Von der Philosophie zur Praxis

Es ist nicht das Streben nach Meisterschaft, mit der etwas erreicht werden soll, es ist keine Meisterschaft um unserer selbst willen, sondern, wie es in dem Gedanken »Allein zur Ehre Gottes« nicht besser ausgedrückt werden kann, eine Meisterschaft, die das Absolute ehrt und es so in sich selbst zu erkennen vermag, statt nur darüber zu philosophieren. Was braucht es da noch an Worten? Das ist wahre Lebenskunst.

Kunst ist, wie Dürer einmal gesagt hat, gewaltig. Wie könnte sie auch weniger als das sein, drückt sich doch in wahrer Kunst durch den Künstler nichts anderes als das Absolute selbst aus? Wer diesen Weg der Kunst gehen will, braucht in Dürers Verständnis Leidenschaft, Wissen, das Streben nach Perfektion und eine eigene Meinung. Nichts anderes braucht es auch auf unserem Weg.

Betrachten wir die Welt des konditionierten Lebens, das so viele Menschen leben, und betrachten wir ein wahrhaftiges und wesentliches Leben im Bewusstsein des kosmischen Seins. Bei solchen Gedanken sind wir sind wir stets geneigt, mit den Worten »stattdessen« eine Gegensätzlichkeit zwischen der Welt des irdischen und der Welt des himmlischen zu erzeugen. Nicht zu machen, sondern zu erzeugen, denn tatsächlich ist es die eine Natur allen Seins. So, wie es im Advaita heißt: »nicht eins, nicht zwei.«

Wenn wir uns für den Weg eines wesentlichen und wahrhaftigen Lebens entschieden haben, was liegt da näher, als sich das Absolute zum Gegenüber, zum Begleiter und Freund zu machen? Was einem wie Anbetung erscheinen mag, einem anderen als Anmaßung, ist doch nichts anderes als Selbsterkenntnis, frei von Selbstüberhebung, aber eben im Bewusstsein des eigenen Wesens.

Ein Schüler fragte: »Meister, wer bist du?« Der Meister antwortete: »Was weiß ich?« Der Schüler ging. Am nächsten Tagen kam er wieder und fragte: »Meister, was bist du?« Der Meister antwortete: »Dein Meister.«

Ein Gedanke, der drei Aspekte hat. Der erste Aspekt ist, dass wir akzeptieren, wie wir sind und wo wir sind, statt uns in Träumen, Wünschen und Sehnsüchten zu ergehen. Der nächste Aspekt ist, dass unser wahres Wesen etwas anderes als unsere Persönlichkeit ist, etwas Ursprüngliches. Aus diesen beiden Aspekten folgt der dritte Aspekt, nämlich der, dass wir nach Vollendung unserer selbst streben müssen, dass wir werden müssen, wollen wir sein, was wir sind.

Sind wir uns wirklich bewusst, dass wir autpoietische, »von außen« nicht beeinflussbare Wesen sind, dann sind wir uns auch darüber im Klaren, dass der Weg zu uns selbst ein Weg der Versenkung in den Geist sein muss, ein Weg der Abkehr von Äußerlichkeiten hin zur Innerlichkeit. Dabei darf diese Abkehr nicht als Verzicht auf so genannte materielle Dinge fehlinterpretiert werden. Tatsächlich ist das keine wirkliche Abkehr von einem Außen, weil es dieses Außen nur in unserer gedanklichen Vorstellung gibt.

Wollen wir sein, was wir sind, müssen wir uns also nach innen wenden. Dies ist kein Widerspruch zu dem vorher Gesagten, weil es, bevor wir die Erfahrung der Einheit allen Seins gemacht haben, in unserem Erleben ein Außen und Innen gibt. Es liegt auf der Hand, dass das Bewusstsein für die Tatsache der Autopoiesie dem »Außen« in unserem Erleben eine andere Bedeutung gibt. Je bewusster wir die Welt sehen können, was sie wirklich ist, einfach dadurch, dass wir sehen, wie sie ist, also wie sie im Bewusstwerden entsteht, dann geschieht genau das, was wir anstreben: Das sich Versenken in den Geist. Es geschieht ganz von selbst in der Auflösung unzutreffender Vorstellungen über die Wirklichkeit.

Zu sehen, was ist, bedeutete nämlich nicht, die Dinge als solche »richtig« zu erkennen, sondern zu erkennen, was sie sind: nichts als eine Bewegung im Geist. Darum kann unser Weg zu uns selbst nur ein Weg des Geistes sein. Dabei bedeutet dieses nicht, dass wir uns von jetzt an nur noch mit geistigen Dingen beschäftigen. Dies hieße, die Einheit von Materie und Geist zu verkennen und dem Aspekt »Geist« an zu haften, so wie wir vorher dem materiellen Aspekt angehaftet haben.

Es ist alleine unser Verständnis von der Wirklichkeit, das sich ändert und demzufolge auch unsere Haltung. Weil dies eine Erkenntnis ist, die durch innere Einsicht und Gewahrsein geschieht und nicht durch intellektuelles Verständnis, ist es ein als solches zu erreichendes Ziel, das zugleich ein Weg ist und bleibt. Darum praktizieren wir auch Zen, wenn keiner hinschaut; denn alles andere wäre nur eine Inszenierung in der illusionären Vorstellung, dass es ein Außen gibt, das unserer gewahr werden könnte. Dieser Unterschied im Verständnis der Wirklichkeit ist das, was die traditionelle Kultur des Ostens von der des Westens vielfach unterscheidet.

Übergibt ein Amerikaner oder Westeuropäer ein Geschenk, dann will er etwas Schönes schenken und dem anderen eine Freude machen. Der Japaner hingegen schenkt des Beschenkten wegen. Nicht das Geschenk ist ihm von Bedeutung, sondern die Haltung, mit der er den Beschenkten zu würdigen und ihm die Ehre zu erweisen sucht.

Wir kennen den belächelten Satz »Ehre, wem Ehre gebührt«. Belächelt, weil er vielfach zu einem Synonym für Obrigkeitsdenken und Devotismus geworden ist. Andererseits grüßen sich auch im Westen immer mehr Menschen mit »Namaste!« und achten damit, wenn es nicht nur eine Gebärde ist, die Buddhanatur des anderen, die auch ihre ist, und drücken so ihr Bewusstsein für die Einheit des Seins im Absoluten aus. Achte ich den Buddha in dir, wird er in mir lebendig.

Was also liegt näher, als dem Absoluten, das doch in allem ist und damit auch in unserem Denken und Handeln wie in unserer Präsenz, die Ehre zu erweisen?

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.