Warum eigentlich?

Warum dauert es meist ziemlich lange, oft bis zur Rente, bis Menschen endlich tun, was sie tun wollen?

Naja, wenn man in Rente ist, kann man eben machen, was man mag. Vorher nicht. Aber warum um Himmels Willen ist das so?

Die vordergründige Antwort ist, weil es irgendwie alle tun. Wie soll man da den kollektiven Zwängen entkommen können? Sagt eine oder einer zu dem Chef ,So nicht!‘ – schwups, steht auch schon der Nächste parat, der zum Chef, zwar innerlich knurrend, aber ansonsten sehr höflich sagt: ,Klar Chef, wird gemacht!‘

Tja, ohne Solidarität ist es schwierig, für das Richtige einzutreten. Es sei denn, wir verstehen dass es auf Solidarität überhaupt nicht ankommt. Sondern auf etwas ganz anderes. Also Solidarität, und viele leben irgendwie davon, Solidarität setzt nämlich voraus, dass man sich gegenseitig helfen und unterstützen muss. So nach dem Motto: Wir stehen zusammen gegen die anderen. Oder den Rest der Welt. Weil … .

Die Erklärungen sind vielfältig und logisch, gehen aber von einer unzutreffenden Annahme aus. Nämlich der, das wir alle getrennt voneinander existieren. Zwar mit einander vernetzt, aber eben voneinander getrennt. Das aber ist schlicht falsch. Betrachten Sie einmal Ihren eigenen Körper. Sie sehen Ihr Herz, Ihre Lunge und Ihr Gehirn als von einander getrennte Körperteile an. Aber sind sie das wirklich?

Das muss man grundsätzlich verstehen, will man das Leben verstehen. Die einzelnen Elemente scheinen uns von einander getrennt, wir erleben sie so, doch in Wirklichkeit sind sie es nicht. Wir haben nämlich ein schlichtes Wahrnehmungsproblem. Das zu behaupten ist einfach, es zu verstehen schwieriger, es zu leben verdammt schwierig.

Wie soll man auch Dinge als Eines begreifen, die man doch als voneinander getrennt wahrnimmt? Dazu muss man wissen, dass Wahrnehmung keine sensorische, sondern eine gedankliche Leistung ist. Wir sehen etwa nicht, was unsere Augen wahrnehmen , sondern was unser Gehirn aus den sensorischen Impulsen unserer Augen macht. Oder glauben Sie, eine Biene könnte ein Auto wahrnehmen? Oder eine Tulpe? Eine Biene hat da ganz andere mentale Kategorien. Sie ist mental ganz anders organisiert.

Die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, ist also keine Tatsache, sondern eine gedankliche, Intellektuelle Leistung. Und damit komme ich zurück zu der Eingangs gestellten Frage. Kommt es darauf an, was ich tun will, oder kommt es nicht eher darauf an zu wollen, was zu tun ist? Doch dazu müsste ich (oder Sie) natürlich wissen, was meine Position oder besser meine Aufgabe in dem Ganzen ist. Eine schwierige Aufgabe, aber eine lohnende. Oder es ist eine notwendige Aufgabe. Damit beginnt es, das zu klären.

Ist es schwierig? Oder lohnend? Oder ist es notwendig? Das sind die Gedanken, die uns dabei durch den Kopf gehen. Doch wie sollen wir das überhaupt entscheiden können? An dieser Stelle gibt es so eine Art Weggabelung mit drei Abzweigungen. Die erste ist, wir lassen es sein, zu kompliziert. Die zweite ist, wir überlegen uns, was wir können. Die dritte ist, wir lassen uns ein auf das, was ist.

Das ist die herausforderndste Variante, aber es ist für mich die einzig Logische. Die Herausforderung dabei ist, nicht auf uns selbst hereinzufallen. Aber geht es nicht genau darum, uns von unserem Ich-bezogenem Denken und dementsprechenden Überlegungen zu lösen und offen zu werden für das, was für das Ganze stimmig ist? Das gilt es herauszufinden. Was auch sonst?

Doch nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass, weil wir ja nicht das Ganze sind, letztlich keinen wirklichen Einfluss auf die Dinge haben, sozusagen nur ein ausführendes Organ. Doch das glaube ich nicht, und es entspricht auch nicht dem Gedanken der Selbstorganisation, der die ganze Natur durchzieht, also auch uns, unser ganzes Leben. Heißt also, wir sind das Ganze? Irgendwie schon. Und doch nicht. Also sowohl als auch? Genau!

Heißt, dass, leben wir nicht im Bewusstsein dieser sich scheinbar zu widersprechenden Wirklichkeit, wir irgendwie abgeschritten sind – von uns selbst. Unser eigenes Potential zu leben bedeutet also nicht irgendeinem Ego-Trip zu folgen und es bedeutet auch nicht, sich eine Lehre oder einem Menschen zu unterwerfen, sondern es bedeutet, das Ganze in sich selbst zu erkennen, zu finden und zu leben. Hat etwas mit ,sich weihen‘ zu tun, nur dass man sich nicht etwas außerhalb sich selbst weiht, sondern dem, das man selbst ist.

Ganz schön anspruchsvoll. Ach wie schön war es da noch, als man noch irgendeiner Ideologie, einem Guru oder der vermeintlichen ,Realität‘ folgen konnte. Ja, man muss sich weihen (ohne letztlich) und man muss folgen, aber eben sich selbst, ohne dabei sich selbst zu folgen. Das zu erkennen ist, glaube ich, der Beginn des Erwachsen-Werdens. Und damit sollte man nicht mit der  Rente anfangen, sondern vorher.

So, und wie könnte man das jetzt verkürzt sagen? Etwa so, mit den Worten von Huang Po :

Fort mit eurem Dualismus, mit euren Vorlieben und Abneigungen. Jedes einzelnen Ding ist eben der Eine Geist. Hast du dies erkannt, hast du das Gefährt der Buddhas bestiegen.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.