Warum sollten (Arbeits-) Methodiker Zen praktizieren?

Auch wenn wir es anders erleben: ‚Das Ding an sich‘, also etwas unabhängig von unserer Wahrnehmung real Existierendes, gibt es tatsächlich nicht.

Das aber braucht der Methodiker für die lineare Ableitbarkeit und Wiederholbarkeit seiner methodischen Strukturen, was zwangsläufig zur nur relativen Tauglichkeit methodischer Konzepte führt. Die grundlegende Reflexion von Wahrnehmung und den mit ihr einhergehenden Phänomenen macht erfahrbar, dass Methoden neu und anders gedacht werden sollten oder genauer müssten als das bisher der Fall ist.

Alles methodische Denken baut auf Wissen und Erfahrung auf, die wiederum auf dem internalen Weltbild des Wissenden und Erfahrenden aufbaut. Jede Wahrnehmung basiert auf einer konkreten, aber selten bewussten Epistemologie. Es gibt keine Erkenntnis ohne Theorie und die bestimmt eben, was erkannt werden kann.

(Nicht nur) Methodiker gründen ihr Wissen und ihre Überlegungen auf den Erkenntnissen der Wissenschaften, was nicht nur nicht zu beanstanden ist, sondern konsequent und richtig, denn niemals dürfen wir unser Wissen über das Wesen und die Natur der Dinge ignorieren, wollen wir nicht der Spekulation und der Irrationalität anheimfallen.

Doch können wir uns so selbstverständlich, wie wir es üblicherweise tun, auf das verlassen, was uns die verschiedenen Wissenschaften als ‚So ist es‘ vermitteln, vor allem da, wo es um die nicht-materiellen Phänomene unseres Denkens und unserer Psyche geht?

Um diese Frage nicht nur glaubend mit ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ beantworten zu können, hilft ein genauer Blick auf das, was Wissenschaft eigentlich ausmacht.  Das übliche Vorgehen des Wissenschaftlers ist die Phänomene der Geschehnisse, ob sie nun materieller, geistiger oder psychischer Natur sind, genau zu beobachten und eine Theorie über die den Erscheinungen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten zu bilden, um dann in einem zweiten Schritt die Validität dieser bis dahin rein theoretischen Annahmen mittels einer schlüssigen Dokumentation – sprich Wiederholbarkeit – unter Beweis zu stellen.

Bis dahin ist ja noch alles im grünen Bereich. Konventionelle wissenschaftliche Erkenntnis absorbiert Phänomene in einer mathematischen oder sonstigen Formel und nimmt ihnen damit ihre Ereignishaftigkeit, die nicht vom Kontext zu lösen ist, ohne sie aufzulösen. Und genau darin steckt das Problem, die alte Frage, wie eigentlich der Geist in die Maschine kommt: Wo treffen Geist und Materie aufeinander?

Die einen suchen das Problem dadurch zu lösen, dass sie alle Phänomene, auch geistige, auf eine der Materie immanenten Funktionalität zurückzuführen suchen und alles rein Geistige schlicht ignorieren. Dagegen spricht, dass wir ja dann alle irgendwie so eine Art Kohlenstoffeinheit-Roboter wären, was zumindest mit meinem Erleben nicht in Einklang zu bringen ist.

Wesentlich bedeutsamer scheint mir aber, dass die sogenannten Materialisten auf viele Phänomene des täglichen Lebens schlicht keine Antwort wissen und ihre Überlegungen auch mit den Erkenntnissen über die Natur der Materie nicht (mehr) in Einklang zu bringen sind.

Wir können die Phänomene also nur dann wirklich verstehen, wenn wir die Verbindung von Geist und Materie zu verstehen in der Lage sind – und anders, als es die Kopenhagener Deutung mit den offenen Fragen der Quantenphysik tat, dies mit einem schlichten ‚wir wissen es eben nicht‘ zu erklären, was ja in Wirklichkeit keine ist. Materie und alles Leben hat eine materielle Struktur – aber der Geist offensichtlich nicht, jedenfalls gelingt es nicht, ihn in unserer materiellen Welt zu verorten.

Was also liegt näher; als bei allen Versuchen, die Wirklichkeit, also die Welt, zu erklären genau den Geist, der da zu erfahren und zu erklären sucht, aus dem ganzen Bild herausrechnen. Das ist ein bisschen so, wie wenn ich mir über die Beziehung zu meiner Frau Gedanken mache, dabei aber so tue, als hätte ich damit gar nichts zu tun und wäre schlicht nicht anwesend.

Bedenken wir aber, dass alles Wissen, jede Erkenntnis und jede Erfahrung nur über unsere Sinnesorgane geschehen kann und die Welt, die wir da erleben, eine reine Aktivität von Geist ist, die keinerlei unmittelbaren materiellen Bezug zur Wahrnehmung hat, dann bedeutet das nichts anderes, als dass die Welt allein im Bewusstsein existiert.

Die Frage, ob es die Welt geben kann, wenn es keinerlei Bewusstsein gibt, stellen sich nicht nur Mystiker, sondern eben auch Quantenphysiker. Über die Frage lohnt es sich wirklich einmal nachzudenken, auch wenn dabei unser übliches Verständnis von ‚Wirklichkeit‘ in sich zusammenstürzen wird, wie ein Kartenhaus bei dem kleinsten Windstoß.

Wenn aber die Welt nur im Bewusstsein existiert, wenn also alles nur eine Bewegung im Geist ist, dann müssen schleunigst anfangen, über unser traditionelles Weltbild hinaus zu denken.

Was natürlich die Frage aufwirft, was dies mit Zen zu tun hat.

Das ‚Problem‘, das Zen dabei hat ist, dass es im Verständnis vieler Menschen als eine spirituelle oder philosophische Praxis in ein Schema gepresst wird, in das es nicht hineingehört. Und auch Meditation, Achtsamkeit und Kontemplation als die wesentlichsten Aspekte des Zen anzusehen verkennt vollkommen, dass Zen vor allem eine konsequente Schulung der Wahrnehmung, des Denkens und eben des Geistes ist.

Denn genau darum geht es: Wollen wir sehen, was wirklich ist, müssen wir die Welt anders als bisher denken. Und das können wir nur, wenn wir uns ohne Einschränkung aus Konditionierungen, unzutreffenden Vorstellungen über Wirklichkeit, Fixierungen und vor allem auch Identifizierungen gelöst haben.

Und weil es wenige ‚lebendige‘ Geistesschulungen wie die des Zen gibt, drängt sich die Beschäftigung mit der Philosophia perennis und den Gedanken des Zen regelrecht auf.

Dagegen könnte man einwenden, dass es doch jetzt schon auf einer transpersonalen Sichtweise basierende methodische Konzepte gibt, wie etwa Kaizen oder das, was Jim Collins in seinem Buch ‚Der Weg zu den Besten beschreibt‘.

All diese Gedanken bauen unverzichtbar auf einem ganz spezifischen inneren Weltbild und Selbstverständnis auf. Exemplarisch dafür ist, dass etwa bei der Beschäftigung mit der Unternehmenspraxis von Toyota, die vor einigen Jahren ja wirklich beeindruckend und über alles erfolgreich war, der ‚Toyota way‘ schlicht kaum wahrgenommen wurde und bis heute nicht wird.

Es geht eben nicht um eine Methode, sondern um eine Haltung. Die Frage, der wir uns also stellen müssen ist, wessen Geistes Kind wir sind. Gehen wir noch davon aus, dass Wahrnehmung nur eine Repräsentation der Welt in unserem Denken ist, oder haben wir verstanden, dass die Welt allein im Bewusstsein existiert und eben keine Repräsentation eines „Dings an sich“ ist. Klingt fast banal und ist doch für viele und vielleicht die meisten Menschen eine ziemliche (Denk-) Herausforderung.

Was so unaufgeregt daherkommt ist tatsächlich ein Quantensprung im Denken mit beachtlichen Folgen. Aber das ist ein anderes Thema. Erst mal müssen wir akzeptieren, dass die Welt nicht das ist, was wir glauben. Wer jetzt sagt: ‚Aber es hat doch bisher immer gut funktioniert!‘, die oder der möge einmal die Tageszeitung und die Wirtschaftsnachrichten aufmerksam lesen und sich fragen, ob wirklich alles ‚gut funktioniert‘.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.