Weglassen, was nicht dazugehört

Wir ,finden‘ uns selbst, indem wir uns von dem lösen, was nicht unseres ist.

Als Michelangelo seinen David geschaffen hatte, soll er vom Papst Julius II. gefragt worden sein, was das Geheimnis seines Genies sei. Michelangelo hat, so die Legende, darauf geantwortet, er hätte einfach alles von dem Marmorblock weggeschlagen, was nicht David sei.

Was ich damit sagen will: Wir müssen nicht warten, bis wir die große Erleuchtung passiert oder wir was auch immer erreicht haben, um anfangen zu können, die oder der zu sein, der wir sind.

Viele fragen sich im Grunde ständig ‚Wer bin ich?‘, statt dass sie einfach anfangen, sich von dem zu befreien, was nicht dazu gehört. Die Frage ‚Wer bin ich?‘ zu stellen ist die Garantie, kein Jota auf dem Weg zu sich selbst voranzukommen, denn wir sind ja, was wir sind. Da gibt es keinen Weg der Selbsterkenntnis oder sonst irgendwo hin. Und da gibt es auch kein wahres Ich. Und wenn uns etwas nicht gefällt, dann lassen wir es eben. Aber sagen Sie mir jetzt nicht, dass ich früher selber so einen Schwachsinn verzapft habe, ich weiß es. Hat gedauert, bis der Groschen gefallen ist.

Selbsterkenntnis darf nicht die Frage nach einem Ursprung oder wahren Kern sein, es ist in Wahrheit überhaupt keine Frage, sondern ein konsequenter Akt der Bewusstheit. Wir brauchen nur bewusst wahrzunehmen, wie wir sind und was wir tun und können im selben Moment damit aufhören, wenn es uns nicht gefällt. Wird mir bewusst, dass ich mich ständig am Kopf kratze und finde das affig, dann kann ich es ja lassen. Einfach so. Braucht natürlich Disziplin, bis das Gehirn anders organisiert ist und es auch automatisch funktioniert, aber im Grunde – einfach lassen.

Wir suchen ja immer unser wahres Ich, fragen uns, was wir sind oder wer wir sind. Doch ich bin eben so,  wie ich bin, das ist mein wahres und einziges ‚Ich‘. Solange wir nach unserem wahren Ich suchen, nehmen wir hin, bescheuert zu sein, denn das sind ja nicht wir, sondern das falsche Ich, wir sind ja eigentlich ganz anders. Was für eine Illusion, was für ein Taschenspielertrick!

Wenn ich bescheuert bin, bin ICH bescheuert und nichts anderes. Also aufhören damit! Funktioniert am besten, indem man zu einem geht und sagt ‚Gott bin ich bescheuert! Ich höre jetzt auf damit, aber sag mir bitte, wenn ich rückfällig werde. Danke!‘

Hören Sie auf zu fragen, wo die Reise hingehen soll. Nirgends geht sie hin. Denn Sie sind, wir alle sind, was wir eben sind. Das hat nun nichts mit Fatalismus zu tun, sondern ist ganz einfach praktizierte Ehrlichkeit. Also nicht jammern, sondern anders sein. Der bei vielen zu beobachtende Hang zum Fatalismus hat übrigens einen Grund, den man nicht bagatellisieren darf. Haben wir begriffen, dass wir bescheuert sind, müssen wir das eben auch noch in unsere Gehirnwindungen hineinbekommen beziehungsweise das Bescheuert-Sein herausbekommen. Das kostet Zeit und braucht Disziplin.

Und entschuldigen Sie, wenn ich immer von Bescheuert-Sein spreche. Aber sind wir es nicht? Wir sind gerade wunderbar dabei, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen. Also, wenn das nicht bescheuert ist, dann weiß ich auch nicht weiter.

Und noch was. Bleiben Sie gedanklich nicht an dem Ich kleben, sonst merken Sie am Ende nicht, dass das auch nur ein Trick von was auch immer ist. Das mit dem David-Beispiel am Anfang ist ja nur bedingt auf uns Menschen anwendbar. Unser Problem ist, wir merken nicht, dass, sobald wir etwas als außerhalb von uns existierend erkannt haben – also nicht, weil es so wäre, sondern weil wir es uns so denken – also in dem selben Moment haben wir auch das Ich erzeugt. Wenn es ein Außen gibt, gibt es auch ein Innen.

Ja, Sprache ist tückisch. Sie gaukelt uns eine Welt vor, die es tatsächlich überhaupt nicht gibt, sondern die wir uns nur denken. Und am Ende glauben wir auch noch, was wir sagen. Aber ich sag jetzt nicht, das wäre bescheuert. Denn es ist schlimmer, wirklich hirnrissig.

Peter D. Zettel
Wie bringe ich meine 'wahre' Natur zum Ausdruck? Wie gelingt es mir, das, was ich 'Innen' erlebe mit dem 'Äußeren' in Einklang zu bringen? Wie löse ich letztlich die Trennung in meinem Denken und Handeln auf? Das sind die Fragen, auf die ich hier Antworten formulieren möchte.