gemacht habe, vermag diese nicht als wahr zu legitimieren. Jede Erfahrung und dem vorausgehend jede Wahrnehmung ist immer eine körperliche und damit auch eine geistig-mentale. Als solche sind Erfahrung und Wahrnehmung nicht von der persönlichen Geschichte und dem geistig-kulturellen Hintergrund zu trennen.

Es gibt keine unmittelbare, nicht-personale Erfahrung, denn Erfahrung ist immer an den Prozess des Bewusstwerdens gebunden und damit ein personales Geschehen. Dem Alltagsbewusstsein tatsächlich oder vermeintlich widersprechende Erfahrungen deswegen grundsätzlich zu verneinen wäre genauso falsch, wie sie durch die Tatsache der Erfahrung als solche als legitimiert anzusehen.

Zugespitzt formuliert bedeutet dies, dass man sich selbst nicht einfach so glauben darf.

Hier wird mir sicherlich entgegnet, dass gerade die das personale übersteigende Erfahrung die Grenzen des personalen Wahrnehmens gleichfalls übersteigen muss. Dies kann nicht sein, würde es doch bedeuten, dass die Etikettierung als transpersonal ihre eigene Referenz und Existenznachweis wäre.

Eine Erfahrung ist aber noch lange keine Wirklichkeit.

Das »Problem« liegt darin, dass es für das Alltagsbewusstsein übersteigende Erfahrungen keine allgemein anerkannte Erkenntnistheorie gibt. Die wesentliche Frage ist also, wie man verhindert, sich selbst oder einem anderen auf den Leim zu gehen und sich von einer Illusion täuschen zu lassen.

Die Lösung des Problems liegt im Verifizieren. Dies beginnt damit, sich der gedanklichen Konzepte bewusst zu sein, die der Vermittlung der Erfahrung zugrunde liegen, ganz im Sinne von Wittgenstein, der die Sprache als Begrenzung unserer Welt ansah. Der nächste und wohl wesentlichste Schritt ist zu prüfen, was wir wirklich wissen können.

Dass das Einzige, was wir wirklich wissen können ist, dass wir nichts wirklich wissen, ist ein oft zitierter, jedoch selten beherzigter Leitsatz. Gleichwohl darf dies nicht dazu führen, jeglicher Erfahrung den Anspruch auf nicht nur persönliche Wirklichkeit und auch Wahrhaftigkeit nehmen zu wollen.

Üblicherweise stehen sich hier zwei Ansichten gegenüber: auf der einen Seite die Ansicht, dass ein Phänomen wahr sein muss, weil man es erfahren hat bzw., weil dies einer geistig-spirituellen Theorie entspricht und auf der anderen Seite die Ansicht, dass nur die Phänomene wahr sein können, die sich im Rahmen einer anerkannten wissenschaftlichen Theorie bewegen.

Dies hat bedauerlicherweise vielfach dazu geführt, dass sich die Vertreter dieser Ansichten oft recht unversöhnlich gegenüberstehen bis hin zur Ablehnung des den eigenen Ansichten nicht Entsprechenden.

Der Weg aus diesem vermeintlichen Dilemma beginnt zum einen damit, Phänomene, für die es keine Erklärung zu geben scheint, nicht von vorneherein abzulehnen, sondern sie für möglich zu halten und zum anderen, gemachte Erfahrungen nicht leichtfertig zu mystifizieren und sie mit dem Deckmantel vermeintlicher Spiritualität und Geistigkeit verbrämen zu wollen, sondern sie vor der Matrix des uns wissenschaftlich Bekannten genauestens zu betrachten und zu ergründen.

Interessanterweise sind es gerade die als solche angenommenen Widersprüche, die uns weiter bringen. Ein solcher ist beispielsweise, dass wir in unserem klassischen Weltbild »Geist« nicht verorten können. Die Versuchung ist dann groß, doch eine Erklärung dafür zu finden und dem Geist oder dem eigenen Selbst irgendwie einen Platz einzurichten oder seine Abwesenheit mit einer »transzendenten« Theorie zu erklären, die den Raum unseres Universums verlässt und der damit schlechterdings nicht widersprochen werden kann – wie will man da auch den Gegenbeweis antreten?

Widersteht man hingegen dieser Versuchung und akzeptiert die Tatsache, dass es keinen Ort des Geistes oder des Selbst gibt, den man feststellen könnte und belässt es einfach dabei, dann werden erstaunliche Erfahrungen möglich. Dabei ist dieses »einfach« alles andere als simpel, bedeutet es doch, unsere tradierten Vorstellungen von der Wirklichkeit und damit von uns selbst aufzugeben und der Versuchung zu widerstehen einen Ort für das eigene Selbst in dieser Welt ausmachen zu wollen, statt uns der damit einhergehenden Desillusionierung unserer Vorstellung von der eigenen Identität zu widersetzen.

Akzeptiere ich, dass es dieses Selbst, dass ich zu sein glaube, nicht gibt, dann löse ich mich mit dieser Akzeptanz eines Aspektes meiner eigenen Wirklichkeit und Existenz selbstverständlich nicht in Luft auf und mutieren nicht zu einem empfindungs- und emotionslosen Nichts. Tatsächlich lässt sich für mich in der Realität nichts. Ich setze weiter auf meinem Schreibtischstuhl, denke wie vorher und tippe weiter in die Tasten. Geändert hat sich nur diese gedankliche Vorstellung von »Ich«. Was bleibt ist, das, was im Zen So-Sein genannt wird mit der Folge, dass ich zunehmend nicht mich, sondern den Augenblick erfahre.

Die große Schwierigkeit und Herausforderung im Verständnis der das Alltagsbewusstsein übersteigenden Phänomene liegt also weniger in den vermeintlich fehlenden Erklärungsmodellen, sondern in der Herausforderung die darin liegt bereit zu sein, die Vorstellungen über sich selbst, die eigene Identität und Existenz immer wieder aufzugeben.

Das wirklich Paradoxe ist, dass wir durch diese Bereitschaft unserer selbst immer sicherer werden und unsere eigene Existenz immer klarer zu sehen in der Lage sind, sind es doch die Vorstellungen von uns selbst die uns immer wieder dabei behindern, den Dingen auf den Grund zu gehen und die Phänomene unseres Lebens mit dem uns zur Verfügung stehenden Wissen grundsätzlich zu betrachten und zu ergründen.

Wenn wir diesen Weg gehen, zeigt sich sehr schnell, dass viele vermeintlich übernatürliche Phänomene durchaus im Einklang mit dem wissenschaftlichen Weltbild unserer Zeit sind.

Hier scheint sich »die Katze in den Schwanz beißen«, denn durch dieses ergründen finden wir zu dem grundsätzlichen Verständnis unserer Existenz, ohne das wir weiter unserem tradierten Welt – und Selbstbild verhaftet bleiben, das uns Orientierung im Leben ist.

Tatsächlich ist dies kein wirkliches Dilemma denn jede Entwicklung beginnt damit, bisher für nicht möglich Gehaltenes für diesen Augenblick möglich zu halten und die tradierten Ansichten einmal beiseite zustellen.

An dieser Stelle taucht natürlich die Frage auf, ob nur das »starke«, das selbstbewusste Selbst die Kraft und vielleicht auch den Mut aufbringt, sich diesem Prozess des Infragestellens der eigenen Ansichten und Überzeugungen auszusetzen. Andererseits muss man sich vor Augen halten, was einem passieren soll. Stellt sich heraus, dass meine eigenen Überzeugungen über mich selbst nicht der Wirklichkeit entsprechen, dann sind sie es nicht wert daran festzuhalten. Und sind meine Überzeugungen von der Wirklichkeit zutreffend, dann wird keine noch so kluge Theorie diese Überzeugung ernsthaft infrage stellen können.

Denn eins bleibt bei allem sicher: Jeder entscheidet für sich selbst, wovon er überzeugt ist. Nichts kann meine Überzeugungen infrage stellen, wenn ich es nicht selbst tue. Im Zen sagt man, dass nur große Zweifel zur wirklichen Erleuchtung führen. Ein Gedanke, dem ich durchaus zustimme, geht es doch dabei nicht darum, alles und jedes anzuzweifeln, sondern darum, die eigenen Überzeugungen immer wieder zu prüfen und die Erfahrungen, die man im Leben macht durch tiefes Verstehen zu ergründen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.